Schlechtes Wetter freute ihn

Das kleinste Museum der Schweiz steht im Aargau. Es ist dem Landschaftsmaler Adolf Stäbli gewidmet. Seine Spezialität: Düstere Regenbilder.

Ein Bild von Adolf Stäbli im Stäblisaal im Stadtmuseum in Brugg. Bild: Valerie Chetelat

Ein Bild von Adolf Stäbli im Stäblisaal im Stadtmuseum in Brugg. Bild: Valerie Chetelat

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Alle hätten sie gern gutes Wetter. Und dann regnet es in Strömen. Alle versprechen sie sich das Blaue vom Himmel, doch hinter ihnen türmen sich die Wolken. 200-mal pro Jahr wird im Stäbli-Saal in Brugg geheiratet; von düsteren Gemälden sind die Trauleute hier umgeben. Links der Tür ist die Stimmung noch heiter, man sieht von der Sonne liebkoste Landschaften. Dann kommt Wind auf, die Bilder werden dunkler. An der zweiten Wand das Crescendo: Jetzt beginnt ein Gewitter, es schüttet. Ein überfluteter Landstrich. Abgeschlossen wird die Runde vom traurigsten Anblick: einem Kruzifix im Regen.

Und dann sind da noch drei Porträts jenes Mannes, von dem die Sturmlandschaften stammen: Adolf Stäbli, geboren 1842 in Winterthur, gestorben 1901 in München, Bürger von Brugg. Zu Lebzeiten wenn auch nicht berühmt, so doch bekannt (Arnold Böcklin, schon damals ein Star, hielt Stäbli für den einzigen bedeutenden Künstler in München); heute hingegen keine Grösse mehr. Immerhin: 1984 schenkte sich die Gemeinde Brugg zum 700-Jahr-Jubiläum ihres Stadtrechts eine Stäbli-Schau.

2015 zeigte das Aargauer Kunsthaus eine Ausstellung des Malers, der ausserhalb der Wohnzimmer alteingesessener Brugger Familien kaum mehr präsent war. Dabei besitzt fast jedes Schweizer Kunstmuseum Werke von Stäbli, ebenso der Bund. In der Münchner Pinakothek gehörte er eine Zeit lang zu den Ausgestellten, jetzt lagern seine Bilder im Depot. Der Brugger Stäbli-Saal ist deshalb die grösste Stäbli-Dauerausstellung: 28 Gemälde, dazu fünf seiner Malerfreunde Rudolf Koller, Otto Frölicher, Ernst Zimmermann und Gustav Holweg. Dazwischen wird geheiratet.

Wein gegen Bilder

Mit dem Heiraten hatte es Stäbli überhaupt nicht. Ewiger Junggeselle, war seine Schwester Adèle, wohnhaft in Brugg, die Frau, die ihm am nächsten war im Leben. «Im übrigen bin ich der alte liederliche Stab den Wiber zuwider haben», schrieb der Maler einem Freund. Erst mit über 50 gab er sich einmal seinen Gefühlen hin und liebte, wen er am häufigsten sah: die Tochter der Wirtin seiner Stammkneipe in München. Doch die Sache war eine einseitige.

Seine Zeitgenossen beschreiben «den Stab» trotzdem als geselligen Kerl, der sang, wenn ihm das Herz überging. Was aber selten war, meistens schwieg er. Sein Lebensgefühl war die Schwermut. Mit den Freunden des Münchner Künstlervereins Allotria sass er in der Veltlinerstube und trank vom Dortigen, und zwar viel. Konnte er wieder einmal nicht bezahlen, liess er ein Gemälde da.

Stäbli war Sohn eines Zeichnungslehrers und Schüler von Rudolf Koller. 1867 ging er nach Paris, wenige Jahre zu früh, um auf die Impressionisten zu treffen. Beeindruckt war er aber von der Schule von Barbizon. Von diesen Freiluftmalern übernahm er die «paysage intime», in der Natur nicht Kulisse, sondern der eigentliche Gegenstand ist – bei Stäbli mit einem Hauch von Romantik. «Meine Malerei ist Erlebnis, nicht Erfindung», sagte er. Seine Motive fand er im Umland von München oder in der Heimat.

Doch irgendwann ging Stäbli die Freude an Schweizer und Allgäuer Ansichten ab: «Mir will oft jahrelang kein neuer Wurf gelingen. Ich müsste in eine neue Landschaft, aber ich weiss nicht, wo die ist!» 1886 kam sie zu ihm. Nach einem gewittrigen Sommer trat die Isar über die Ufer. Mit einer Staffelei stellte sich Stäbli in die Fluten, malte und war, was er selten war: glücklich. Noch im September 1890 berichtete der Maler Otto Frölicher resigniert: «Wochenlange Sündflut. Schändliches Wetter, rein umsonst draussen gewesen; Die Mehrzahl der Landschafter ist zurück. Nur Stäbli macht in Überschwemmung.»

Die Regenbilder waren von einer existenziellen Kraft, die den Landschaften alles Idyllische nahm. Im bewegten und summarischen Stil von Stäblis letzten Werken wollen manche Kunsthistoriker Andeutungen des aufkommenden Expressionismus sehen. Trotz seines frühen Kontakts mit den Franzosen blieb Stäbli aber bei einer akzeptierten, akademischen Malweise, sodass die auf Neuigkeiten fixierte Kunstgeschichtsschreibung ihm keine eigene Rubrik widmet. Für ein eigentliches Spätwerk, das das vielleicht geändert hätte, fehlte ihm die Zeit.

Schon 1894 hätte ihn ein Missgeschick fast das Leben gekostet. Stäbli benutzte Chloroform zum Reinigen der Palette. Und er trank beim Malen. Als er einmal, die Gifte verwechselnd, zur falschen Flasche griff, handelte er sich ein Leberkoma ein. Gesund wurde er nie. Das erste Bild, das er nach dem Unfall malte, war das Kruzifix im Regen. Am Ende wars dann aber wohl seine Sucht, die Stäblis Leben nach 59 Jahren beendete. Nur Wochen vor seinem Tod wurde ihm, nicht einstimmig, die «Grosse goldene Medaille» der Internationalen Kunstausstellung im Münchner Glaspalast ver­liehen.

Sterbend hatte Stäbli seine grösste Popularität erreicht. In München, Winterthur und Zürich fanden noch Retro­spektiven statt. Die Gottfried-Keller-Stiftung kaufte einiges auf; was übrig blieb, übernahmen Adèle und der Sammler Gottlieb Felber und gaben es der Ortsbürgerschaft Brugg weiter, unter der Bedingung, die Bilder müssten öffentlich gezeigt werden. So entstand der Stäbli-Saal im alten Zeughaus. Weitere Werke Stäblis befinden sich in den Brugger Verwaltungsgebäuden. Angeblich haben Politiker schon verlangt, man solle die Überschwemmungen abhängen, in deren trister Anwesenheit könne man nicht arbeiten. Für Stäbli aber waren Unwetter immer eine Freude. Ganz zuletzt noch schrieb er Adèle: «Herrli, wies tuet blitze und tundere und strätze.»

Stäbli-Saal im Stadtmuseum Brugg, offen jeweils am 1. und 3. Sonntag des Monats. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2017, 20:28 Uhr

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