Schönheit ja, aber ohne Kompromisse

Georg Baselitz ist der Maler, der alles kopfüber stellt – und das Enfant terrible der deutschen Kunstlandschaft. Die Fondation Beyeler feiert seinen 80. Geburtstag nun mit einer Retrospektive.

Kopfüber – gehängt und gemalt: «Schlafzimmer» (1975) von Georg Baselitz. Foto: Jochen Littkemann

Kopfüber – gehängt und gemalt: «Schlafzimmer» (1975) von Georg Baselitz. Foto: Jochen Littkemann

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Jetzt ist genau das passiert, was nicht hätte passieren dürfen. Morgen eröffnet die Fondation Beyeler ihre erste Blockbuster-Schau des Jahres: eine Retrospektive des deutschen Malers Georg Baselitz, der in wenigen Tagen 80 Jahre alt wird. Und nun hat das Wochenmagazin «Die Zeit» ein Interview mit Baselitz abgedruckt – und was der Maler dort vom Stapel liess, lässt die schöne Ausstellungseröffnung in einem kleinen Shitstorm untergehen.

Deutschland, so Baselitz gegenüber der «Zeit», habe seine Demokratie gegen eine Autokratie eingetauscht, spätestens seit die AfD in der Regierung nicht berücksichtigt werde. Überhaupt sei Deutschland «verdorrt», habe ein gestörtes Nationalbewusstsein und wandle heimlich immer noch auf dem «Herrenmenschenpfad». Woran sich das zeige? Daran, dass die Presse den Trump unisono niedermache. Letzterer agiere doch nur, wie ein vernünftiger Politiker eben agieren müsse. Und die Mauer, die er bauen wolle, unterscheide sich im Grunde ja nicht gross von den Elektrozäunen, die viele um ihre Grundstücke hochzögen.

In der Fondation Beyeler wird man gelesen und die Hände gerungen haben. So viele Monate der Vorbereitung – und dann geht der Baselitz hin und macht alles zunichte. Aber man hätte es ja wissen müssen. Man kennt das von ihm, diesem Wüterich der deutschen Kunst, dass er sich in schöner Regelmässigkeit Eklats leistet. Unvergesslich das skurrile Interview, das er 2013 dem «Spiegel» gab und in dem er ernsthaft behauptete, Frauen könnten weniger gut malen als Männer. Oder 1980, bei der Venedig-Biennale: Da setzte er eine Holzfigur in den deutschen Pavillon, die flott das rechte Ärmchen in die Höhe reckte – und wunderte sich dann, dass das Publikum diese Geste nicht als «Regen empfangen» verstehen wollte.

Zu gross für den Türrahmen

Schon das Bild, das Baselitz’ Karrierestart markiert, kam nicht ohne Skandal aus. 1963 zeigte er in seiner ersten Ausstellung in Westberlin – ein paar Jahre zuvor hatte er die DDR verlassen und den Namen seines Vaters, Kern, gegen jenen seiner Geburtsstadt ausgetauscht – das Gemälde «Die grosse Nacht im Eimer». Es ist ein rechtes Geschmiere in dreckigen Farben; aber man erkennt darauf doch klar einen Jungen, der sich an seinem Steifen zu schaffen macht. Das Publikum tobte, die Polizei rückte an, der Staatsanwalt konfiszierte das Werk, und Baselitz – war plötzlich berühmt. Dass er es selbst war, der damals die Beamten bestellte, lässt der Maler heute mal gelten, mal wieder nicht. Aber egal, wie es sich abspielte: Fakt ist, dass er es liebt, sich ins Rampenlicht zu rüpeln.

So ist es ganz richtig, dass die «Nacht im Eimer» nun am Anfang der chronologisch sortierten, 100 Werke starken Retrospektive in Riehen hängt; ein paar Räume weiter sitzt auch das Biennale-Männlein. Wobei man sich den Diminutiv sparen kann: Wenn Baselitz Kunst macht, dann eigentlich immer gross. So gross jedenfalls, dass man die Werke nicht durch einen Türrahmen bringt – damit die Bourgeoisie gar nicht erst auf die Idee komme, sich das übers Sofa hängen zu wollen, wird der Meister im Ausstellungskatalog im Gespräch mit Kurator Martin Schwander zitiert. Und so gross, dass es irgendwann einfacher war, die Leinwände gleich auf dem Fussboden zu bemalen. Was den schönen Nebeneffekt hatte, dass Baselitz beim Arbeiten die Verbindung «nach unten» spürte – als Gegensatz zu «oben», zu den himmlischen Engeln, von deren Existenz die nordalpinen Völker ja bekehrt worden seien. Aber nicht mit ihm!

So steht man nun also in der Fondation vor diesen riesigen Formaten, entdeckt hier und da einen Schuhabdruck auf den Bildern oder eine Hand, wenn der ungeduldige Maler die Farbe mal wieder direkt mit den Fingern auf die Leinwand aufgetragen hat. Und man fragt sich unwillkürlich, ob dieses Œuv­re dieselbe Kraft hätte, wenn dahinter ein weniger getriebener, konfliktscheuer Mensch stünde. Wahrscheinlich nicht.

Anders als Gerhard Richter, der zweite grosse deutsche Maler jener Generation, dessen Werke sogar dann, wenn politisch, etwas Kontemplatives ausstrahlen, ist Baselitz geballte, Kunst gewordene Wut. Er hasse die ganzen Leinwände, die Ölfarben und die Pinsel, meint er im Katalog, aber ohne gehe es eben auch nicht, selbst jetzt noch ziehe es ihn jeden Morgen ins Atelier. Ihn ekelt die Unfähigkeit seiner Landsleute, sich ihrer Geschichte zu stellen, also knallt er ihnen die «Helden» vor den Latz – eine Gemäldeserie von verstümmelten, verstörten Uniformierten. Er verachtet den Kubismus – und malt die sogenannten Frakturbilder, die aussehen, als habe er sie in Stücke geschnitten und zufällig wieder zusammengeklebt.

Trotz allem: Liebe

Vor allem aber traut er dem Gegenständlichen nicht, hält aber auch die Abstraktion für Blödsinn. Also hat er sich etwas dazwischen ausgedacht: Er malt zwar Figürliches, aber kopfüber. Die Bilder, für die Baselitz in erster Linie bekannt ist, werden nicht erst, wenn sie fertig sind, kopfüber gehängt. Sie werden tatsächlich schon so gemalt, all die Porträts, all die Landschaften und Albtraumvisionen, von denen in Riehen ganze Gruppen zusammengetragen wurden. Sogar die stolzen Adler sind bei Baselitz eben nicht stolz, sondern scheinen abzustürzen. Gerhard Schröder hängte, als er Bundeskanzler war, trotzdem einen davon hinter seinem Schreibtisch auf.

Und das Verrückte ist nun, dass Baselitz mit all dem eine ungeheure, wuchtige Schönheit erschaffen hat. Eine kompromisslose, überwältigende Ästhetik, die erklärt, warum der alte Grantler eben doch so geliebt wird, trotz allem. Man sieht das etwa an der Skulpturengruppe «Dresdner Frauen»: Frauenköpfe so gross wie Menschen, mithilfe der Kettensäge aus Holzquadern gefräst, die in ihrer Grobschlächtigkeit interessante, ja: schöne Gesichtszüge haben.

Vor allem aber sieht man es an den vielen Bildern seiner Elke, die Baselitz 1962 geheiratet hat, und die er immer so darzustellen versucht, «dass man nicht spürt, dass ich sie liebe». Ohne Erfolg: Selbst in den jüngsten Werken von 2017, die jetzt erstmals überhaupt gezeigt werden, begegnet man Elke zwar wieder kopfüber, splitterfasernackt und mittlerweile mit Hängebusen – aber eben auch seltsam fragil und gleichzeitig stark. Und manchmal – da erlaubt sich der Meister auf seine alten Tage einen Manierismus – mittels Spritzpistole mit rosaroter Farbe übersprüht. So, als sitze sie mitten in einer rosa Wolke. So viel Verbindung «nach oben» darf dann doch sein.

Ab Sonntag bis 29. April. Zeitgleich zeigt das Kunstmuseum Basel eine ebenso umfassende Auswahl an Baselitz-Werken auf Papier.

Erstellt: 19.01.2018, 18:48 Uhr

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