Schwarze Romantik, glitzernde Steine

Die Stuttgarter Ballettpremiere von «Das Fräulein von S.», choreografiert von Spoerli-Nachfolger Christian Spuck, war raffiniert.

Tanz treibt seine Blüten, schöne und auch giftige: Eine Darstellerin aus «Das Fräulein von S.»

Tanz treibt seine Blüten, schöne und auch giftige: Eine Darstellerin aus «Das Fräulein von S.» Bild: zVg

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Mit dem «Fräulein von S.» ist die Scuderi gemeint - die Schriftstellerin zur Zeit von Ludwig XIV. und die Titelfigur in E.T.A. Hoffmanns Erzählung «Das Fräulein von Scuderi» von 1819. Kann man diese Novelle mit den vielen Figuren und der abgründigen Krimigeschichte (Goldschmied Cardillac tötet im nächtlichen Paris die Käufer seines Schmucks, um die Geschmeide wieder an sich zu reissen) tatsächlich auf eine Ballettbühne bringen?

Christian Spuck, ab nächster Spielzeit Direktor des Zürcher Balletts als Nachfolger von Heinz Spoerli, hat es gewagt. Zurzeit ist er Haus-Choreograf des Stuttgarter Balletts unter Reid Anderson. Sein «Fräulein von S.» reiht sich in eine Serie von Literaturballetten, die er in den letzten 10 Jahren geschaffen hat: «Lulu» (nach Frank Wedekind) und «Der Sandmann» (E.T.A. Hoffmann) für das angestammte Ensemble, «Leonce und Lena» oder «Woyzeck» (beide Georg Büchner) für die Ballette in Essen und Oslo.

Pfiffig, verschwörerisch, hinterhältig

Spuck und sein Dramaturg Michael Küster vom Opernhaus Zürich haben in ihrem Libretto die Vorlage Hoffmanns nicht etwa vereinfacht, sondern zusätzlich durcheinandergeschüttelt und verschlüsselt. Das kann irritieren, weil man zuweilen in Gedanken der Lösung der inhaltlichen Rätsel nachhängt - und die Genialität einzelner Balletteinfälle glatt übersehen könnte.

Für den Zusammenhang des Balletts sorgen zwei starke Frauenfiguren. Zum einen Marcia Haydée, Stuttgarts einstige Primaballerina assoluta und langjährige Ballettchefin. Die 74-Jährige verkörpert die etwa gleichaltrige Scuderi aus der Novelle, deren Handlung im Jahr 1680 angesiedelt ist. Im schwarzen Seidenkleid sitzt oder geht Haydée auf der Bühne. Sie tanzt keinen einzigen Schritt, wirkt aber ungeheuer präsent.

Als zweite Frau figuriert die französische Schauspielerin Mireille Mossé. Von Natur aus zwergwüchsig, eilt sie unbändig komisch auf der Bühne herum und erklärt die jeweiligen Zusammenhänge; pfiffig, verschwörerisch, hinterhältig - ein Kobold ganz im Sinn von E.T.A. Hoffmann. Im Programm nennt man sie S. - wie die Scuderi. Und noch ein drittes S. gehört in diesen Zusammenhang: Es ist der Anfangsbuchstabe der berühmten Firma Swarovski, welche die Klunker für Cardillacs Werkstatt gestiftet hat. Vier Ballerinen in Tellerröcken drehen sich auf Spitze; sie verkörpern Diamant, Rubin, Smaragd und Saphir - George Balanchines Divertissement «Jewels» lässt grüssen. Doch am Schluss bringen die Edelstein-Fräuleins den aufschreienden Cardillac zu Fall.

Zweiter Akt: Schluss mit dem Handlungsballett

Der erste der drei Ballettakte, der vordergründigste, erinnert an einen Comic. Schwarz gekleidete Gestalten, malerisch auf der Bühne gruppiert, erwachen aus ihrer Starrheit. Cardillac schleicht herum, die ersten Morde geschehen, Polizei und Justiz intrigieren und jagen auf falscher Fährte. Die Choreografie, weitgehend auf klassischem Tanz aufgebaut, wirkt noch etwas schematisch. Müsste Marijn Rademaker als Cardillac nicht dämonischer sein? Und fehlt es dem zwar wunderbar tanzenden Liebespaar Madelon (Katja Wünsche) und Olivier (William Moore), Tochter und Geschäftsgehilfe von Cardillac, nicht an Individualität?Der zweite Akt macht Schluss mit dem Handlungsballett. Cardillac, Madelon, Olivier und alle anderen Gestalten aus dem ersten Akt sinken in eine abstrakte Welt hinab.

Wie im Traum lassen sie sich herumtreiben, tanzen unter dem Diktat der kleinen Mossé, verbinden sich nach dem Zufallsprinzip zu langen, eigenwilligen, intensiven Pas de deux. Christian Spucks Choreografie wird immer raffinierter. Im dritten Akt steigen die Figuren wieder in eine realere Welt auf. Die Individuen bleiben zwar weiterhin unfassbar, dafür zeichnen sich gesellschaftlich-soziale Ebenen ab: der Hof Ludwigs XIV. farbig-barock, das Volk in Schwarz. Diese Ebenen vermischen sich, und der Tanz treibt weiterhin seine Blüten, schöne und auch giftige.

Von Schumann bis Philip Glass

Die drei Akte basieren auf je eigener Musik. Zuerst spielt ein auf der Bühne platziertes Streichquartett vier Sätze von Schumann. Im zweiten und dritten Akt versetzt das Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle die Tanzenden und das Publikum in Trance mit minimalistischen Stücken von Philip Glass und Michael Torke.

Der riesige Applaus am Schluss der Uraufführung galt allen: Den Tänzerinnen und Tänzern, die man in Stuttgart verehrt wie nirgends sonst, dem Choreografen, den Musikern, der Ausstatterin Emma Ryott (die die betörenden Bühnenbilder und Kostüme kreiert hat), natürlich Marcia Haydée und Mireille Mossé. Letztere trägt zuerst einen klitzekleinen Hosenanzug, dann ein Barockkleid wie die Damen vom Hof - und am Ende wird sie von Fahndungschef La Regnie (Jason Reilly) erstochen. Doch keine Angst, S. ist ein Stehauf-Fräulein.

Erstellt: 14.02.2012, 15:35 Uhr

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