Sie macht das Unbegreifbare greifbar

Alicja Kwade sorgt mit mystischen Installationen für Aufsehen. Die Inspiration dafür nimmt sie aus der Wissenschaft. Jetzt kommt sie mit einer Soloschau nach Zürich.

Linien bestimmen Alicja Kwades Kunstinstallationen. Foto: Reto Oeschger

Linien bestimmen Alicja Kwades Kunstinstallationen. Foto: Reto Oeschger

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Wie schafft man es, mit zwei Steinen und einem Spiegel die Kunstschickeria aus dem Häuschen zu bringen? 2016 wars, an der Art Basel, da baute die Berlinerin Alicja Kwade aus diesen Requisiten eine Installation, um die sich permanent ein Traube Menschen scharte. Mit gezückten Handys, aber eben auch ohne, und Letzteres ist erfahrungsgemäss ein untrügliches Indiz dafür, dass jemandem ein grosser Wurf geglückt ist. Tatsächlich war es grossartig anzusehen, wie da zu beiden Seiten eines doppelseitigen Spiegels formidentische Steine lagen, der links echt, der rechts in Silber nachgegossen, und wenn man um das Ganze herumlief, machte es den Anschein, als verwandle sich ein Fels gerade in Edelmetall.

Dann, letztes Jahr an der Venedig-Biennale, war sie wieder da. Eine ganze Halle hatte Kwade da zur Verfügung, um das Ding mit dem Spiegel und den Steinen zu zeigen - allerdings um ein x-Faches vervielfacht und vergrössert. Ein regelrechtes Spiegelkabinett kam dabei heraus, und wer da durchlief, zwischen all den Spiegeln und Steinen - ganz, ganz vorsichtig natürlich, schliesslich bewegte man sich hier in einem Kunstwerk -, war hingerissen von so viel schlichter Schönheit und schöner Schlichtheit. Und fühlte sich an die Kaleidoskope erinnert, in die man als Kind so gerne reinschaute, weil da zwar stets dasselbe drin war, sich aber wie von Zauberhand immer wieder zu neuen Mustern formierte. Nostalgie spielte da mit, die Suche nach der verlorenen Zeit, aber auch der Gedanke, dass man erst da ist und dann plötzlich nicht mehr. Ganz schön melancholisch war das und philosophisch, zudem ein bisschen transzendent, und schwups! war eine halbe Stunde rum. Und das an der Venedig-Biennale, wo schnell gucken das Credo ist, schliesslich gibts sooo viel zu sehen!

Ausgangspunkt Mathematik

Und jetzt, 2018? Steht Alicja Kwade in Zürich vorm Museum Haus Konstruktiv und gönnt sich eine schnelle Zigarette während des Ausstellungsaufbaus. Schwarzes Outfit, schwarze Turnschuhe, blasses Gesicht, roter Lippenstift. Ein bisschen wie eine Avril Lavigne der Kunst, denkt man - und verscheucht diesen Gedanken ganz schnell wieder. Die Vergleiche aus der Fräuleinwunder-Ecke sind der 38-Jährigen zuwider; neulich musste sie irgendwo «Alicja im Wunderland» lesen, «da krieg ich zu viel!». Wie wenn ihre Ideen aus dem Nichts aufploppten, wie die Grinsekatze. «Die Ideen kommen nicht musenhaft zu mir», sagt Kwade später beim Kaffee (schwarz, ohne Zucker, «ich mag nichts Süsses, die Oma musste mir früher die Schokolade regelrecht in den Mund schieben»). Wo kommen sie dann her? «Ich lese ganz viel, über Quantenmechanik zum Beispiel oder Mathematik. Auch Leibnitz, Kant. Und Soziologie! Ich bin ein grosser Fan von Elena Esposito!»

Auch beim Aufbau hat sie immer zwei, drei Bücher dabei, «wenn ich Zeit habe, guck ich da rein». Ein Griff in die Handtasche fördert «Elefanten im All» von Astrophysiker Ben Moore und «Die Narren des Zufalls» des Philosophen und Finanzexperten Nassim Nicholas Taleb zutage, «da gehts um Statistik, um Börsenhandel, um Wahrscheinlichkeit».

Ganz schön abstrakt. «Schon. Aber du kannst mich auch problemlos drei Tage mit einer Poliermaschine in einen Raum sperren - und ich meditiere vor mich hin», meint Kwade lachend. Und: «Ich habe nicht die Verpflichtung, das alles bis zum Ende zu verstehen. Mir gehts im Grunde genau um das Scheitern dieser Erklärungsversuche. Dort, wo unser Verständnis abbricht, wo die Welt für uns unbegreifbar wird: Da fängt meine Arbeit als Künstlerin an.»

Kein Wunder, haben ihre Werke oft etwas Magisches. «Wenn du dich mit Themen beschäftigst, die unseren Vorstellungshorizont sprengen, kommst du um dieses Moment gar nicht herum.» Denn jedes Wissen - beziehungsweise: Nichtwissen - münde letztlich in Magie und Alchemie. Oder in der Religion, «aber ich habs nicht so mit Gott».

Schon damals zu Hause im polnischen Kattowitz hielt sich die kleine Alicja schreiend im Türrahmen fest, um nicht zur Kirche gehen zu müssen. Die Eltern - sie Kulturwissenschaftlerin, er Kunsthistoriker und Galerist - trugens mit Fassung. Und förderten da, wo es Früchte tragen würde. Also: Kunstkindergarten, Kunstgrundschule, dann, nach dem Umzug nach Hannover 1986, Abi und ab nach Berlin, an die Kunsthochschule. Dort versucht es Kwade erst mit Malerei, aber nach einem Semester ist klar, dass «das mit der Farbe nicht so richtig funktioniert». Kwades Metier ist die Zeichnung - die irgendwann in den Raum herauszuwachsen beginnt.

Bis heute ist es die Linie, die ihre Arbeiten bestimmt - ob sie nun eine Glühbirne von der Decke hängen lässt, die als foucaultsches Pendel durch den Raum schwingt und eine leuchtende Linie in die Luft malt. Oder die «Sträusse» aus gebündelten, aus Bronze gefrästen Zeitzonenlinien. «Die verlaufen entlang von Ländergrenzen und Handelszonen. Dass es die Marktwirtschaft ist, die unsere Zeitmessung bestimmt - eigentlich absurd.» Und schon wirds politisch.

Interpretieren sollen andere

Ihre persönliche politische Meinung - dass sie es erschütternd findet, wie die europäische Idee vom Nationalstaatendenken verdrängt wird, wo es doch «nichts weniger Interessantes an einem Menschen gibt als die Frage, wo er herkommt» - hält Kwade bewusst aus ihren Werken raus. Das können andere besser, findet sie, zudem will sie niemandem ihre Meinung aufzwingen. Deshalb liefert sie auch keine Gebrauchsanweisung zu ihren Arbeiten mit. Das Werk müsse schon für sich sprechen.

Auch ins Museum geht sie am liebsten allein. Ebenso liebt sie die stillen Momente in ihrem Atelier, nachts oder am Wochenende, wenn keiner da ist, keine Telefonate reinkommen, keine Mails. Und sie einfach schöpferisch tätig sein kann. Da kanns schon mal spät werden. «Dann rufe ich bei meinem Chinesen an und bestelle immer das Gleiche: Dumplings, Edamame und Tofu.» Und wenn sie jemanden zum Essen einladen dürfte, egal, ob tot oder noch lebend? - «Nikola Tesla!» Es kommt wie aus der Pistole geschossen. «Ein genialer, unfassbarer, mysteriöser, verrückter Mensch war das, glaube ich.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2018, 17:03 Uhr

«Linien Land»

Ausstellung im Haus Konstruktiv

Das grösste und schwerste Kunstwerk, das je in der Eingangshalle des Museums Haus Konstruktiv stand, markiert den Auftakt zu Alicja Kwades Soloschau. Und gibt ihr auch gleich den Namen: «Linien Land» - abgeleitet von Edwin Abbotts gesellschaftskritischer Novelle «Flächenland» von 1884 - ist ein begehbares Gitterkonstrukt, in dem tonnenschwere Gesteinskugeln wie Seifenblasen hängen. Material aus unterschiedlichen Kontinenten trifft auf die Idee von Parallelwelten - und auf weitere neuere Arbeiten Kwades. Wer kein Naturwissenschafts-Crack ist, dem sei ein Ausstellungsbesuch im Rahmen einer Führung empfohlen: Wie immer bei Kwade fusst die minimalistische Bildsprache auf einem theoretischen Fundament, das es in sich hat. (psz)

Vernissage: heute, 18 Uhr.
Ausstellung im Haus Konstruktiv bis 6. Mai. Rundgang durch die Ausstellung mit Alicja Kwade: 28. Februar, 18.30 Uhr.

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