Stars und Stripes und Penis

Andy Warhol gab den US-Astronauten ein, nun ja, interessantes Ding mit auf ihren Flug.

Eine Kopie der Keramikplatte ist heute im Museum of Modern Art zu besichtigen.

Eine Kopie der Keramikplatte ist heute im Museum of Modern Art zu besichtigen.

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«Sondern weil es hart ist», rief also John F. Kennedy, der Präsident der mächtigsten Nation auf Erden den Studentinnen und Studenten der texanischen Rice University zu.

Man wolle zum Mond, rief Kennedy, nicht weil es einfach, sondern weil es hart sei. Sein Land sollte den Sowjets zeigen, dass es die bessere Rakete hatte. Am 21. Juli 1969 tat Neil Armstrong dann tatsächlich seinen kleinen Schritt, und wers unterdessen vergessen hat, wird dieser Tage garantiert daran erinnert.

Bei der nächsten Landung im November 1969 wollten auch astronomische Dilettanten ihren Fussabdruck hinterlassen, wie der Kulturblog Openculture.com jüngst zeigte. Sechs US-Künstler zeichneten auf eine Keramikplatte, die sie als «Moon Museum» auf den Trabanten schiessen wollten: John Chamberlain, Forrest Myers, David Novros, Claes Oldenburg, Robert Rauschenberg – und Andy Warhol, der Meister der Pop-Art.

Ein Mittelfinger?

Warhol zeichnete einen Penis. Der offiziellen Verlautbarung zufolge handelt sich um eine «stilisierte Signatur». Aber die Zeichnung sieht nun mal aus wie irgendeine Kritzelei auf einer Klowand, von einem Pennäler kichernd hingesudelt.

«Keine Ahnung», antwortet Sebastian Zeidler, Kunstprofessor der Uni Basel und Pop-Art-Experte, auf die Frage, was Warhol damit beabsichtigt hatte. Tristan Weddigen, Kunstprofessor der Uni Zürich, sieht in Warhols Zeichnung einen «Mittelfinger» gegen die «ideologisch-militärische Schlagseite des Apollo-Programms». Und Forrest Myers sagte, etwas allgemeiner: Warhol sei «ein schlimmer Finger» gewesen. Die Platte war Myers Idee, ein Keramikexperte fertigte mehrere Kopien an. Eine lagert heute im Museum of Modern Arts in New York.

«Es stimmt»

Eigentlich wollte die Nasa das Ding gar nicht auf dem Mond haben. Aber Myers blieb dran und überredete einen Ingenieur, die daumennagelgrosse Platte am Fuss der Mondlandefähre zu befestigen. Der Techniker schickt Myers zwei Tage vor dem Start ein Telegramm: «‹Your on› A.O.K. all systems go». Dann hob Apollo 12 ab, flog fünf Tage durchs All, dann kam die Landefähre auf der Mondebene Oceanus Procellarum zu liegen. «Es stimmt», sagte ein Nasa-Sprecher danach zur Aktion der Künstler, «sie waren erfolgreich … auf dunklen Wegen.» Er hoffe, fügte der Sprecher an, die Keramikplatte auf dem Mond repräsentiere «das Beste der zeitgenössischen amerikanischen Kunst». Ob das Plättchen tatsächlich mitgeflogen ist, kann man mit letzter Sicherheit erst sagen, wenn ein Astronaut den Warhol-Penis verifiziert hat.

Aber das ist doch eher unwahrscheinlich. Jede Sekunde auf dem Mond ist immens teuer, das Apollo-Programm kostete 150 Milliarden Dollar. Auch hat es ja etwas offenkundig Lächerliches, jedes patriotische Pathos Zerstäubendes, sich im Weltall-Anzug, 380’000 Kilometer von der Erde entfernt, im luftleeren Raum über eine obszöne Kritzelei zu beugen. Und schliesslich könnte einen dabei, schlimmer noch, die akute Sinnkrise befallen – die grosse Frage, was man dort oben eigentlich überhaupt zu suchen hat.

Erstellt: 19.07.2019, 15:13 Uhr

Andy Warhol, berühmtester aller Pop-Art-Künstler. Foto: Getty Images

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