Harald Naegeli: «Ich spraye wieder»

Vor 25 Jahren wurde Harald Naegeli, der Sprayer von Zürich, verhaftet. Im Gespräch gibt sich der in Düsseldorf lebende Künstler kämpferisch. Von Versöhnung mit seiner Heimat keine Spur.

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Ende der Siebzigerjahre sind Sie nachts durch Zürich gezogen und haben Wände besprüht. Wie sieht der Sprayer von Zürich seine Aktionen im Rückblick?

Mit meinen Strassenzeichnungen und Graffiti habe ich Geschichte gemacht. Wie kein zweiter europäischer Künstler habe ich - im Widerspruch zur bürgerlichen Ordnung - Kunst wertfrei und autonom in die Öffentlichkeit gestellt. Der sanfte, weiche Strich erzeugte auf dem brutalen Beton eine zauberhafte Poesie. Dies machte ich bis in die Neunzigerjahre. Dann habe ich mich zurückgezogen und viele Natur- und Tierzeichnungen gemacht und vor allem meine Konzeption einer Endloszeichnung, die «Urwolke», durchgeführt. Mit zunehmendem Alter sehe ich mich aber wieder stärker als einen politischen Menschen.

Aber Sie sprühen heute keine Hauswände mehr an.

Doch, ich habe wieder angefangen - in Deutschland, wo ich lebe. Und hier kommt es noch - wer weiss.

Was? Werden Sie wieder Strichmännchen an die Zürcher Wände sprayen?

Darüber spreche ich nicht. Ich sage nicht wo, ich sage nicht wann und ich sage nicht wie. Wer Künstler ist, muss auch handeln, nicht nur reflektieren. Ich sehe den Anarchismus als einen unerlässlichen Spiegel unserer Gesellschaft.

Was ist eigentlich so anarchistisch daran, wenn Sie Bettwäsche-Kollektionen mit Ihren Motiven verzieren?

Gar nichts. Das ist Business, wie es in den Museen und Galerien auch betrieben wird. Wer dies macht, ist einfach ein Zudiener und Nutzniesser am etablierten Kunstmarkt und kulturellen Dienstleistungsbetrieb. Darüber zu moralisieren, ist müssig. Indessen lohnt es sich, sich vom Gängelband der Geschäftsleute und Kulturideologen zu emanzipieren!

Und die Bettwäsche?

Brechts «Der Jasager und der Neinsager» gibt darauf die richtige Antwort. Es geht darum, dass man vernünftige und plausible Entscheidungen trifft. Auch der anarchistische Künstler kann sich dafür entscheiden, in einer Galerie auszustellen. Wenn etwas widersprüchlich erscheint, heisst das nicht, dass es unvernünftig ist. Die einzige Magnetnadel in meinem Leben ist die Vernunft - in dieser Hinsicht bin ich der Tradition der Aufklärung verpflichtet. Ein Mann wie ich ist für die Gesellschaft hunderttausendmal nötiger als alle diese ordentlichen Bürger, die weiter nichts tun, als sich irgendeiner Politik oder Ideologie zu unterwerfen. Meine Arbeiten stellen die Frage nach dem Sinn und der Moral im Leben. Das ist mehr, als wenn einer mit Parteifilz und -buch, öffentlichem Geschwätz und Geschäft Karriere machen will.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, auf Mauern zu sprayen?

Ich bin stolz darauf, dass meine Strassenzeichnungen die Herolde der späteren Jungendaufstände waren. Mit der bürgerlichen Kunst, die sich in der informellen Zeitsprache ausdrückte, konnten sich die Jugendlichen damals nicht identifizieren. Meine Arbeiten aber boten ihnen ein Beispiel dafür, wie man gegen die bürgerliche Ordnung protestieren kann. Die Revoltierenden waren ja Bürgerssöhne wie ich (mein Vater war ein angesehener Zürcher Arzt, meine Mutter stammte aus Norwegen). Und mein Name ist eine Poesie: Harald (also Herold) Nägeli (Nelke) meint «Blumenbringer». Ich war also ein Blumenbringer, und ich glaube, dass der künstlerische Anarchismus - das heisst der spirituelle, geistige Anarchismus - nur in der kapitalistischen Schweiz entstehen konnte.

Gehörten Sie zur Hausbesetzer-Szene?

Nein. Existenziell wirklich denkwürdige Kunst entsteht aus der Verbindung zweier Elemente: Erstens aus einer ganz bestimmten Individualität und zweitens aus einem zeitgeschichtlichen Kontext. In den 70er-Jahren gab es eine weltweite antiautoritäre Bewegung: in Berlin, in Woodstock, in Zürich. Dieser Aufstand, diese Revolte - es war keine Revolution -, hat sich bei mir potenziert und verdichtet und sich in meiner Kunst als überindividuelle Aussage manifestiert. Es war eine allgemeine gesellschaftliche Stimmung des Widerstands gegen eine erstarrte bürgerliche Ordnung. Das Motto lautete: «Tanzt, tanzt aus der Reihe!» Und eine andere Parole, die mich fesselte, hiess: «Wer begriffen hat und nicht handelt, hat nicht begriffen!» Da sagte ich mir: Warum begreifst du - aber warum handelst du nicht?

Kränkte es Sie, dass Ihre Heimatstadt Ihre Kunstwerke übermalte und vernichtete?

Eine gewisse Enttäuschung, sogar Trauer habe ich schon empfunden. Auf der anderen Seite gehört das Werden und Vergehen zu meiner Kunst. Meine Kunst wollte immer wieder neu diesen Tanz in Gang bringen. Der wirkliche Künstler ist für die Gesellschaft immer ein Störfaktor - aber nur, solange er lebt! Gross und grossartig ist er erst, wenn er tot ist. Typisch ist ja, dass meine Strichzeichnung «Undine» am Deutschen Seminar der Universität Zürich nicht als Kunst dokumentiert ist, sondern bloss als Zeitdokument.

Haben Sie sich mit der Schweiz und Ihrer Heimatstadt Zürich versöhnt?

Nein, ganz und gar nicht.

Das Alter stimmt doch milde.

Keinen Deut. Obwohl ich ein gutmütiger Mensch bin, sehe ich keinen Anlass zur Versöhnung. Mein ganzes Vermögen werde ich Greenpeace und dem schweizerischen Natur- und Tierschutz vermachen. Meine Kunstwerke schenke ich Museen in Deutschland. Einige meiner Graffiti stehen dort bereits unter Denkmalschutz.

Und was bekommt Zürich?

Zürich bekommt nichts. Höchstens noch einen Totentanz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2008, 22:50 Uhr

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