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Unbequemes, verpackt in Kunst

Ai Weiwei zeigt in Lausanne eine Auswahl seiner bekanntesten Werke. Wer sie sieht, begreift, warum dem chinesischen Superstar Plakativität vorgeworfen wird.

Dem Bundeshaus den Stinkefinger gezeigt: Ai Weiweis Serie «Study of Perspective». Fotos: Christian Merz (Keystone)
Dem Bundeshaus den Stinkefinger gezeigt: Ai Weiweis Serie «Study of Perspective». Fotos: Christian Merz (Keystone)

Es gab diesen kleinen Vorfall in der neuen Ausstellung von Ai Weiwei, kurz vor der Eröffnung. Ein Fotograf stieg da über ein ungeschützt am Boden platziertes Kunstwerk, einen Blumenteppich aus Porzellan, und er tat dies derart nonchalant, als würde es sich nicht um ein millionenteures Stück eines der berühmtesten Künstler der Gegenwart handeln, sondern um irgendeinen Fussabtreter. Dem Museumsdirektor entgleiste kurz das Gesicht, dann hatte er sich sofort wieder im Griff. Immerhin wird das Werk in den kommenden Monaten ebenso ungeschützt vor Tausenden von Museumsbesuchern ausliegen. Da heisst es: cool bleiben.

Dass hier überraschend vieles tatsächlich einfach so herumliegt, -hängt und -steht, ohne Abschrankung und Sicherheitsglas: Das ist weniger symptomatisch für diese Schau als vielmehr für die Art und Weise, wie dieser Ai Weiwei funktioniert. Berührungshemmungen? Angst, etwas könnte kaputtgehen? Nö. Nichts ist für die Ewigkeit, Kunst schon gar nicht. Und das ist auch gut so. Schliesslich braucht es Platz für Neues, Frisches – das eventuell besser, sicher aber jetzt an der Reihe ist.

So war es schon bei jenem Werk, mit dem er 1995 erstmals für heisse Köpfe sorgte und das heute eine Ikone ist, «Dropping a Han Dynasty Urn». Der Name war Programm: Ai besorgte sich eine echte Han-Urne und liess sie vor laufender Kamera zu Boden fallen. 2000 Jahre Geschichte waren ein Scherbenhaufen. Übrig blieben nur drei Schwarzweissfotos, eins vor, eins während, eins nach der Zerstörung; und auf allen hat Ai denselben gnadenlos-entschlossenen Gesichtsausdruck.

Aufmüpfig, unbequem, krude: Der chinesische Künstler Ai Weiwei will mit seiner Kunst aufrütteln und eine direkte Botschaft vermitteln. Das ist manchmal poetisch, manchmal verstörend. Foto: Thomas Coex (AFP)
Aufmüpfig, unbequem, krude: Der chinesische Künstler Ai Weiwei will mit seiner Kunst aufrütteln und eine direkte Botschaft vermitteln. Das ist manchmal poetisch, manchmal verstörend. Foto: Thomas Coex (AFP)

In Lausanne zu sehen sind diese Bilder nun nicht. Das heisst, doch. Aber so, wie man sie bisher nicht gesehen hat: nachgebaut aus weissen, schwarzen und grauen Lego-Steinen. Ein Witz auf Kosten des eigenen Œuvre? Eher eine Weiterführung des darin thematisierten Ikonoklasmus. Warum soll es den Fotos besser ergehen als einst der Urne?

Solches geht bei Ai Weiwei – man spricht das übrigens Uëi-uëi, nicht Wai-wai aus – blitzschnell. Mit dem Titel der aktuellen Schau wars genauso. Sie findet in der Romandie statt, also musste etwas Französisches her. Was stand noch mal auf dem Grabstein von Marcel Duchamp? «D’ailleurs c’est toujours les autres qui meurent.» Aus der Ferne betrachtet, sind es immer nur die andern, die sterben. Zu lang, zu morbid. Also: «D’ailleurs c’est toujours les autres.» Jetzt klingts politisch und mehrdeutig, perfekt. Das Ganze habe 20 Sekunden gedauert, erzählt Museumsdirektor Bernard Fibicher.

Bussen, Haft, Hirnblutung

Es ist dies seine zweite Ausstellung mit Ai Weiwei. 2004 war die erste; damals war Fibicher noch Chef der Kunsthalle Bern und Ai nur Insidern bekannt. Nun, 13 Jahre später, zählt Ai zu den einflussreichsten Künstlern der Welt; auf der berüchtigten Power-100-Liste, diesem Who’s who des Kunstbetriebs, rangiert er seit 2011 in den Top Ten. Aber nicht nur das: Ai ist Aktivist, ist Hoffnungsträger, ist Guru; wenn er einen Raum betritt, dann füllt er ihn aus, auch jetzt wieder, an der Vernissage in Lausanne.

Angst, etwas könnte kaputtgehen? Nö. Nichts ist für die Ewigkeit, Kunst schon gar nicht.

Seine Angewohnheit, nicht auf den Mund zu sitzen, hat ihm zu Hause schon Bussen, Haft und eine durch Beamtengewalt herbeigeführte Hirnblutung eingebracht. Aber er macht weiter. Im November kommt sein erster Langfilm über Flüchtlinge in die Kinos.

Wenig erstaunlich, wurde der an den Filmfestspielen von Venedig von den Kritikern verrissen: Den Kunstfans wars zu wenig bildgewaltig, den Journalisten zu wenig hinterfragend. Was sie wohl zu jenen Werken sagen würden, die nun in Lausanne zum ersten Mal überhaupt zu sehen sind? Feinste Porzellanteller, blau bemalt mit Flüchtlingscamps und Soldaten; auf einem liegt der kleine Aylan angeschwemmt am Strand von Bodrum.

Direkter gehts nicht. Aber erstens ist genau das Ai: aktuell Unbequemes, verpackt in traditionelles Kunsthandwerk.

Und zweitens präsentiert Ai sie nicht im Kunstmuseum, das ihn ursprünglich eingeladen hatte. Sondern im gleich nebenan liegenden, im gleichen Gebäude beheimateten Archäologischen Museum, inmitten der dortigen Exponate, sodass, wer nicht achtgibt, sie glatt übersehen könnte.

Der Krebs ist in China ein Symbol für Zensur. In Lausanne gibt es davon gleich einen ganzen Haufen. Foto: Christian Merz (Keystone)
Der Krebs ist in China ein Symbol für Zensur. In Lausanne gibt es davon gleich einen ganzen Haufen. Foto: Christian Merz (Keystone)

Genauso wie das Analspielzeug aus Jade, welches nun im Geologischen Museum zwischen Gesteinsbrocken liegt. Oder wie der Haufen Porzellankrebse in der hintersten Ecke des Zoologischen Museums (denn das chinesische Wort für «Flusskrebs» ähnelt jenem für «Harmonie», und die wiederum ist ein Codewort für Zensur).

Aufmüpfig, aber nicht kryptisch

Statt nur das Kunstmuseum hat Ai gleich alle im altehrwürdigen Palais du Rumine untergebrachten kantonalen Kulturinstitutionen bespielt, von der Bibliothek bis zum Münzmuseum. Wer das anmassend findet oder schulmeisterlich, vergisst, dass es genau das war, was Ai überhaupt erst so populär gemacht hat: weil seine Arbeiten zwar aufmüpfig sind, aber eben nicht so kryptisch und abgehoben wie vieles, was sonst in der zeitgenössischen Kunst entsteht. Sicher, seine Fotoreihe, für die er seit 1995 den Stinkefinger vor dem Weissen Haus, dem Louvre und anderen Tempeln politischer oder kultureller Macht in die Höhe reckt, ist krude. Aber wenn Ai sie jetzt an eine mit passender Stinkefinger-Tapete überzogene Wand hängt, dann tut er nichts, was nicht schon Andy Warhol mit seinen ewigen Suppendosen gemacht hätte: seine Marke pflegen.

Und uns, nebenbei, klug vor Augen führen, dass Kunst letztlich ein Produkt ist wie jedes andere auch: reproduzier- und vermarktbar. In der Tate Modern in London schüttete Ai 2010 auf den Boden 150 Tonnen Sonnenblumenkerne aus, Chinas Lieblingssnack zu Mao-Zeiten. Der Clou dabei: Sie waren nicht echt, sondern aus Porzellan, und jeder einzelne Kern war von Hand bemalt worden, von einem der 1500 Mitarbeiter der traditionsreichen Porzellanmanufaktur in Jingdezhen. Als Sotheby’s ein Jahr später 100 Kilo davon versteigerte, brachte das Los knapp 560'000 Dollar ein: 5,6 Dollar pro Stück. 10 Tonnen habens nun nach Lausanne geschafft, knöchelhoch ausgestreut auf einer Tenniscourt-grossen Fläche. Man rechne – und staune.

Bis 28. 1. 2018

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