Unser bedrohliches Onlineleben

Das Vögele-Kulturzentrum will eine gegenwartsnahe Ausstellung präsentieren – und ist zu spät.

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«I.ch – Wie online leben uns verändert», so heisst die aktuelle Ausstellung im Vögele Kulturzentrum in Pfäffikon. Ein vielversprechender Titel. Das interessiert mich, denn: Ich lebe online. Natürlich nicht nur, aber auch. Entsprechend erwartungsvoll lasse ich mich auf den Rundgang ein, ahne aber bei den übergrossen QR-Codes (wer scannt die heute noch?) und den Abkürzungs-Erklärungen (LOL = laughing out loud, 4U = for you), dass mich vielleicht doch nicht eine zukunftsgerichtete Ausstellung erwartet.

An der Wand hängen Drucker, die Twitter-Nachrichten in Echtzeit ausspucken. «Murmur Study» heisst die Installation vom amerikanischen Künstler Christopher Baker, die Kritik üben will an der Unmenge an Belanglosigkeiten, die auf Twitter produziert werden. Ich trete näher ans Kunstwerk, lese «wtf oooh no! lol», «need some sleep nooow, lololol» und bin fertig damit. Das 140-Zeichen-Gezwitscher wurde schon auf pointiertere Weise angegriffen.

Dann entdecke ich ein mir bekanntes Gesicht an der Wand: Amalia Ulman, eine Künstlerin, die eine fiktive Lebensgeschichte erfand und sich selbst in der Rolle der erfundenen Figur auf ihrem Instagram-Kanal dokumentierte. Eine interessante und intime Storytelling-Performance aus dem vergangenen Jahr, die aber erst mit der Leichtgläubigkeit und Resonanz des Instagram-Publikums funktioniert. Obwohl Ulmans Feed nach wie vor online und öffentlich ist, entschieden sich die Kuratorinnen Tanja Rénee Schlager und Simone Kobler, lediglich Prints der Instagram-Bilder auszustellen. Spannend am Projekt sind jedoch die mal empathischen, mal kritischen Kommentare.

Das böse Smartphone

Schade, dass sich die Besucher nicht durch Ulmans Instagram-Profil scrollen können, denke ich und stosse auf die in winzige Smartphones glotzenden Holzfigürchen von Peter Picciani. «Jugendliche kommunizieren zwar über das Smartphone, eine gegenseitige Wahrnehmung in der realen Welt findet aber nicht statt», entnehme ich dem Saaltext. Ja klar, das böse Smartphone zerstört alle zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich verdrehe die Augen und lese, dass «das Mobiltelefon ein Schlüsselobjekt der aktuellen Gesellschaft ist, das uns geistig und emotional (über)fordert.» Wer ist hier überfordert? Ich nicht. Aber die Kuratoren vielleicht? Beim Versuch, ein aktuelles Thema gegenwartsnah zu bearbeiten, rennt ihnen regelrecht die Zeit davon. Die Denkanstösse, die die ausgestellte Kunst gibt, sind schon lange präsent, ja sogar verankert in einer Gesellschaft, die sich schon eine Weile mit den Auswirkungen der Veränderungen befasst.

Auf der letzten Wand des Rundgangs erwartet mich der Höhepunkt der Ausstellung. Florian Mehnert, der bereits mit seinem Projekt «Waldprotokolle», als er Dialoge von Passanten im Wald aufnahm, Ärger mit der Staatsanwaltschaft bekommen hatte, stellt 42 Videosequenzen gehackter Smartphones aus. Die Personen und Stimmen auf den Videos sind zwar anonymisiert, und die kriminelle Tat jubelt Mehnert zwei Hackern unter, die ihm das Videomaterial besorgt haben sollen –, trotzdem bleibt die Frage: Ist das jetzt ein aufrüttelnder Kommentar zum Datenmissbrauch oder ein genüsslich-opportunistischer Künstler, der Diebstahl als Kunst verkauft?

Krampfhaft kuratiert

Es gehört eben nicht alles in den Onlinetopf, was aus technischer Sicht mit Smartphones und Laptops angestellt werden kann. Es stimmt, wir müssen unsichere Systeme und eine entsprechende Gesetzgebung diskutieren, weil wir online exhibitionistischer leben als zuvor. Ein Künstler, der sich heimlich in die Smartphones fremder Leute hackt, hinterlässt jedoch nur die befremdliche Botschaft: Privatsphäre gibts nicht mehr.

Kein Wunder, klingt ein bedrohlicher Ton an, in dieser krampfhaft kuratierten Ausstellung, die sich mit einem Paradigmenwechsel beschäftigt, die positiven Aspekte aber ausser Acht lässt, die hinterherhinkende Gesetzgebung nicht thematisiert und sogar Snapchat, Smartwatches und die Entwicklung im Bereich Augmented Reality (erweiterte Realität) ignoriert. Wer eine zukunftsgerichtete Ausstellung erwartet, wird enttäuscht sein, nicht mal eine gegenwartsnahe besucht zu haben. Vielleicht liegts am Titel, der ehrlicher gewesen wäre, hätte er sein Zielpublikum direkt angesprochen: Für Eu.ch, die ihr nicht online lebt.

Erstellt: 24.12.2015, 01:08 Uhr

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