Zum Hauptinhalt springen

Urin und Kot waren seine Farben

In den 70ern wollte Otto Muehl die Grenzen zwischen Kunst und Leben sprengen - und landete wegen sexuellen Missbrauchs lange im Gefängnis. Ein Schweizer Dokfilmer hat den umstrittenen Aktionskünstler porträtiert.

Zum Geburtstag von Otto Muehl hat der in Paris lebende Westschweizer Filmemacher Vincent Juillerat einen Film über den umstrittenen österreichischen Künstler gedreht. Der Dokstreifen «Becoming Otto» feierte am Dienstag in Wien seine Uraufführung.

Der 30-minütige Film bietet einen unaufgeregten Überblick über das radikale Schaffen Muehls, der alle Grenzen zwischen Kunst und Leben, sozialer und künstlerischer Utopie zu sprengen suchte und dabei auch mit etlichen Gesetzen in Konflikt kam. Anfang der 1970er-Jahre machte er durch die Gründung einer reichianisch inspirierten Kommune, der Aktionsanalytischen Organisation (AAO), von sich reden, welche die Abschaffung der Zweierbeziehung postulierte und zunehmend autoritative, hierarchische, aber auch autoritäre Strukturen entwickelte.

Durch teilweise noch nie veröffentlichtes Archivmaterial wird deutlich, dass es Muehl, der am 16. Juni 85 Jahre alt wird, in seinen Aktionen schon früh darauf anlegte, so weit wie möglich zu gehen. Als wichtige Tonspur dienen Ausschnitte aus langen Gesprächen, die 2008 im portugiesischen Faro geführt wurden.

In vielen Bereichen gescheitert

Dort lebt der Künstler heute mit den verbliebenen Mitgliedern der von ihm gegründeten Kommune. Auch die Verurteilung Muehls im Jahr 1991 wegen einer Reihe von Sittlichkeitsdelikten, unter anderem des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen, sowie wegen Drogenkonsums, wird in Juillerats Film thematisiert.

Der Künstler wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt, die er fast vollständig verbüssen musste. Leicht polemisch wirken in «Becoming Otto» die gegen die bunten Muehl-Aufnahmen gegengeschnittenen Schwarz-Weiss-Bilder von österreichischen Politikern und Richtern.

Fröhlichkeit und Anarchie des Einzelnen gegen Verkrustung und Erstarrung der Apparate lautet die klare Botschaft dabei. Dass Muehl nicht nur staatlich vorgegebene Normen, sondern auch die Integrität von Mitmenschen verletzt hat, ist heute unstrittig. «Ich glaube, dass Otto Muehl in vielen Bereichen gescheitert ist, und dass er es weiss», sagte die Leiterin des Muehl-Archives, Danièle Roussel, am Dienstag bei einer Podiumsdiskussion in Wien.

Museumsdirektor neu in der Kollage

Im Österreichischen Museum für angewandte Kunst (MAK) wird bis am 1. August erstmals wieder Muehls neunteiliges Grossbild «Apokalypse/ Keinen Keks Heute» präsentiert, auf das 1998 ein Farbanschlag verübt worden und das zwischenzeitlich mit einem gerichtlichen Ausstellungsverbot belegt war.

Eindrucksvoll sind an diesem Bild die Verstrickungen von Kunst und Gerichtsbarkeit im Schaffen Muehls abzulesen: Der als «Pornojäger» bekannte Martin Humer hatte 1998 die Bild-Collage, auf der 33 öffentlich bekannte Personen in teilweise obszönen Situationen dargestellt sind, durch einen Farbbeutel-Wurf beschädigt.

Nach mehreren Prozessen war Humer in letzter Instanz schliesslich vom Vorwurf der Sachbeschädigung freigesprochen worden. Das Bild wurde nicht restauriert, doch vom Künstler adaptiert: Auf einer der zentralen Figuren prangt jetzt das Konterfei von MAK-Direktor Peter Noever. Dieser zeigt sich am Dienstag «überrascht».

SDA/phz

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch