Vom Reduit ins Offene

Wie haben Künstler auf Faschismus und den Zweiten Weltkrieg reagiert? Das Kunsthaus Zürich geht dieser Frage mit einer Ausstellung nach.

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Die «Stunde Null» dauert in der neuen Ausstellung des Kunsthauses Zürich nicht weniger als zwei Jahrzehnte. So lange brauchte der künstlerische Umbruch, der rund um den Zweiten Weltkrieg stattfand. Die Schau, zusammengestellt von Sammlungskurator Philippe Büttner, umfasst 72 Werke, die zwischen 1933 und 1955 entstanden sind und sich – mit einer Ausnahme – alle in der Sammlung des Kunsthauses Zürich befinden. Sie erteilt der These, wonach sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein klarer Einschnitt, eben eine Stunde null, ausmachen lasse, die zum Ausgangspunkt einer neuen Kunst wurde, eine klare Abfuhr.

Zu individuell sind die einzelnen Künstlerbiografien. Zu diffus ist das Konzert der verschiedenen Stimmen, das in dieser Ausstellung aufgeführt wird. Auffällig ist, wie sehr die Erwerbungen des Museums und die Schenkungen, die in diesen Jahren Eingang in die Sammlung gefunden haben, eher traditionelle künstlerische Positionen repräsentieren. Denn diese Ausstellung ist nicht nur ein Versuch, die künstlerischen Tendenzen rund um den Zweiten Weltkrieg anhand der Werke im Kunsthaus Zürich nachzuzeichnen, sie macht auch auf Lücken in der Sammlung aufmerksam und wirft ein kritisches Licht auf die Sammlungspolitik des Museums.

Gerade mal 17 der ausgestellten 72 Bilder sind in den hier zur Diskussion stehenden zwei Jahrzehnten in die Sammlung aufgenommen worden. Dabei handelt es sich meist um gegenständliche Kunst von Schweizer Künstlern wie Otto Baumberger, Willy Fries, Hermann Huber, Nanette Genoud, Willy Kaufmann, Ernst Morgenthaler und Walter Sautter. Sie bedienten sich in ihren Gemälden gerne einer dunklen Farbpalette. Ihre Malweise änderte sich kaum durch das einschneidende Ereignis des Krieges, das in der neutralen Schweiz allerdings auch weniger einschneidend war als im übrigen Europa.

Surrealismus und Abstraktion

Typisch für diese Art der Malerei, die der Ausstellung auch den Stempel aufdrückt, ist Hermann Hubers «Vorlesende und Knabe» aus dem Jahre 1940/41, ein Gemälde, das Reduit-Denken und die allgemein eher depressive Stimmung in der Schweiz verkörpert wie kein zweites. Daneben macht sich aber schon früh auch surrealistische und abstrakte Kunst bemerkbar, die in der Ausstellung zu eigenen Gruppen gebündelt wird. Auf die Ankaufspolitik bezogen muss aber betont werden, dass diese Positionen in der Regel erst nach dem Jahr 1955 Eingang in die Sammlung des Kunsthauses fanden.

Gleich zu Beginn der Schau stossen wir auf Giovanni und Alberto Giacometti, die sich symbolisch noch einmal die Hand geben dürfen.

Eine Ausnahme bildet Paul Klee, dessen Bild «Der Nachlass des Artisten» schon 1948 als Geschenk der Erben des Künstlers ins Kunsthaus Zürich kam. Aber schon für Alberto Giacometti gilt das nicht mehr. Seine hier gezeigten Werke kamen erst im neuen Jahrtausend in die Sammlung, die meisten als Geschenk von Anton und Anna Bucher-Bechtler.

Gleich zu Beginn der Schau stossen wir auf Giovanni und Alberto Giacometti, die sich symbolisch noch einmal die Hand geben dürfen: An der Wand hängt des Vaters bei Maloja entstandenes Gemälde «Winterlandschaft», eines der letzten im Stile der Fauves gemalten Bilder des 1933 verstorbenen Künstlers. Davor steht der grosse Gipskopf von Alberto Giacometti (das einzige Werk, das nicht aus dem Kunsthaus ist, sondern aus dem Kunstmuseum Basel), mit dem er im gleichen Jahr seinem Vater ein Denkmal setzte.

Alberto Giacometti; Paul Nelson: Projet pour le monument Gabriel Péri. Fragment, 1946. © Succession Alberto Giacometti/2019 Pro Litteris, Zürich

Dubuffet und Pollock

Das Neue schafft es trotz allem Traditionalismus dann aber auch in die Schweiz und nach Zürich. Die Ausstellung zeigt im hinteren Teil des Raumes, der durch eine mächtige Querwand zweigeteilt ist, einen Sandkopf des Franzosen Jean Dubuffet. Daneben eine bildfüllende Komposition mit kreuz und quer verlaufenden Linien des US-Amerikaners Jackson Pollock. Zudem ein unheimlich dunkles Grossformat des Franzosen Nicolas de Stael. Sehr schön auch eine überaus spielerische Farbkomposition, die an ein Sternenmeer erinnert, die der Kanadier Jean-Paul Riopelle gemalt hat.

Will sagen, die neuen künstlerischen Impulse kamen vorwiegend aus dem Ausland. Immerhin konnten mit «Grand tête de Diego» (1954) von Alberto Giacometti und dem «Relief méta-mécanique sonore I» (1955) von Jean Tinguely auch zwei eminente Skulpturen von Schweizern für diese Schau aufgetrieben werden, die beide übrigens auch erst Jahrzehnte nach dem Krieg in die Sammlung des Museums gelangten. Die Stunde null muss man also, wie auch die Ausstellungsmacher mit ihrem Untertitel deutlich machen, auf zwei ganze Jahrzehnte ausdehnen. Zwei Jahrzehnte allerdings, die bei der damaligen Leitung des Kunsthauses nicht als künstlerischer Aufbruch begriffen wurden. Da mussten die nachfolgenden Direktionen korrigieren und die fehlenden Positionen nachreichen.

Die Ausstellung dauert bis zum 22. September.

Erstellt: 07.06.2019, 12:02 Uhr

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