Von Rembrandt zum Selfie-Stick

Rembrandt malte unsere Seelen? Hohles Geschwätz. Seine Selbstbildnisse waren Vorläufer unserer Selfie-Kultur.

Rembrandt spielte sich etwas vor – wie die Selfie-Fotografen von heute: Selbstbildnis als junger Mann, 1629. Foto: Taschen-Verlag.

Rembrandt spielte sich etwas vor – wie die Selfie-Fotografen von heute: Selbstbildnis als junger Mann, 1629. Foto: Taschen-Verlag.

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Wir kommen Rembrandts Selbstporträts am nächsten, wenn wir sie als Selfies avant la lettre betrachten und nicht als Abbilder seiner Seele, wie das lange Zeit vorherrschende Meinung war. Jedenfalls kann man Sätze, wie «Rembrandt ist der Maler der Geheimnisse der Seelen» oder «Sein Licht ist wie die Offenbarung der Seele» getrost als hohles Geschwätz abtun, wie das der Pariser Kunsthistoriker Pascal Bonfoux in seinem Buch über die Selbstbildnisse von Rembrandt tut.

Um reine Seelenbilder zu sein, dafür ist die Mehrzahl von Rembrandts Selbstbildnissen einerseits zu experimentell und andererseits zu berechnend. Das wird einem beim Durchblättern des opulenten Bildbands klar, den der Taschen-Verlag zum Jubiläum des 350. Todestags Rembrandts vorgelegt hat. Das Buch versammelt alle 80 Selbstporträts des Meisters, deren Originale über die ganze Welt verstreut sind. Jedes Bild wird auf einer Doppelseite vorgestellt, links im Massstab eins zu eins, rechts in einer starken Vergrösserung, die einem die Machart jedes Werks vor Augen führt.

Ein Blick ins Buch. Foto: Taschen-Verlag

Seine Selbstdarstellungen hat der am 4. Oktober vor 350 Jahren in Amsterdam gestorbene Rembrandt Harmenszoon van Rijn in Form von Gemälden, Radierungen und Zeichnungen verfertigt. Er hatte ganz offenbar das Bedürfnis, sich fortwährend seines Aussehens zu versichern. Das früheste Selbstporträt machte der 1606 in Leiden geborene Künstler im Alter von 22 Jahren, das letzte entstand kurz vor seinem Tod im Jahre 1669.

Auf etwa einem Dutzend dieser Bilder sehen wir ihn eine Grimasse schneiden. Er kann das Gesicht zu einem hämischen Lachen verzerren, er kann ganz ernst dreinschauen, als sei er böse. Oder die Nase mürrisch rümpfen, wie wenn er seinem Missmut Ausdruck geben wollte. Auch wirkt er mit geöffnetem Mund so, als ob er sich voller Abscheu von etwas distanzieren möchte. Rembrandt zeigt sich auch brüllend oder ganz und gar gleichgültig dreinschauend.

Rembrandt sass sich selbst Modell, so war er auch billiger zu haben als jede andere Person.

Diese mimischen Extremsituationen hielt der Künstler nicht etwa mit leicht hingeworfenen Zeichnungen fest, sondern in der aufwendigen Technik der Kaltnadelradierung. Solche Charakterstudien, die in der Kunstgeschichte «Tronien» genannt werden, entstanden oft als Vorbereitung auf grosse Historiengemälde, auf denen einen Vielzahl von Menschen mit ganz unterschiedlichen Stimmungen und Temperamenten dargestellt werden mussten.

Die meisten Maler erprobten spezielle Physiognomien bei anderen Menschen, die sie für sich Modell sitzen liessen. Rembrandt nahm sich hingegen selbst zum Modell, was einerseits den Vorteil hatte, dass er sich immer zur Hand hatte, wenn er Anschauungsmaterial brauchte, andererseits war er auch billiger zu haben als jede andere Person.

Jedenfalls beruht auf diesen Grimassen die These, dass Rembrandt gewissermassen das moderne Genre des Selfies erfunden habe. Und in der Tat, nimmt man Wolfgang Ullrichs jüngst erschienenes Büchlein «Selfies» zur Hand, kann man überraschend viele seiner Erkenntnisse auf Rembrandts Tronien übertragen, aber auch auf viele seiner mit Ölfarbe ausgeführten Gemälde. Ein Selfie ist, so Ullrich, «anders als ein Selbstporträt, nicht nur ein Bild, das eine Person von sich selbst macht, sondern zugleich das Bild einer Person, die sich dafür selbst zum Bild macht».

«Selbstbildnis mit aufgerissenen Augen» aus dem Jahr 1630. Foto: Taschen-Verlag.

In diesem Satz wird das Schauspielerische hervorgehoben, das nicht nur auf Selfies zutrifft, sondern auch auf viele Selbstporträts Rembrandts. «Wer sich selbst zum Bild macht, setzt sich in Szene, stellt sich zur Schau, adressiert sich, denkt und handelt in Kategorien des Ausdrucks.»

Im Grunde geht es um ein Rollenspiel. Das Selfie kann, wie Ullrich ausführt, in seiner elaborierten Form zur Maske werden, mit der ein Sender seine Gefühle oder seine Haltungen zum Ausdruck bringt. Waren Selbstporträts früher etwas für die Privilegierten, sind Selfies im Zeitalter der Smartphones zu einem Massenphänomen geworden, das Ullrich wenn nicht als Kulturrevolution, so doch als «ganz grosses Ereignis in der Kulturgeschichte» bezeichnet.

Kaum je hat ein Künstler derart viele verschiedene Gesichter seiner selbst festgehalten.

Analysiert man die Porträts im Kontext ihrer Entstehung, so wird immer wieder offenbar, dass sich Rembrandt mit diesem oder jenem Selbstbildnis für eine ganz bestimmte Aufgabe oder genauer gesagt für einen Malauftrag empfehlen wollte. So putzt er sich nicht selten heraus, legt eine Halsberge an, eine Art Krawatte vor der Erfindung derselben, eine oder gar zwei Halsketten sowie ein Barett. Attribute, mit denen der Künstler dann sofort wohlhabend und weltmännisch aussah.

Manche seiner Selbstporträts können zwar nicht in einem kommerziellen Zusammenhang verstanden werden, dennoch überraschen sie immer wieder durch ihre Ausdruckskraft und ihre Unterschiedlichkeit. Kaum je hat ein Künstler derart viele verschiedene Gesichter seiner selbst festgehalten.

Beim Durchblättern des Taschen-Bandes sieht man den noch jungen Meister ein paar Mal, wie er seine Augen verschattet, dann wiederum presst er seine Lippen zusammen. Später blickt er als alter Mann ganz gelassen, ja geradezu weise aus dem Bild heraus, sodass wir zum Schluss gelangen, dass Rembrandt nicht nur ein ganz grossartiger Maler seiner selbst gewesen ist, sondern auch ein überaus grossartiger Selbstdarsteller.

Erstellt: 04.10.2019, 21:42 Uhr

Die Bücher

Volker Manuth, Marieke de Winkel: Rembrandt. Die Selbstporträts. Taschen-Verlag, ca. 75 Franken.

Pascal Bonafoux: Rembrandt. Die Selbstbildnisse. Schirmer-Mosel, ca. 40 Franken.

Wolfgang Ullrich: Selfies. Wagenbach, ca. 16 Franken.

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