Vorsicht, Fallstrick

Der in Zürich lebende Churer Fotograf Hans Danuser erhält im Bündner Kunstmuseum seine erste Retrospektive. Und die hat es in sich.

«The last analog photograph»: Teil des Bildzyklus «Landschaft in Bewegung / Moving Desert» (2007 –2017). Foto: Hans Danuser

«The last analog photograph»: Teil des Bildzyklus «Landschaft in Bewegung / Moving Desert» (2007 –2017). Foto: Hans Danuser

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Mögen Sie Zauberei? Nicht diese schmierig-clownesken Shows mit halb nackten Assistentinnen, sondern jenes altmo­dische, leicht unheimliche Kunsthandwerk, das einem als Kind kurze Momente bescherte, in denen man wirklich versucht war zu akzeptieren, dass Unmögliches eben doch möglich wird, wenn es nur in die richtigen Hände gelangt? Dann könnte es sein, dass Sie nach Chur werden reisen müssen. Dort nämlich, in den Kellergeschossen des Neubau-Kubus, geschieht derzeit wahrhaft Absonderliches: Sichtbares wird ­unsichtbar gemacht und Unsichtbares sichtbar, und mitunter ist man nicht mal mehr sicher, mit welchem davon man es eigentlich nun zu tun hat.

Der Urheber all dessen ist einer, der das Staunen selbst nie ganz verlernt hat. Wie sonst liesse sich erklären, dass ihm ein simples Frühstücksei im Eierbecher Anlass zu fototechnischen Versuchen gibt? Oder eine Sanddüne, oder menschliche Haut, oder eine Hausmauer? Das Ei wurde von Hans Danuser, der mit 64 Jahren nun seine allererste Retrospektive miteingerichtet hat, als kaum sichtbarer Schatten auf eine Marmorplatte gebannt. Mitte der Siebziger war das, als der aus Chur stammende Wahlzürcher zwar schon den Drang verspürte, Fotobilder zu produzieren, die anders waren. Staunen machten. Aber noch nicht darauf vertraute, dass dies nur mittels Kamera und Fotopapier möglich war.

Souvenirs aus dem Tierlabor

Nun, es war. Das begriff Danuser bald schon – und spätestens jetzt begreifen auch wir es, wenn er die bald 40 Jahre seines Schaffens Revue passieren lässt. Zeigt Danuser Menschen, dann aus solcher Nähe, dass man sich anhand von ein paar Hautfalten orientieren muss, was man hier eigentlich sieht. Und wenn Dünen, dann so laviert, dass man sie durch einen Sandsturm zu sehen glaubt.

Dass er uns dabei noch einen Fallstrick auslegt, über den wir, wenn wir ihn bemerken, schon längst gestolpert sind, gehört ebenso mit zum Spiel wie Danusers Lust, seine Arbeiten, statt sie mit erklärenden Kommentaren zu versehen, bisweilen lieber auf dem Boden auszulegen und zu beobachten, wie die Betrachter dann zwischen ihnen hindurchstaksen. Denn die gelb flirrenden Dünen sind eigentlich Schwarzweiss­fotos, die ihre Farbigkeit dem der Entwickleremulsion beigemischten Sand selbst verdanken («Moving Desert», 2007). Und die Haut, sie zeigt keine intakten, sondern ausgelöschte Körper («Strangled Bodies», 1995).

Auch sonst mag Danuser es unbequem. In den 80ern begab er sich dorthin, wo der Durchschnittsbürger sonst nicht hinkommt – in Leichenhallen, Waffendepots, Tierlabors –, und brachte Fotosouvenirs mit, die immer nur so viel erkennen lassen, wie es letztlich für ein Schaudern braucht: Ist das ein menschliches Hirn? Hat dieser Fellknäuel einen gespaltenen Schädel? Sind das nicht Hammer und Sichel, eingestanzt ins Metall? Danuser ist ewiger Entdecker, Verführer, Verstörer. Man könnte auch sagen: ein Magier des modernen Sehens.

Bis 20. August. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2017, 14:55 Uhr

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