Zum Hauptinhalt springen

Was kombiniert man zum Lamm?

Das Kunstmuseum Basel zeigt in der Ausstellung «¡Hola Prado!» 26 Gemälde aus dem weltbekannten Museum in Madrid.

Feierlich dunkelblau und -grün gestrichen wurden die Wände im Neubau des Kunstmuseums Basel für die am Samstag angelaufene Ausstellung «¡Hola Prado!».
Feierlich dunkelblau und -grün gestrichen wurden die Wände im Neubau des Kunstmuseums Basel für die am Samstag angelaufene Ausstellung «¡Hola Prado!».
Julian Salinas
Zu sehen sind 26 Gemälde aus dem Museo del Prado in Madrid, die in Basel mit ungefähr ebenso vielen Bildern aus der hauseigenen Sammlung kombiniert wurden.
Zu sehen sind 26 Gemälde aus dem Museo del Prado in Madrid, die in Basel mit ungefähr ebenso vielen Bildern aus der hauseigenen Sammlung kombiniert wurden.
Julian Salinas
Und zu diesem Basler Ölbild von Hendrick ter Brugghen, das eine junge Frau zeigt, die ihrer Kleidung nach zu urteilen eine Zigeunerin oder Gauklerin war (1628), liefert der Prado ein Pendant von Diego Velázquez: einen sogenannten Bufón, einen kleinwüchsigen Hofnarren.
Und zu diesem Basler Ölbild von Hendrick ter Brugghen, das eine junge Frau zeigt, die ihrer Kleidung nach zu urteilen eine Zigeunerin oder Gauklerin war (1628), liefert der Prado ein Pendant von Diego Velázquez: einen sogenannten Bufón, einen kleinwüchsigen Hofnarren.
Martin P. Bühler (Kunstmuseum Basel)
1 / 7

Es ist ein übler Allgemeinblätz, aber es stimmt halt schon: Wer die Wahl hat, hat die Qual. Und Letztere muss ziemlich heftig gewesen sein für die zwei Männer, die vor rund einem Jahr im Museo del Prado in Madrid durch die Säle zogen und wussten: Sie dürfen sich aussuchen, was sie wollen.

Die Männer, das waren der neue Direktor des Kunstmuseums Basel, Josef Helfenstein, und «sein» Kurator für Alte Meister, Bodo Brinkmann, und dass sie sich so frei bedienen durften, war nach dem Prinzip «Eine Hand wäscht die andere» zustande gekommen. Nochmals ein Jahr davor nämlich hatten die Basler, deren Haus sich da gerade im Grossumbau befand, zehn ihrer feinsten Picasso-Gemälde nach Madrid ausgeliehen (wo man sie begeistert dem Publikum präsentierte, denn der Prado besitzt tatsächlich nicht einen einzigen Picasso, und das, obwohl der Maler sogar mal ­Direktor des Hauses gewesen war, aber das ist eine andere Geschichte).

Jedenfalls: Die Basler Picassos waren nach Madrid gereist, und nun wollten sich die Spanier erkenntlich zeigen und ihrerseits etwas in die Schweiz ziehen lassen. Was, wie Direktor Helfenstein an der gestrigen Vernissage meinte, an sich schon «eine gute Sache» sei. Wenn man aber dabei noch Rosinen picken darf, dann kommt das dem kunsthistorischen Pendant des Kindes im Schleckwaren­laden gleich.

Plötzlich Mut zum Drama

Was nehmen? Was dalassen? Das Duo Helfenstein/Brinkmann entschied sich schliesslich für zwei Dutzend Werke. Die erfüllen alle ein ganz bestimmtes Kriterium: Sie passen sich in die Sammlung des Kunstmuseums Basel ein. Diese wollte man nämlich bei der Ausstellung der Prado-Leihgaben nicht etwa aussen vor lassen, sondern sie vielmehr damit kombinieren. Thematisch Ähnliches und gestalterisch Vergleichbares wurde nebeneinandergestellt, um Analogien und Unterschiede zwischen den beiden Sammlungen ans Licht treten zu lassen.

Ein origineller Ansatz, ein selbstbewusster auch – schliesslich misst man sich hier mit einem der bestbestückten Museen der Welt. Und ein symptomatischer, was die Art und Weise anbelangt, wie der neue Direktor seine Sammlung handhaben will, nämlich, um ihn gleich selbst zu zitieren: «sehr dynamisch».

Konkret sieht das nun so aus, dass jeder Madrider Leihgabe ein Basler Bild zur Seite gestellt wurde. Pärchenweise hängen sie an feierlich dunkelgrün bzw. -blau gestrichenen Wänden, im 2. Obergeschoss des Kunstmuseum-Neubaus, und laden jeweils zu einem Spiel im vergleichenden Sehen ein. Was ist gleich? Wo gibt es Unterschiede und warum? Was jeder Kunstgeschichtsstudent mithilfe von Doppelprojektionen semesterlang durchexerziert, entwickelt hier, vor den Originalen, eine ganz neue Qualität. Wann kann man schon Rembrandt mit Murillo vergleichen? Wann Lorenzo Lotto mit Hans Memling? Letztere versuchten sich beide an einem «Sankt Hieronymus»; doch während der Heilige sich auf Memlings Basler Bild von 1490 noch klassisch-diszipliniert Steinbrocken gegen die Brust schlägt, reisst er sich in Lottos 50 Jahre später entstandener Prado-Version ekstatisch die Kleider vom Leib. Mut zum Drama!

Bisweilen erschliesst sich eine Bildpaarung erst auf den zweiten Blick.

Bisweilen erschliesst sich eine Bildpaarung erst auf den zweiten Blick. Etwa da, wo Zurbaráns geradezu niedliches Lamm Gottes auf einen lebensgrossen, im Sarg ausgestreckten toten Christus von Hans Holbein d. J. trifft. Der geschundene Körper kontrastiert heftig mit der flauschigen Wolle des für die Schlachtbank gebundenen Böckchens; doch die beklemmende Ruhe, die von beiden ausgeht, ist ebenso vergleichbar wie die nüchterne Darstellung, die ganz ohne Heiligenschein oder sonstige erläuternde Attribute auskommt.

Zurbarán hatte mit seinem Lamm ein Bildmotiv gefunden, das sich gut verkaufte; er malte es ganze siebenmal. Die Version aus dem Prado gilt als die beste; man wird sie dort in den kommenden Monaten vermissen. Sonst aber ist der temporäre Aderlass, den die Ausleihe an Basel bedeutet, verschmerzbar. Denn natürlich hat man die grossen Publikumsmagneten – wie Velázquez’ «Las Meninas» oder Goyas «Erschiessung der Aufständischen» – nicht ziehen lassen. Velázquez ist in Basel trotzdem vertreten: mit einem herrlichen «Bufón», einem kleinwüchsigen Hofnarren; Goya gibt sich mit einem Bild von drei Bauernmädchen für einmal unkonfrontativ.

Jedenfalls fast: Im letzten Ausstellungsraum hat man die Basler Hausbestände angezapft und zeigt eine Auswahl aus Goyas launiger druckgrafischer ­Serie «Los Caprichos» (wer die komplett sehen will, kann das bis Ende Juli im ­Museum Reinhart in Winterthur tun, wo auch die «Desastres de la Guerra» und die «Tauromaquia» ausgestellt sind). Der thematische Fokus liegt auf dem Tod, weil in unmittelbarer Nähe Totenkopf-Stillleben hängen; Goyas eigener Tod – 1828 – gilt den Ausstellungsmachern als zeitlicher Schlusspunkt. Irgendwo muss man sich ja mal einschränken. Sogar, wenn man im Prado auswählen kann.

----------

Bis 20. August.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch