Wenn die Katze übers Judentum spricht

Sein Werkkatalog ist fast unüberschaubar. Der französische Comicstar Joann Sfar legt neue Folgen seines bekanntesten Werks vor – und kommt zu Ausstellungen in die Schweiz.

Transportiert Ernst und Schalk: Die diskutierfreudige Katze des Rabbiners. Illustration: Avant-Verlag

Transportiert Ernst und Schalk: Die diskutierfreudige Katze des Rabbiners. Illustration: Avant-Verlag

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Da ist sie endlich wieder, die schwatzhafte Katze aus Algier. Seit ihrem ersten Abenteuer, als sie einen Papagei verschlang und darob der Sprache mächtig wurde, diskutiert das magere Tier gerne mit seinem Meister, dessen schöner Tochter Zlabya und anderen Figuren über Gott und die Welt, wobei in der Regel das Judentum im Zentrum steht.

Der Franzose Joann Sfar avancierte mit «Die Katze des Rabbiners» vor knapp zwanzig Jahren zum Star, zusammen mit Lewis Trondheim, David B. oder Jean-Christophe Menu galt er als Erneuerer des französischen Comics. Doch nach fünf Katzenbänden war plötzlich Schluss, Sfar legte seine millionenfach verkaufte Reihe auf Eis.

Streicheleinheiten

Wenn nun nach über einem Jahrzehnt endlich Nachschub kommt, ist die Freude umso grösser, als der Sammelband gleich drei neue Bände in deutscher Übersetzung enthält. In «Du sollst neben mir keine anderen Götter haben» ­erwartet die vom Kater angebetete Zlabya ein Kind, und das Tierahnt instinktiv, was das in Sachen Aufmerksamkeit bedeutet: Schluss mit Streicheleinheiten. Da kann man es auch gleich mit Beten versuchen oder wenigstens mit dem Rabbi darüber streiten, wozu dies gut sein soll.

In «Der Turm von Bab-El-­Oued» wird eine Moschee und dann eine Synagoge überflutet – worauf die Gläubigen mit Booten zum Gebet fahren und der unbequemen Katze als Symbol allen Übels an die Gurgel wollen. Und in «Das Mandelkörbchen» gehts um eine Katholikin, die ihrem Mann zuliebe zum Judentum konvertieren will. Als sie sich über die Trennung von Milch und Fleisch informiert, wird sie jedoch von der Katze über den Unsinn ihres Unterfangens belehrt.

Typisch Sfar, könnte man sagen, dessen mäandernde Geschichten Ernst und Schalk zu gleichen Teilen transportieren. Zum Beispiel wenn die Katze doziert: «Der Gott der Juden tut alles, um alle Welt zu entmutigen. So einfach ist das.» Es ist eine Welt zwischen Denken und Fressen, zwischen Gott und Sex, zwischen Disput und Action, die der Franzose mit seiner «Katze des Rabbiners» so jazzig locker aufs Papier wirft. Wobei diese Comicreihe nur einen Bruchteil dessen ausmacht, was dieser Universalkünstler hervorgebracht hat.

Überschäumende Leidenschaft, was das Erzählen zwischen Biografie und Fiktion ­betrifft.

Joann Sfar, 1971 in Nizza ge­boren und in Paris wohnhaft, ­bespielt Comics aller Gattungen, er entwirft drollige Vampire, schreibt Kinderbücher, verfertigt ambitionierte Künstlerbiografien. Besonders beliebt im deutschsprachigen Raum ist die mit anthropomorphen Tieren ­bestückte Fantasyparodie «Donjon», die Sfar zusammen mit ­Lewis Trondheim entwarf und deren über vierzig Comicbände aus drei zeitlichen Haupt- sowie drei Nebensträngen bestehen.

Veröffentlichungswut

Aber dann sind da noch Karikaturen, Tagebücher, Kolumnen und Radiosendungen (Sfar erklärte auf France Inter täglich in vier Minuten ein Kunstwerk). Er schrieb einen Roman, der eher kritisch aufgenommen wurde («Der Ewige»), und er drehte den Spielfilm «Gainsbourg (vie héroïque)», den er um den französischen Sänger herum mit frei erfundenen Fabeln und Fantasiefiguren anreicherte sowie mit einer ziegeldicken Comicdokumentation namens «Gainsbourg (hors champ)» ergänzte.

Sfars immenser Schaffensdrang zeugt von überschäumender Leidenschaft, was das Erzählen zwischen Biografie und Fiktion betrifft. Manchmal entstehen bis zu zehn Comicbände pro Jahr. Diese Veröffentlichungswut hat allerdings einen traurigen Hintergrund: Die Mutter des Autors starb, als er noch keine vier Jahre alt war. Man sagte ihm damals, sie sei auf Reisen gegangen. Nach eigenem Empfinden habe ihn dieses unerträgliche Geheimnis auf den Status eines Haustiers reduziert – und später zum Geschichtenerzählen getrieben, sagt Sfar.

In seinem Werk kommt die Mutter nicht vor, aber in seinem vielleicht persönlichsten Comic – dem ersten Band von «Die Katze des Rabbiners» – erzählt er ein Gleichnis: Da träumt die ­geschwätzige Katze, dass die schöne Zlabya krank sei und eines Tages verschwinde. Dem verzweifelten Tier sagt man, dass Zlabya auf Reisen gegangen sei, und es hofft und bangt jahrelang, dass sie zurückkommen möge. Bis ihm der Rabbi endlich die Wahrheit anvertraut: «Sie ist tot.» Es ist Joann Sfars ganz privater Albtraum, den er hier ebenso hinreissend wie traurig aufs Papier gebracht hat.

Joann Sfar: Die Katze des Rabbiners. Sammelband 3. Avant-Verlag, Berlin 2019. 200 S., ca. 52 Fr.

Erstellt: 01.04.2019, 21:11 Uhr

Die Ausstellungen

Das Comicfestival Fumetto in Luzern rollt für Joann Sfar den grossen Teppich aus: Neben einer Übersichtsausstellung («Liebende und andere Vampire», Kunsthalle) gibts auch ein Hörspiel zu erleben («Donjon: Der Weise aus dem Ghetto», 7.4. Restaurant St. Magdalena) sowie ein Podiumsgespräch über «Religiöses und Visionäres bei Sfar» (13.4. Maskenlieb-habersaal).

In Basel widmet das Cartoonmuseum Sfar die Ausstellung «Sans début ni fin». Dort sollen vor allem jüngere Werke des Franzosen gezeigt werden. (zas)

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