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Wenn die Kunsthalle zum Strip-Club wird

Können Pole-Dance, Semipornographie und eine leere Bühne Kunst sein? Natürlich. Im Fall der Ausstellung «Show», die die Basler Kunsthalle zeigt, ist das sogar gute Kunst. Dank der Tänzerin Alexandra Bachzetsis.

Aus der Performance «Showdance».

Kunst ist: zum Beispiel ein Körper in Öl. Der Körper trägt einen goldenen Bikini, wirkt flüssig wie Silikon, schüttelt und spreizt sich, Fleisch wackelt. Normalprogramm auf MTV. Aber nicht unbedingt in einer Kunsthalle.

Feminismus ist: zum Beispiel ein Körper in Öl. Jedenfalls, wenn er der Tänzerin Alexandra Bachzetsis gehört, wie im geschilderten Fall. «Gold» heisst ihr Stück, das sie im Rahmen ihrer Ausstellung in der Kunsthalle Basel am 1. November zeigte. Sie spielt darin mit den Frauenbildern aus Hip Hop-Videos, ihren semipornographischen Gesten und der Ökonomie des Spektakels. «Gold» ist sexy und kritisch zugleich, vor allem aber hintersinnig.

Strip-Tanz in der Kunsthalle

Jeder Künstler hat ein Gravitations-Zentrum, um das sich seine Arbeit dreht. «Frau-Sein ist eigentlich nicht mein Thema», sagt Bachzetsis. «Aber ich bin nun mal eine Frau.» Das ist nicht zu übersehen. Schwarzer Lockenwildwuchs über einem schmalen, blassen Gesicht. Augen, fokussiert wie Zielfernrohre, leicht bedrohlich. Hinreissend schön. Dass sie Schönheit, Sex und unsere zwangsneurotische Beschäftigung damit thematisiert, scheint nahe liegend.

In der Kunsthalle Basel zeigt Bachzetsis ihre erste Soloausstellung. Das muss man erklären, denn die 34-Jährige ist keine bildende Künstlerin. Kunst ist hier «Show», so der Titel der Ausstellung. Doch zu sehen ist - abgesehen von vier Live-Performances - bloss die Kulisse: Bühne, Equipment, Tribüne, Backstage-Bereich. Hier findet sich eine Stange, wie Stripperinnen sie für ihren Pole-Dance benutzen, ein Requisit für die letzte Performance «Handwerk» am kommenden Freitag. Aha, denkt sich der Besucher leicht irritiert, die Ausstellung zeigt das Transzendentale der Show. Raffiniert, aber harmlos. Wären da nicht Bachzetsis Live-Acts. Drei Stücke an vier Abenden im November zeigte sie bisher, das letzte folgt kommenden Samstag. Sie sind sexy, sie sind durchdacht, sie sind verstörend. Vor allem sind sie mehr als eine weitere öde Exegese des Sexuellen im Kontext der Kunst.

Vielleicht gehören Sie zu denen, die sich bei modernem Tanz oder Kunstperformances ratlos am Kopf kratzen, leicht beschämt, weil Sie nicht verstehen und das alles auch ein bisschen seltsam finden. Diese Gefahr besteht bei Bachzetsis nicht. Zwar spricht auch sie gerne von Codes, Transformation, Sprache, wenn sie ihre Arbeit erläutert. Doch ihre Codes versteht jeder. Es ist die Sprache der Massenmedien: Bilder von Verführung, Vermarktung, Selbstdesign.

Verführung als Knochenarbeit

«‹Handwerk› habe ich ursprünglich auf Auftrag einer kommerziellen Galerie entworfen.» Beim Sprechen spreizt Bachzetsis ihre schlanken Finger mit den rot lackierten Fingernägeln. Ihre Gesten sind präzise. «Dieses Pole-Dancing boomt ja und mich interessierte der Widerspruch zwischen dieser Low-Art, für die man aber eigentlich Profi-Tänzerin sein muss.» Also nahm sie die «haarsträubenden» Regieanweisungen für Pole-Tänzerinnen als Ausgangsmaterial, um die Knochenarbeit hinter der Verführung zu zeigen.

Und selbst zu verführen. «Ich flirte damit, dass es zieht, wenn eine Frau sich auszieht», lächelt sie. Ihr Stück «Gold» beispielsweise. «Ich sah all diese geschmäcklerischen Performances und sagte mir, jetzt mache ich das auch mal und zwar entsprechend dem allgemeinen Overload so richtig dick und fett. Und es hat funktioniert.» Seit 2004 tourt sie damit durch Galerien und über Festivals. Es sei, grinst die Tänzerin, ihr bislang erfolgreichstes Stück. Ist das nun Verrat an einer allfälligen Kritik, plumpe Affirmation jener Dynamik, die uns einer sexuellen Dauerbeschallung unterwirft? Es spielt keine Rolle. Wahrscheinlich ist es einfach Feminismus 2.0.

Universelle Sprache

Flirten, ja bitte, doch nur zu den eigenen Bedingungen. Das sagt sich einfach, doch wer diese Haltung in seine Arbeit übersetzen will, braucht enormes Durchhaltevermögen. «Ich habe einen extremen Arbeitsdrang», sagt Bachzetsis. Die Tochter eines griechischen Selfmademans und einer Rheinthaler Lehrerin wuchs in einem liberalen Haushalt auf. Ballett mit vier, später Kunstgymnasium, Tanzausbildung in Belgien, Nachdiplomstudium in Amsterdam. Es gab auch Identitätskrisen. «Ich fragte mich, in welcher Kultur ich zu Hause bin. Existenzängste, Psychosen, Selbstzweifel – alles war da.» Wahrscheinlich hätte sie auch Schauspielerin werden können, Germanistin. Doch der Tanz bot ihr einen entscheidenden Vorteil. «Es ist eine universelle Sprache, sie funktioniert unmittelbar, egal, welches Bildungsniveau du mitbringst.»

Bachzetsis Performances sind das beste Beispiel dafür. Der Voyeur geniesst sie, dem Ästhetiker eröffnen sie überraschende Zusammenhänge und dem Intellektuellen ein Labyrinth der Selbstbefragung. Humor verraten sie auch. Der umtriebige Direktor der Basler Kunsthalle, Adam Szymczyk hat mit Bachzetsis «Show» den Mut zum Unkonventionellen bewiesen, für den er bekannt ist. Dazu gehört auch, dass nach der letzten Performance namens «Showdance» am vergangenen Samstag die Bühne der Performance kurzerhand vom Publikum annektiert und zum Dancefloor samt Bar und Lounge umfunktioniert werden konnte. Solche bewegten Bilder dürfen getrost mit dem Kanon der bildenden Kunst wetteifern.

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