Wenn eine Sammlung zu fliegen beginnt

Kurt Seligmann bis Richard Serra: Das Kunsthaus Zürich zeigt Zeichnungen und Skulpturen aus der Sammlung von Hubert Looser.

Pablo Picasso, «Sylvette», 1954. Sammlung Hubert Looser. © Succession Picasso / 2019 Pro Litteris, Zurich

Pablo Picasso, «Sylvette», 1954. Sammlung Hubert Looser. © Succession Picasso / 2019 Pro Litteris, Zurich

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es beginnt mit einem gerade prophetisch wirkenden Totentanz von Kurt Seligmann. Die hochformatige Zeichnung, die drei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs entstanden ist, zeigt drei drahtige, kräftig gegen den Wind ausschreitende Figuren, die statt Köpfen blecherne Trichter und leere Pfannen auf ihren Schultern tragen. Das an Salvator Dalí erinnernde Blatt ist ein Vorzeigestück eines Schweizer Surrealismus, der weit über die Landesgrenzen hinaus Beachtung fand.

Es gehört zu den ersten Werken, mit denen der inzwischen 81-jährige Industrielle Hubert Looser seine Kunstsammlung begründete. Schon im Alter von 24 Jahren legte er den Grundstein zu seiner inzwischen Hunderte Gemälde, Zeichnungen, Drucke und Skulpturen umfassenden Kollektion.

Kurt Seligmann, «Ohne Titel», 1936. Sammlung Hubert Looser.

Seligmanns Blatt steht in der neuen Ausstellung des Kunsthauses Zürich in einem fruchtbaren Dialog mit zwei etwa 60 Zentimeter hohen Skulpturen aus Bronze und Holz von Serge Brignoni. Ihr Name ist Programm: «Animal végétal» und «Erotique végétal» verkörpern mit ihrem surrealen Formenvokabular aus Röhren, geknickten Stäben oder wollüstigen Rundungen das Sexuelle schlechthin.

Amerikaner im Zentrum

In der Schau «Picasso – Gorki – Warhol», die Hubert Loosers Zeichnungen und Skulpturen gewidmet ist, bildet Schweizer Kunst nur den Auftakt. Denn bald stehen wir auf dem Rundgang vor einem grossartigen Blatt des aus Armenien stammenden Amerikaners Arshile Gorky, auf dem surrealistische Momente mit Motiven Picassos und abstrakten Figuren aufeinandertreffen. Das Werk tritt mit einer von David Smith stammenden Skulptur aus dem Jahr 1940 in Dialog, die «Woman Music» betitelt ist und eine geradezu traumhafte, dem Surrealismus verpflichtete Verschmelzung von Person und Instrument zur Darstellung bringt.

Arshile Gorky, «Untitled», 1931–1933. Sammlung Hubert Looser.

Mit diesen beiden amerikanischen Künstlern aus der Mitte des 20. Jahrhunderts erleben wir schon im ersten Ausstellungsraum, wie Sammler und Sammlung zu fliegen beginnen. Wie Loosers Kunstinteresse die heimischen Gefilde verlassen hat und auf oft überraschende Weise in Übersee fündig wurde. Denn der Kern dieser aus der Schweiz heraus entwickelten Sammlung, die mit ihren besten und wertvollsten Gemälden dereinst im Chipperfield-Bau als Dauerleihgabe zu sehen sein wird, besteht aus Werken der amerikanischen Kunstrichtungen Abstrakter Expressionismus und Minimalismus sowie der italienischen Arte povera.

Willem de Kooning, «Head III», 1973. Sammlung Hubert Looser. © The Willem de Kooning Foundation / 2019 Pro Litteris, Zurich

Im Reich der Zeichnungen und Skulpturen hat Looser ähnliche Schwerpunkte wie bei den Gemälden gesetzt. So blicken wir staunend auf ein Konvolut von 26 mit Bleistift gezeichneten Frauenbildern von Willem de Kooning, der bekanntlich mit einigen grossartigen Gemälden in Loosers Sammlung vertreten ist. Auch ein Bronzekopf, an dem sich der in den Niederlanden geborene und in den USA zu Weltruhm gelangte Künstler 1973 regelrecht abgearbeitet hat, zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Was wohl am Anfang noch einem Gesicht glich, ist unter den knetenden Händen des Künstlers zu einem mit Ecken und Kanten versehenen Bronzeklotz geworden, der in erster Linie von den Energien berichtet, die bei der Gestaltung dieses Werkes freigesetzt wurden.

Massive Zeichnungen

Die Ausstellung überrascht in den folgenden Räumen mit Werken von Brice Marden und Giuseppe Penone sowie mit ganz und gar kalligrafisch empfundenen Blättern von Fabienne Verdier. Die hierzulande wenig bekannte französische Künstlerin hat Looser besonders gefördert. Wir sehen ganz von der Linie her gedachte Blätter von Al Taylor, geometrische Formen von Elsworth Kelly, Schraffuren von Jasper Johns und eine ganze Serie surrealistisch anmutender Wandskulpturen von Richard Tuttle.

Richard Serra, «Finkl-forge», 1991. Sammlung Hubert Looser. © 2019 Pro Litteris, Zurich

Den Höhepunkt der Schau bilden die Zeichnungen Richard Serras, der mit «Allée» 1996 eine wunderbare Radierung geschaffen hat, die unter einem schwarzen Bogen, den man als Haarkranz auffassen kann, ein geradezu beiläufig hingetupftes Gesicht hervortreten lässt. Daneben prangt in ganzer Wucht ein mit 170 mal 230 Zentimetern riesenhaftes Format. Das Blatt aus dem Jahr 1991 ist mit «Finkl-forge» betitelt. Serra hat das Papier mit einer satten Schicht schwarzer Ölkreide bedeckt, sodass die Zeichnung so massiv, schwer und raumgreifend erscheint wie eine seiner Eisenplastiken, mit denen er Weltruhm erlangte.

Die Ausstellung besteht aus Teilen der Privatsammlung Hubert Loosers und Werken, die sich als Dauerleihgabe in der Sammlung des Kunsthauses Zürich befinden. Bis 5. Januar 2020.

Erstellt: 20.09.2019, 16:52 Uhr

Artikel zum Thema

Im Warteraum zur Kunst

In fünf Jahren übergibt Hubert Looser seine Sammlung dem Neubau des Zürcher Kunsthauses. Die Zeit bis dahin ist aber nicht der einzige Grund für die Ungeduld des Privatiers. Mehr...

«Last Minute Angebot»: Freier Eintritt ins Kunsthaus bis Ende 2019 - 20% Rabatt

Als Mitglied erhalten Sie ab sofort bis Ende Jahr freien Eintritt in 5 Ausstellungen und die beeindruckende Sammlung des Kunsthauses! Mehr...

Das Versteckspiel um diesen «Tizian» ist unnötig

Analyse Das Kunsthaus Zürich machte aus seinem ganzen «Tizian» zähneknirschend einen halben. Aber stammt das Gemälde überhaupt aus dem 16. Jahrhundert? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Mamablog Rassismus im Kindergarten

Sweet Home Designwohnung statt Hotel?

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...