Wie die Kunst Körper zerlegt

Erst blau, dann rosa und ocker, am Schluss ganz bunt: Paris zeigt zwei grosse Ausstellungen über Picasso und den Kubismus, die später in die Schweiz kommen. 

Ausschnitt aus Pablo Picassos «La vie» (1903). Foto: Succession Picasso, ProLitteris, Zürich 2018, Kunstmuseum Basel

Ausschnitt aus Pablo Picassos «La vie» (1903). Foto: Succession Picasso, ProLitteris, Zürich 2018, Kunstmuseum Basel

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In Gósol, einem kleinen Dorf in den Pyrenäen, rund 160Kilometer nördlich von Barcelona, hat Pablo Picasso im Jahr 1906 seine «Deux frères» auf die Leinwand gezaubert. Leichtfüssig bewegt sich der Ältere und trägt den Jüngeren auf seinem Rücken. Picasso (1881–1973) hat das Bild mit Rosa- und Ockerfarben gemalt und dem Älteren ein maskenhaftes, aber klar gezeichnetes Gesicht verpasst, während er Augen und Nase des Jüngeren verwischte.

Man kann «Les deux frères» so interpretieren, dass hier der ältere Bruder, der noch die naturalistische Luft von Picassos Blauer Periode atmet, auf seinem Rücken das kubistische Kleinkind trägt, dem eine revolutionäre Karriere bevorstehen wird. So gesehen stellt das Bild, das aus dem Kunstmuseum Basel stammt, einen Angelpunkt in Picassos frühem Schaffen dar. Im Musée d’Orsay, wo noch bis Anfang Januar der Blockbuster «Picasso, bleu et rose» gezeigt wird, ziert es, ins Riesenhafte vergrössert, das Eingangsportal der Ausstellung.

Höhepunkt des Frühwerks

Eines der zentralen Bilder dieser das Publikum in Scharen anziehenden Schau, die im Februar in die Fondation Beyeler wechselt, ist das hinreissende «La Vie» aus dem Jahr 1903, das aus dem Cleveland Museum of Art stammt. Dieses Bild wird gerne als Höhepunkt eines Frühwerks bezeichnet, in dem Picasso seine Bildmotive vornehmlich mit blauer Farbe festhielt.

In Paris hängt das kapitale Werk in einem der letzten Säle der Ausstellung. Dank einer klug gesetzten Lücke in den Wänden der Ausstellungsarchitektur erspäht man das nackte Paar und die Mutter mit Kind vor dem blauen Grund schon beim Eingang. Das Bild, das als eine Darstellung des Lebenszyklus verstanden werden kann, wird so zum Ziel und Kompass in Picassos Frühwerk, das in einer stupenden Dichte vor den Augen der Besucher ausgebreitet wird.

Jahr um Jahr arbeitet sich die Ausstellungserzählung fort. Beginnt mit dem Eklektizisten Picasso. Zeigt blau gemalte, meist drogenabhängige Menschen zuhauf. Grosse Bedeutung erhält der Suizid des Malerfreundes Casagemas, der die dem Melancholischen zugewandte Malerei zusätzlich ins Tragische verschärfte. Dann folgen die berühmten Bilder, die von der Welt der Commedia dell’arte und des Zirkus erzählen. Erst bei seinem Aufenthalt in Gósol im Sommer 1906 beginnen dann aber Rosa- und Ockerfarben das bisher vorherrschende Blau in Picassos Malerei zu verdrängen.

«Le Portugais» (1911-1912) von Georges Braque. Foto: Succession Picasso, ProLitteris, Zürich 2018, Kunstmuseum Basel

Und plötzlich stehen wir vor dem 1906 in Gósol entstandenen, aus grob umrahmten Dreiecken zusammengesetzten Selbstporträt. Mit ein paar nackten Frauen, die aussehen, wie wenn sie aus geometrischen Formen zusammengeschraubt wären, hätte es auch gut in die Ausstellung «Le Cubisme» im Centre Pompidou gepasst.

Denn in Paris und bald auch in Basel gibt es Picasso im Doppelpack: Während sich das Musée d’Orsay dem noch ganz im 19. Jahrhundert verwurzelten Picasso widmet, zeigt das Musée Nationale d’Art Moderne im Centre Pompidou mit dem Kubismus die erste grosse Kunstrevolution des 20. Jahrhunderts, die im kommenden März in abgespeckter Form ins Kunstmuseum Basel wechselt.

Man kann die Kubismusausstellung als logische Ergänzung zu Picassos Frühwerk verstehen. Sie erzählt freilich nicht nur die Geschichte des Meisters, sondern öffnet den Blick, umrahmt seine Bilder und Skulpturen, bettet sie ein und konterkariert sie mit den Werken von etwa einem Dutzend Mitstreitern, sodass ein vielstimmiger Chor entsteht. Den Ursprung des Kubismus findet die Ausstellung in Paul Cézannes «Cinq Baigneuses» – wiederum einem Bild aus Basel –, das zwischen 1885 und 1887 entstanden ist, sowie in einer exquisiten Reihe afrikanischer Statuen, deren maskenhafte Gesichter die Kubisten beeinflussten. Beim Vergleich dieser Werke kultischen Ursprungs mit jenen der Kubisten wird der kulturelle Synkretismus von Picasso und Braque unmittelbar greifbar: Steht nicht am Anfang der ersten grossen Kunstrevolution des 20. Jahrhunderts eine Anverwandlung der kulturellen Meisterwerke aus den Kolonien?

Zersplitterung der Form

Die Ausstellung vertieft das Thema nicht. Dafür nimmt sie uns mit in einen grossen Saal, dessen Gemälde der weitgehenden Zerlegung des weiblichen Körpers gewidmet sind, wie sie Picasso und Braque quasi im Wettstreit verfertigten. Danach umringt sie uns mit lauter Stillleben, die wieder von einem Basler Bild beherrscht werden, nämlich Picassos grossartigem «Pain et Compotier aux fruits sur une table» (1908/09).

Schliesslich steht man vor einem Dutzend Grossformaten von Picasso und Braque, die in Paris unter dem Titel «Zersplitterung der homogenen Form» präsentiert werden. Es sind zumeist Porträts, gemalt in Braun- und Grautönen, die in einer nie zuvor gesehenen Radikalität die menschliche Figur zerlegen und zusammenbauen. Der Weg durch die Ausstellung führt danach ins Bunte, zu Delaunay, Léger, Picabia und Chagall, denen hinreissende Skulpturen von Brancusi beigesellt werden. Danach werden die kubistischen Gemälde von Buchstaben infiltriert. Später kommen die Collagen, die das gerahmte Bild in Richtung Skulptur aufbrechen.

Ein letztes Mal farbig

Und noch ein letztes Mal darf es ganz farbig werden mit einem raumgreifenden Fries von Sonia Delaunay, bevor der Krieg die junge Künstlerbewegung in die Knie zwingt: Zeichnungshefte von der Front, Invalide und Kriegsversehrte beherrschen die illustrierenden Blätter, die von den Künstlern im Krieg hergestellt wurden.

Es ist eine traurige Ironie der Geschichte, dass der Krieg diese revolutionäre Kunstbewegung auf eine besonders grausame Weise auf den Boden der Realität geholt hat: Fügte er den Soldaten nicht jene Verletzungen zu, die vorher die Künstler in spielerischer Weise ihren gemalten Figuren beigebracht hatten?

«Picasso, bleu rose», Muséed’Orsay, Paris, bis 6. Januar 2019. «Picasso – blaue und rosa Periode», Fondation Beyeler, 3. Februar bis 26. Mai.«Le Cubisme», Centre Georges Pompidou, bis 25. Februar 2019. «Kosmos Kubismus», Kunstmuseum Basel, 30. Märzbis 4. August. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.12.2018, 18:09 Uhr

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