Wie in der Kronenhalle Kunst inszeniert wird

Ein Bildband widmet sich den Gemälden, die an den Wänden des Kultrestaurants hängen.

Die Kunst isst in der Kronenhalle mit: Etwa das Stillleben von Chaim Soutine (1923). Foto: Christian Flierl

Die Kunst isst in der Kronenhalle mit: Etwa das Stillleben von Chaim Soutine (1923). Foto: Christian Flierl

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Was ist die Kronenhalle? Ein bekanntes Restaurant in Zürich, darf man behaupten, wo die Qualität der gebotenen Speisen zwar «verhebet», aber das Essen nur selten so fantastisch ist, dass man allein deswegen einkehren würde. Eine Bühne ist das Lokal an der Rämistrasse mit Sicherheit auch, wo sich die gehobene Zürcher Gesellschaft (und wer es sich sonst noch so leistet) die Türklinke in die Hand gibt und schaut, ob der Herr Meier nicht doch ein wenig gealtert ist, seit ihn seine Frau verlassen hat. Und, wenn man grad mal da ist, kommt eigentlich Frau Müller noch immer jeden Sonntag mit ihren vier Söhnen vorbei?

Die Kronenhalle ist nicht zuletzt eine Kunstsammlung, aufgebaut in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg vom Ehepaar Hulda und Gottlieb Zumsteg: «Das war eine Zeit, da in Zürich das Geld leicht verdient und ebenso leicht wieder ausgegeben wurde», hat sich die Gastgeberin später erinnert. Wo sonst kann man zwischen echten Bildern von Joan Miró und Paul Klee Kalbsleberli mit Rösti geniessen? Oder wie wär es stattdessen mit einer Kräuteromelette mit Blick auf eine echte Skizze von Joseph Beuys? Zu Henri Matisse würde vielleicht das Chateaubriand mit Sauce béarnaise noch gut passen, das man dort – entgegen dem Zeitgeist – noch immer bestellen kann.

Was dieser Dauerausstellung bisher gefehlt hat, ist ein Katalog. Den liefern nun die Buch­gestalterin Sibylle Ryser und die Kunstwissenschaftlerin Isabel Zürcher nach. Und so wie auch die Kronenhalle nicht einfach ein Speiselokal sein kann, ist auch dieses Buch nicht einfach ein Verzeichnis der Bilder geworden. Zwischen den Buchdeckeln verbirgt sich mehr: Vier zeitgenössische Autoren haben pointierte kurze Texte beigesteuert, darunter ein szenischer Theaterentwurf von Renata Burckhardt, welche die Stimmung unter einer Handvoll (fiktiver?) Stammgäste ziemlich gut einfängt.

Eigenwillig fotografiert

Zu finden sind im Bildband aber auch eigenwillige Fotos, die die Ölbilder mitten in der Nacht im kreisrunden Lichtkegel eines Scheinwerfers zeigen. Am Tag entstanden sind diejenigen Aufnahmen, auf denen man das Personal beim Tischdecken beobachten kann – um festzustellen, dass auch diese Belegschaft mit ihren weissen Blusen und Hemden ein wichtiger Teil einer einzigartigen Inszenierung ist.

Einer Inszenierung wohlgemerkt, die auch nach dem Tod der früheren Gastgeberin Hulda Zumsteg (1984) und ihres Sohnes Gustav Zumsteg (2005) fortbesteht. Testamentarisch hat dieser nämlich festgelegt, dass die Bilder – solange die Kronenhalle als Restaurant und Bar existiert – nicht von den Wänden entfernt werden dürfen. Was ist die Kronenhalle? Nicht zuletzt auch ein Stück lebendige Geschichte.

Sibylle Ryser und Isabel Zürcher (Hrsg.): Pays de rêve – Die Kunst der Kronenhalle Zürich, Prestel-Verlag, München 2019. 132 S., ca. 52 Fr.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.04.2019, 18:46 Uhr

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