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«Wilde im eigenen Land»

Peter von Matt über die Faszination der Moderne für die Kunst psychotischer Menschen.

«Man darf die Krankheit nicht romantisieren»: Germanist Peter von Matt. Archivbild: Keystone
«Man darf die Krankheit nicht romantisieren»: Germanist Peter von Matt. Archivbild: Keystone

Kreativität und Schizophrenie werden oft zusammengebracht, warum eigentlich? Die Kunst der frühen Moderne suchte nach neuen Ursprüngen und Vorbildern. Diese fand sie bei den sogenannten Eingeborenen und Wilden, vor allem in Afrika und Asien, aber auch bei Bauern­malern und Sonntagskünstlern, die eine eigene überraschende Formensprache zeigten. Das berühmteste Beispiel ist der Maler Henri Rousseau. Etwas später richtete sich die Aufmerksamkeit auch auf die Kunst der Geisteskranken. Man fand hier formale Kühnheiten, die man selbst kaum gewagt hätte und bald in die eigene Arbeit übernahm. Die Geisteskranken wurden so gewissermassen zu Wilden im eigenen Land. In dieser Zeit wurde auch Bekanntes neu bewertet, etwa die Gedichte Hölderlins aus den Jahren seiner Umnachtung. Man hatte sie lange als blosse Symptome der Gestörtheit betrachtet. Jetzt sah man darin Kunstwerke eigener Art, und dies zu Recht. Den neuen Blick für solche Phänomene gewann die Moderne aus dem Überdruss an der allzu perfekten Kunst des späten 19. Jahrhunderts.

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