«Wir schaffen neue Kunstwerke»

Sarah Kenderdine ist Professorin für digitale Museologie an der EPFL Lausanne. Die Australierin sieht in den neuesten Technologien grosse Chancen für die Museen.

«Es wäre falsch, zu denken, wir müssten nur alles digitalisieren, und dann darf es zerstört werden», sagt Sarah Kenderdine. Foto: PD

«Es wäre falsch, zu denken, wir müssten nur alles digitalisieren, und dann darf es zerstört werden», sagt Sarah Kenderdine. Foto: PD

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Digital und Museologin – klingt das nicht paradox? In einem Museum geht es doch um echte Objekte, nicht um ihre digitale Version.
Die Verwendung modernster Technologien und der Respekt vor dem Original widersprechen sich nicht. Im Gegenteil, die Technologie kann dem Objekt, dem Bild, zu einem wirkungsvolleren Auftritt verhelfen. Denken Sie an historische Denkmäler, die so fragil sind, dass sie die Begegnung mit dem Publikum nicht mehr ertragen. Wir können sie mit un­serer hypergenauen Vermessungstechnik erfassen und wiedererschaffen oder, wie wir sagen, modellieren. Diese neuen Abbildungen sind wissenschaftlich präzis und haben dennoch ihre ganz eigene, faszinierende Aura.

Welche Technologien verwenden Sie dazu?
Es gibt heute eine ganze Reihe von Möglichkeiten, etwa die Virtual Reality, erweiterte Realität, interaktives Kino oder das 3-D-Panorama. Die Wahl des rich­tigen Displays ist schon ein Teil des kreativen Prozesses.

Die von Ihnen modellierten Wandgemälde können sich auch bewegen, Mumien klappen sich wie von Geisterhand auf, um ihr Inneres vorzuzeigen. Sind das noch Mumien und Wandgemälde? Oder ist es etwas ganz anderes?
Wir schaffen in der Tat neue Kunstwerke, die eine eigene Geschichte haben. Was uns von den früheren Künstlern unterscheidet, die doch auch immer ihre Vorgänger kopiert haben, ist die schwindelerregende Präzision, mit der wir künstlerische Artefakte erfassen können. Das stellt uns vor komplexe Probleme und fordert unsere ganze Vorstellungskraft.

Welche Probleme sind das?
Schon die schiere Grösse der Datensätze! Nehmen wir etwa ein Projekt, das gerade an der EPFL läuft: 11?000 Stunden Montreux Jazz Festival wurden digital erfasst. Oder die Sammlung des Victoria Museum in Melbourne, wo ich vorher tätig war: Dort befinden sich 16 Millionen Objekte, und wir haben sie alle digitalisiert.

Wie arbeitet man mit solchen Datenmengen?
Mit einer Methode, die wir «data sculpting» nennen, also Datenplastik. Jede Situation erfordert einen anderen Einfall, es handelt sich also um einen echten Schöpfungsprozess. Das in den Datensätzen enthaltene Wissen muss sichtbar und nutzbar gemacht werden.

Zum Beispiel?
Im Victoria Museum haben wir auf einem 360-Grad-Bildschirm das gesamte Material für die freie Benutzung des Publikums ausgebreitet.

Und das war überfordert . . .
Nein, denn die Objekte auf dem Bildschirm waren durch Metadaten, also ­Beschreibungen und Kontexte, miteinander verbunden. Eine simple Such­maschine gab es nicht. So konnte jeder Besucher seinen eigenen Pfad durch die Sammlung anlegen. Es war im Grunde eine riesige Kuratierungsmaschine, die jeder intuitiv bedienen konnte.

Fühlten sich die eigentlichen Kuratoren des Museums dadurch nicht entmachtet?
Diese erlebten die grösste Überraschung dabei. Die Vielfalt und die Originalität der Zugänge, die Besucher aus eigenem Antrieb zu den Exponaten des Museums fanden, wirkte auch auf die Kuratoren inspirierend. Verschiedene Perspektiven wie Geschichte, Anthropologie oder Kunstwissenschaft fanden auf eine spielerische Weise zusammen.

Sind Sie selbst Kuratorin?
Meine erste Ausbildung ist die einer Unterwasserarchäologin. Die Vorliebe für schwer zugängliche Kulturerbe- Stätten ist mir bis heute geblieben. Mein Team und ich werden oft eingeladen, solche zu erfassen.

Ihre Arbeit an den chinesischen Dunhuang-Höhlen ist wohl der bekannteste Beitrag.
Diese Höhlen sind eines der wichtigsten Denkmäler der buddhistischen Kunst Chinas. Sie sind sehr fragil. Von den 492 Höhlen mit Wandmalereien darf man etwa 30 besuchen. Feuchtigkeit, welche die Menschen hereinbringen, lässt die Farbe von den Wänden abblättern. Die Dunhuang-Akademie hat schon früh einzelne Höhlen digital erfasst und uns eingeladen, «immersive Installationen» zu kreieren. Aus einem einzigen Datensatz konnten wir fünf verschiedene Erlebnisräume in Originalgrösse schaffen.

Waren die jüngst zerstörten syrischen Denkmalstätten wie ­Nimrud oder Palmyra auch digital dokumentiert?
Bestimmt gibt es vereinzelte Aufzeichnungen. Hier greift man auf touristische Privatfotos zu Rekonstruktionszwecken zurück, es gab sogar einen Aufruf, Privatbilder zu spenden. Unsere Technologie kann helfen, Fragmente zusammenzusetzen, damit eine kohärente Nachbildung möglich wird.

Gibt es nach dem Schock von Palmyra ein Bestreben, alle wichtigen Stätten zu digitalisieren?
Es sind nach wie vor die lokalen Behörden und Kuratoren, die unsere Arbeit unterstützen. Aber das Bewusstsein für die Wichtigkeit dieser Aufgabe wächst, auch bei Organisationen wie der Unesco. Es wäre indes eine falsche Einstellung, zu denken, wir müssten nur alles digitalisieren, und dann darf es zerstört werden.

Ihre Digitalpanoramen wirken verführerisch. Fürchten sich die Museen nicht vor der Konkurrenz?
Ja, es gibt diese Furcht. Aber sie verschwindet, sobald ein konkretes Vorhaben realisiert wird.

Besuchen Sie manchmal alte, staubige Museen, die nicht einmal einen Audioguide haben?
Natürlich! Ich liebe solche Museen und habe dort die besten Einfälle. Audioguides brauche ich übrigens nie, mir sind die meistens zu didaktisch. Ich starre die Objekte an und träume von einer Datenplastik, die alles Belehrende hinter sich lässt und die Herzen der Museumsbesucher direkt berührt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2018, 18:18 Uhr

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Sarah Kenderdine spricht in Zürich im Rahmen der Konferenz «Building a Museum for Next Generations» am Dienstag, 8. Mai, im Museum für Gestaltung. Anschliessend um 18 Uhr ein Architekturpodium, an dem David Chipperfield, der Erbauer der Zürcher Kunsthauserweiterung, mit Annette Gigon und Adam Caruso diskutiert. Moderation: Fredi Fischli und Niels Olsen. Eine Veranstaltung des TA und des Kunstforums Zürich.(ewh) www.kunstforum-zuerich.ch.

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