Wohin willst du, Kunststadt Zürich?

Bald ein neues Kunsthaus, Umbau des Löwenbräu. Zürich hat in Sachen Kunst viel – und immer mehr – zu bieten. Wieso also tut die Stadt sich so schwer damit, Strahlkraft zu entwickeln?

Nicht nur beim Kunsthaus, auch sonst tut sich viel in der Zürcher Museumslandschaft. Foto: Florian Bachmann (Verein Zürcher Museen)

Nicht nur beim Kunsthaus, auch sonst tut sich viel in der Zürcher Museumslandschaft. Foto: Florian Bachmann (Verein Zürcher Museen)

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In drei Jahren ist es so weit: Mit der Eröffnung des Kunsthaus-Erweiterungsbaus 2020 steht Zürich ein kultureller Quantensprung bevor. Die Ausstellungsfläche des Kunsthauses wird sich verdoppeln, der elegante Bau an der Rämistrasse hievt die Stadt in die museale Weltliga empor. Die Kunst, das Seelenelixier der digital verwirrten Gesellschaft, soll dann vom Heimplatz aus jene Wunde heilen, die wenige Tramstationen weiter am Paradeplatz klafft.

Es ist unübersehbar: Mit dem moralisch zweifelhaften Geheimkonten­geschäft verschwindet auch ein wichtiges Stück der Zürcher Stadtidentität. ­Zürich, die Bankenmetropole? Das war einmal. Nirgends merkt man so gut wie in den hiesigen Galerien, dass die Hälfte des in der Schweiz verwalteten ausländischen Vermögens (laut «SonntagsZeitung» 600 Milliarden Franken) sich auf Nimmerwiedersehen nach Hongkong und Singapur verabschiedet hat.

Zürich ist nicht mehr die «gute Passantenlage» der globalen Millionäre. Seit sie ihre Geheimkonten nicht mehr ­besuchen kommen, sieht man sie auch im Löwenbräu nicht mehr so oft. Auch die Boni der Banker fehlen, die in Kunst investiert wurden. Bob van Orsouw, ein Vermittler der zeitgenössischen Kunst seit ihren Zürcher Anfängen, hat mittlerweile das Handtuch geworfen und seine Galerie im Löwenbräu zugemacht. Die Galerie Rotwand im Kreis 4 hat auf­gegeben, RaebervonStenglin ebenfalls. Die globale Megagalerie Hauser & Wirth bleibt der Limmatstrasse treu – weil sie es sich leisten kann, zeitgleich grosse ­Filialen in mehreren Weltmetropolen zu unterhalten. Gerade hat sie die Eröffnung eines weiteren Ablegers in Hongkong für Oktober verkündet. «Follow the money» heisst hier die Devise, wie im kriminalistischen Bereich.

Doch nicht nur die Händler sind betroffen. Zürich ist durch den Bedeutungsverlust seiner Banken im globalen Aufmerksamkeitsspiegel auch ein Stück unsichtbarer geworden. Was hier in den Museen, Kunstinstitutionen, Galerien passiert – und es geschieht viel Tolles, nicht selten feiern mehrere Weltklassekünstlerinnen oder -künstler am gleichen Abend Vernissage –, findet in New York, London und Paris wenig Echo. Das nervt, denn das war mal anders.

Üppig, aber unkoordiniert

«Zürich und seine Kunstszene verkaufen sich unter ihrem Wert», sagt Daniel Baumann, Kunsthalle-Direktor und ein genauer Beobachter der Szene, «da wird, für mich unverständlich, tief gestapelt.»

Tatsächlich erscheint die Zürcher Kunstlandschaft im Jahr minus drei vor dem beabsichtigten Aufbruch in eine neue Ära zwar als reich bestückt, doch seltsam unkonsolidiert. Die Koordination zwischen den einzelnen Kunstinstitutionen ist praktisch inexistent. Es finden kaum Programmabsprachen statt, die Profile sind nicht geschärft (alle machen ein bisschen alles), gemeinsame Kommunikation der Veranstaltungen oder eine gemeinsame Charmeoffensive dem Publikum gegenüber liegen nicht einmal als Projekte auf dem Tisch. «Jeder strickt an seiner eigenen Geschichte», sagt ein Insider.

Wie es anders aussehen kann, führt zurzeit die neu zum Leben erwachte Kunstmetropole Los Angeles vor. Das Grossprojekt «Pacific Standard Time» bündelt konstruktiv alle Kräfte; Galerien, Museen und freie Kuratoren machen mit.

Eine ähnliche Solidarität hat in den 1990er-Jahren dem damals aus dem ­Boden gestampften Projekt Löwenbräu seine Strahlkraft verliehen. Da haben eine öffentliche Institution wie die Kunsthalle, ein privatwirtschaftlich finanziertes Haus wie das Migros-Museum für Gegenwartskunst und etliche grosse und kleine Galerien in der Praxis vorgeführt, wie eine Verbrüderung über die Grenzen der wirtschaftlich abgesteckten Bereiche aussehen kann.

Zürich ist seit der Bankenkrise nicht mehr die «gute Passantenlage» der ­globalen Millionäre.

Diese Zeit scheint heute längst vergangen zu sein. Soeben wurden die ­letzten Baumängel der 2011 erfolgten 60-Millionen-Sanierung des denkmal­geschützten Brauereigebäudes behoben (für die die Generalunternehmung Steiner AG haften musste). Doch schon ist die ­Löwenbräukunst AG daran, einen neuen, tiefgreifenden Umbau zu planen.

«Wir beabsichtigen sowohl bauliche Massnahmen wie auch eine komplette Neupositionierung der Dachmarke», sagt Löwenbräukunst-Verwaltungsratspräsident Norbert Müller. Der Miterfinder der Löwenbräukunst AG macht keinen Hehl daraus, dass es dabei vor allem um bessere Besucherzahlen geht – denn an einem Wochentag fühlt man sich im leeren Löwenbräu oft einsam.

Doch selbst die Existenz einer Aktiengesellschaft, welche die Kunstbrauerei einst dem unberechenbaren Spiel des Immobilienmarktes entzogen hat, sorgt neuerdings für Dissens. Die Kunsthalle, welche gemeinsam mit der Migros und der Stadt Miteigentümerin der AG ist, bleibt nämlich auf die Dividenden angewiesen, ihr Wegfall (bewirkt etwa durch den Umbau oder die Anwaltskosten in Sachen Baumängel) reisst ein Loch von 150'000 Franken in ihr Budget – das sind 10 Prozent desselben.

Bei so vielen laufenden Problemen ist es kaum verwunderlich, dass eine Strategie für den Umgang mit der am Heimplatz wachsenden Konkurrenz keine Priorität darstellt. Dabei wäre eine solche durchaus nötig, denn das neue Kunsthaus plant für seinen Betrieb ab 2020 eine grosse, eintrittsfrei zu betretende Halle mit attraktiver Bewirtung – die erst noch mitten im Zentrum liegt und mit einem parkähnlichen Umschwung aufwartet. Dass dort auch ­kuratorisch ein deutlich frischerer Wind als im Stammhaus wehen wird, zeigt das gegenwärtige Kunsthaus-Programm, welches die künftigen Freiheiten und grossen Gesten schon mal übt: mit Performancefestivals, Sponsorengalas und Modeschauen.

Mehr Besucher wollen alle

Für beide – das neue Kunsthaus und das neu positionierte Löwenbräu – ist zudem ein weiterer bald abgeschlossener Transformationsprozess von Bedeutung: Im Frühling 2018 wird das renovierte Museum für Gestaltung hinter dem Hauptbahnhof wieder aufgehen. Nach der Entfernung der Hallendecke wird das moderne Gebäude, ein Schlüsselwerk des Neuen Bauens in der Schweiz, ebenfalls mit einem grossen Ausstellungsraum sowie einem einmaligen Ambiente locken und um die Aufmerksamkeit der gleichen jungen Kreativszene buhlen.

Unweit steht zudem das bereits erfolgreich umgestaltete Landesmuseum. Seit es über attraktive Räume verfügt, ist das ehemalige Spukschloss ein begehrter Veranstaltungsort geworden. Mit ­seinen mittlerweile 270'000 Eintritten jährlich (2006 waren es noch 194'000) ist das Landesmuseum dem Kunsthaus dicht auf den Fersen. Dieses aber spekuliert bereits auf eine Steigerung von 300'000 auf 400'000 jährlich, nach der Erweiterungseröffnung.

Mehr Besucher wollen alle, auch wenn die sogenannten Blockbuster im schlechten Ruf stehen. Denn am Ende hängen alle an den gleichen öffentlichen oder privaten Subventionstöpfen und müssen ihre Ansprüche mit Breitenwirkung legitimieren.

Elefanten sind wichtiger

Die vom Kulturleitbild der Stadt Zürich herausgegebene Parole ist allerdings eine andere – da geht es um Teilhabe, Diversität, um eine Hebung der Besuchsqualität durch intensive Betreuung und Vermittlung. In der laufenden Kulturbotschaft-Periode (bis 2019) soll es schwerpunktmässig um Film gehen, in der vergangenen war der Tanz das Thema. Bis 2020, dem Jahr der Eröffnung des erweiterten Kunsthauses, scheint eine strategische Neuausrichtung der Kunsthäuser, eine Verbesserung ihrer Zusammenarbeit, kein Thema in Zürich zu sein. Wie der Kulturchef der Stadt, Peter Haerle, auf Anfrage ausführt, sieht die Stadt ihre Koordinationsaufgabe vor allem darin, gemeinsame Aktivitäten der Institutionen anzureissen. «Inhaltlichen Einfluss auf die Kommunikation der Zürcher Kulturinstitutionen untereinander nimmt die Kulturförderung nicht», sagt Haerle.

Das klingt alles nett und harmonisch, aber weltweit zeichnet sich ein brutales Bild ab. Je näher die Welt zusammenrückt, desto prekärer wird die Aufmerksamkeitsökonomie der Massen. Man ist nur noch auf räumlich-ästhetische Überwältigungserlebnisse aus. Man möchte an der Weltklassekunst teilhaben, und zwar immer wieder an der gleichen. Dass dies auf die Dauer zu einer Fokussierung auf einige wenige wirklich grosse und gut ausgerüstete Museen führt, wobei die mittelgrossen auf der Strecke bleiben, sorgt hierzulande noch nicht für schlaflose Nächte.

Denn in Zürich hat es noch alles und sogar ein bisschen mehr: grosse, mittlere, kleine Museen, Kunstzentren, Off-Spaces und Galerien. Warum also gilt Zürich nicht als eine Kunststadt? Die Website von Zürich Tourismus führt unter den 14 guten Gründen, warum man Zürich besuchen sollte, das Kulturangebot an 14. Stelle. Der See, das Geschnetzelte, die Elefanten im Zoo und das «shop till you drop» an der Bahnhofstrasse kommen vorher.

Dabei ist Zürich längst nicht mehr die vulgäre Weltstadt, als die sie in der ­Typologie der Schweizer Städte angesehen wird. Mit etwas strategischem Engagement könnte ihr sogar die Bankenkrise einen Imagewechsel zur Kunststadt bescheren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.09.2017, 17:50 Uhr

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Vorverkauf: www.starticket.ch,

Weitere Infos: www.kunstforum-zuerich.ch.

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