Ziemlich beste Vergessene

Warum immer nur Monet, Manet und Degas zeigen, wenn die französische Malerei des 19. Jahrhunderts noch so viel mehr zu bieten hat? Das Kunsthaus Zürich stellt unsere heutigen Favoriten neben Künstler, die mittlerweile so gut wie unbekannt sind, einst aber Stars waren.

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Die Idee hat schon was: die Malerei Frankreichs zeigen, so, wie sie die Zeitgenossen von Monet, Manet, Renoir und ihresgleichen einst zu sehen bekommen haben. Das heisst: nicht isoliert, als Crème de la Crème ihres Fachs. Sondern inmitten von vielen, nicht unbedingt besseren, aber (zumindest damals) erfolgreicheren Künstlern.

So zu erleben derzeit in der Ausstellung «Gefeiert und verspottet: Französische Malerei 1820–1880» im Kunsthaus Zürich, wo der Bührle-Saal für knapp zwölf Wochen in eine Art Satelliten des legendären Pariser Salons verwandelt wurde (wenn auch mit Shop). An im Blau, Weiss und Rot der Trikolore gestrichenen Wänden findet sich hier alles, was Rang und Namen hat – und, das ist der Clou des Ganzen, auch das, was Rang und Namen h a t t e, bevor sich Publikum und Kunstgeschichtsschreibung schnöde davon abwandten. Cabanel? Vernet? Meissonier? Kennt heute keiner mehr. Dabei gehörten sie mal zu den teuersten Künstlern ihrer Generation.

Aber wie das so ist mit dem Geschmack: Er ändert sich. Die heute heiss geliebten Impressionisten mussten sich einst als Schmierfinken beschimpfen lassen, während die gepützelten Schinken der einstigen Maîtres uns heute ein müdes Lächeln abringen.

Wiedersehen mit alten Copains

Etwas mehr als 100 Werke hat Kuratorin Sandra Gianfreda kombiniert, wovon gut ein Drittel – und zwar das besser bekannte – aus der hauseigenen Sammlung beziehungsweise jener von Emil G. Bührle stammt. Die «guest stars» sind Leihgaben aus hauptsächlich französischen Museen; und natürlich sind es vor allem diese Werke, bei denen man Entdeckungen machen kann. Wobei die Schau auch Wiederbegegnungen mit alten Bekannten bietet, etwa mit Gustave Caillebottes wundervollem «Pont de l’Europe», das, als Flaneur-Szene getarnt, die Strassenprostitution thematisiert. Oder mit Manets «Schwalben», einem entzückenden Beispiel für die Darstellung eines flüchtigen Moments (und wegen «unfertigem» Erscheinungsbild 1874 von der Salonjury abgelehnt). Degas ist gleich mit einer Handvoll Werke vertreten, allerdings mit keiner einzigen Ballerina; dafür wird einem in Erinnerung gerufen, dass das Kunsthaus eines der grandiosesten Degas-Bilder überhaupt besitzt: die «Krankenpflegerin», die mit ihren rasenden Farben die kollabierenden Bildräume Francis Bacons vorwegnimmt.

Aber eben, primär geht es ja um die Vergessenen. Und die erfüllen ihre Aufgaben bravourös: Erstens liefern sie frisches Augenfutter, zweitens macht erst ihre Anwesenheit erkennbar, wie unerhört innovativ etwa ein Manet oder ein Monet wirklich waren. Oder wie klassisch im Grunde ein Renoir. Oder dass die Themen, die wir heute «typisch impressionistisch» nennen – Alltagsszenen zum Beispiel –, durchaus auch traditioneller Malende interessierten.

Vielleicht hätte man sich etwas mehr Mut von den Ausstellungsmachern gewünscht und die Bilder gern so präsentiert bekommen, wie sie tatsächlich einst im Salon hingen: dicht an dicht neben- und übereinander, bis unter die Decke. Oder wäre das zu viel fürs heutige Auge gewesen? Immerhin wurde gleich beim Eingang der Schau François-Joseph Heims Louvre-Gemälde der Preisverleihung am Salon 1824 raumhoch reproduziert; man gewinnt da einen ganz guten Eindruck von den damaligen Zuständen. Und am Schluss darf man dann selbst ­Salon-Jury spielen – und einen Zettel mit seinen Top drei in eine Box werfen. Der aktuelle Stand wird laufend auf der Kunsthaus-Website upgedatet. So muss es wohl sein, wenn man 2017 aufs 19. Jahrhundert zurückblickt.

Bis 28. Januar 2018. Katalog ca. 50 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2017, 18:28 Uhr

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