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Zwischen Beton und Sandstrand

Eine berauschende Ausstellung im Kunsthaus Zürich zeigt jene Werke aus Ernst Ludwig Kirchners «Berliner Jahren», die manche für seine besten halten.

Paulina Szczesniak
Päng! Das Kunsthaus traut sich was – und hängt Kirchners Bilder an knallbunte Wände. Uns gefällts. Ernst Ludwig Kirchner: «Strasse am Stadtpark Schoeneberg»,1912/1913.
Päng! Das Kunsthaus traut sich was – und hängt Kirchners Bilder an knallbunte Wände. Uns gefällts. Ernst Ludwig Kirchner: «Strasse am Stadtpark Schoeneberg»,1912/1913.
Walter Bieri/Keystone
Obwohl es in dieser Ausstellung genau nicht um Kirchners Zeit in der Schweiz geht, endet sie mit einem Bild vom Zürcher Utoquai. Kirchner hatte 1918 an einer Gruppenausstellung in Zürich teilgenommen; 1935 schenkte er der Zürcher Künstlergesellschaft den «Sonntag am Zürichsee» (1925. Öl auf Leinwand, Kunsthaus Zürich).
Obwohl es in dieser Ausstellung genau nicht um Kirchners Zeit in der Schweiz geht, endet sie mit einem Bild vom Zürcher Utoquai. Kirchner hatte 1918 an einer Gruppenausstellung in Zürich teilgenommen; 1935 schenkte er der Zürcher Künstlergesellschaft den «Sonntag am Zürichsee» (1925. Öl auf Leinwand, Kunsthaus Zürich).
Walter Bieri, Keystone
Zurück in Berlin, zog es Kirchner wieder auf die rappelvollen Strassen. Ernst Ludwig Kirchner: «Die Strasse», 1913. Öl auf Leinwand, Museum of Modern Art, New York.
Zurück in Berlin, zog es Kirchner wieder auf die rappelvollen Strassen. Ernst Ludwig Kirchner: «Die Strasse», 1913. Öl auf Leinwand, Museum of Modern Art, New York.
Scala Florence
Wenn er Menschen auf Fehmarn malte, dann meiste blutte: Die Osteseeinsel war ein Hotspot der neu aufgekommenen Freikörperkultur. Den Museumsbesuchern scheints zu gefallen. Ernst Ludwig Kirchner: «Drei Badende», 1913. Öl auf Leinwand, Art Gallery of New South Wales, Sydney.
Wenn er Menschen auf Fehmarn malte, dann meiste blutte: Die Osteseeinsel war ein Hotspot der neu aufgekommenen Freikörperkultur. Den Museumsbesuchern scheints zu gefallen. Ernst Ludwig Kirchner: «Drei Badende», 1913. Öl auf Leinwand, Art Gallery of New South Wales, Sydney.
KEYSTONE/Walter Bieri
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Am 15. Juni 1938 schoss sich Ernst Ludwig Kirchner in Davos ins Herz. 1917 war er in die Schweiz gekommen, alkohol- und tablettensüchtig, vom Krieg angewidert; Nervenzusammenbrüche lähmten ihm die Hände. Die Ruhe in den Bergen und die Sonne sollten es richten. Und es wurde ja auch besser, und zwischenzeitlich sogar gut. Aber dann kamen die ­Nazis, erklärten Kirchner für entartet, verscherbelten und verbrannten seine Bilder, kistenweise. Die Nachricht von der systematischen Vernichtung seines Werks kam in Davos an, dann die Sucht zurück – und schliesslich der 15. Juni.

Nun, exakt 100 Jahre nach seinem ­Zuzug, widmet das Kunsthaus Zürich Kirchner eine grosse Ausstellung. Wobei der Fokus nicht auf den Schweizer Jahren liegt (dafür gibts ja das Kirchner-­Museum in Davos), sondern auf jenen davor. Trotzdem ist es schwer, Kirchners Bilder anzusehen, ohne dass dabei dieses bittersüsse Gefühl der Vorahnung mitschwingt. Selbst bei den buntesten.

Was für Farben! Im Kunsthaus sind sie von Kirchners Gemälden auf die Wände übergeschwappt: blutrot, kanariengelb und violett sind sie – und verpassen den ohnehin schon leuchtenden Werken etwas nahezu Rauschhaftes. Kirchner hätte das wohl gefallen; er liebte es, wenns auf seiner Palette richtig knallte. Wenn er den Pinsel in sattes Grün tauchte, konnte daraus auf der Leinwand eine Eisenbahnbrücke entstehen – oder Gestrüpp an der Ostseeküste; sattes Ocker wurde zum Meer bei Sonnenuntergang – oder zum Brandenburger Tor. Naturidylle und Grossstadtrausch lagen in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ganz dicht beieinander – und genau um diesen Kontrast geht es in der neuen Schau, die damit einen ­Aspekt von Kirchners Werk in den Fokus rückt, der in der Schweiz noch nie beleuchtet wurde.

Brüste auf fleckigem Papier

Im Herbst 1911 siedelte der 31-jährige Künstler von Dresden nach Berlin über, weil er hoffte, dort besser verkaufen zu können. Berlin war gerade daran, Paris als aufregendste Stadt Europas den Rang abzulaufen, aber Kirchner, der ewige Nörgler, fand sie nur «schrecklich ordinär». Andererseits war er geschäftstüchtig und neugierig genug, diese Ordinäre zu seinem Lieblingsmotiv zu machen: die Beizen. Die ersten Autos. Die Nutten, die, wenn sie nicht verhaftet werden wollten, beim Anschaffen nie stehen bleiben durften. Kirchner nannte seine Werke aus jener Phase eine «Malerei der Bewegung»; und wenn er dabei in erster Linie die Dynamik der Grossstadt im Sinn hatte, die sich in nervös hingehackten Pinselstrichen spiegelte, so sind die «Kokotten» doch so was wie die Galionsfiguren der Berliner Jahre. Rückblickend waren es die einsamsten seines Lebens (was auch damit zusammenhing, dass Kirchner seine «Brücke»-Kollegen Pechstein, Nolde und Co. mit seinem autoritären Gebaren vergrault hatte) – einerseits. Andererseits «die vielleicht wertvollsten meines Schaffens».

Und auch die produktivsten. Wo immer Kirchner hinging – und die «qualvolle Unruhe» trieb ihn «Tag und Nacht immer wieder raus, in die langen Strassen voller Menschen und Wagen» –, hatte er ein Skizzenbuch dabei, in das er pausenlos hineinkritzelte. Im Kunsthaus liegen ein paar dieser Hefte in Vitrinen aus; ergiebiger aber sind die kleinen Bildschirme, die sich für uns quasi durch die Seiten blättern: Im Sekundentakt sieht man Frauenbrüste, einen schönen Baum, ein paar Männer im Gespräch; ein Ideenspeicher in fahrigem Bleistiftstrich auf fleckigem Papier. Und weil Kirchner seine Zeichnungen wichtig waren, die Kunstkritiker sich aber nicht dafür interessierten, legte er sich kurzerhand ein Pseudonym zu und schrieb als Louis de Marsalle selbst darüber: «Kirchner zeichnet, wie andere schreiben . . . wie bei sensiblen Menschen die Schrift an sich schon ihren Seelenzustand andeutet. Seine Zeichnungen sind vielleicht das Reinste, Schönste seiner Arbeit. Sie sind ein Spiegel der Empfindungen eines Menschen unserer Zeit.»

Überheblich? Vielleicht. Man muss aber zugeben, dass da was dran ist, wenn man im Bührlesaal beim Sektor mit den Papierarbeiten ankommt, wo die schummrige Spotbeleuchtung einen zwingt, ganz nah an die Werke heranzutreten, als schaue man Kirchner über die Schulter. Das ganze urbane Treiben, schwarz auf sattgelbem Papier, Schattengestalten im Licht der ersten elektrischen Strassenlaternen: Das ist schon sehr zeitgeistig. Und ziemlich toll.

Ausserirdischer in Uniform

Im Sommer, wenn es in der Stadt schwül wurde, kehrte Kirchner Berlin jeweils den Rücken und verbrachte lange Wochen, teils Monate auf der Ostseeinsel Fehmarn. Dieser faustkeilförmige Flecken Erde am östlichsten Zipfel Schleswig-Holsteins war, wenn auch in wenigen Stunden mit Zug und Fähre zu erreichen, für Kirchner so etwas wie für Gauguin einst sein Tahiti: ein paradiesisches Eiland fernab der Zivilisation, wo man sich frei und als Teil der Natur fühlen konnte. Gauguin hatte barbusige Schönheiten und exotische Rituale festgehalten, bei Kirchner waren es die neu aufgekommene FKK-Kultur und die wild wuchernde Ufervegetation. Er konnte nicht genug davon bekommen. Und als im August 1914 der grosse Krieg ausbrach und er Hals über Kopf nach Berlin zurückkehren musste, nähte ihm seine Liebste Fehmarn-inspirierte Bezüge für die Polstermöbel in seinem Atelier.

Dem Eins-zu-eins-Nachbau der so gestalteten Sitzecke wurde im Kunsthaus, sinnigerweise, der gemalte Blick aus dem Atelierfenster gegenübergestellt, sodass man sich für einen kurzen Moment in Kirchners Universum wähnen kann: draussen Lärm, Eisenbahnbrücke und Mietskasernen, drinnen das mit Blättermotiven und spreizbeinigen Weiblein bestickte Mobiliar; «man fühlte sich», erinnerte sich ein Zeitgenosse, «wie auf einem anderen Stern».

Wie ein Ausserirdischer

Und Kirchner sieht tatsächlich wie ein Ausserirdischer aus auf jenem Foto, das ihn in Uniform zeigt, nachdem er sich freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet hatte. Messingknöpfe bis unters Kinn, polierte Stiefel, Bajonett; hinter ihm die fantastische Kulisse seines Ateliers. Natürlich dauerte es nicht lange, bis ihm der Drill zu viel wurde und er sich in Briefen nach Fehmarn verzehrte.

Sosehr er es sich auch wünschte, er kehrte nie dorthin zurück. Stattdessen kam er in die Schweiz – und blieb, bis zum unglücklichen Ende. Dass man hier nun seine «Berliner Jahre» zeigt, die ebenso Fehmarner Jahre waren, ist indes ein Glück. Hin- und her springt die Präsentation zwischen Grossstadt und Ostseeküste, in insgesamt 160 Werken – um dann überraschend am Zürcher Utoquai zu enden: auf dem Gemälde, das Kirchner 1935 der hiesigen Künstlergesellschaft schenkte, blickt ein Paar auf den See hinaus. Der Mann – ist es Kirchner? – deutet mit der Hand nach oben: ins Blau des Himmels.

Bis 7. Mai. Führungen Mi/Do 18 Uhr, Fr 15 Uhr, So 11 Uhr. Katalog: «Grossstadtrausch/Naturidyll. Kirchner: Die Berliner Jahre». Hirmer Verlag, 272 S., ca. 60 Franken.www.kunsthaus.ch

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