Kunststreit am Lago Maggiore

Das Museum Epper in Ascona soll dem benachbarten Luxushotel einverleibt werden. Dagegen regt sich Widerstand, angeführt vom Kunstsammler Mario Matasci.

Das Objekt der Begierde: Das Museum Epper in Ascona. Foto: Romano Camesi

Das Objekt der Begierde: Das Museum Epper in Ascona. Foto: Romano Camesi

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Mit dem Weinhandel hat sich Mario Matasci einen Namen gemacht, seine Passion für Kunst trug ihm die Achtung seiner Landsleute ein. Sein Prestige setzt der 88-Jährige dieser Tage für die Rettung des Museums Epper in Ascona ein. Mit Gleichgesinnten – darunter der frühere links-grüne Asconeser Baudirektor Michele Cerciello, der Maler Edgardo Cattori, Renato Martinoni, einst Professor für italienische Literatur an der Hochschule St. Gallen, und weitere Tessiner Intellektuelle – hat er innert Monatsfrist mehr als 1500 Unterschriften gesammelt.

Die Stimmen des Protests hat er jetzt der Ostschweizer Aufsicht über die klassischen Stiftungen unterbreitet. Für Matasci ist es nur einer von mehreren Schritten, um zu verhindern, dass das Vermächtnis des Künstlerehepaars Mischa und Ignaz Epper «an den Meistbietenden veräussert wird», wie er es ausdrückt.

Mittlerweile schalteten sich auch zwei Grossneffen von Mischa Epper ein: Serge Lunin, Dozent für Design und Kunstvermittlung an der Zürcher Schule der Künste, und Patrick Straumann, Publizist und Filmkritiker in Paris. Sollte das Haus, in dem Ignaz und Mischa Epper gelebt und gearbeitet haben, vom künstlerischen Werk des Ehepaars getrennt werden, stünde dies «in flagrantem Widerspruch zur Stiftungsurkunde» und damit zum Stiftungswillen ihrer Grosstante, beschieden sie der regionalen Aufsichtsbehörde. Der junge FDP-Politiker Fabio Käppeli plant eine Anfrage im Tessiner Kantonsparlament.

Selbstverbrennung im Garten

Eine Liebesgeschichte, die in Zürich begann, zieht damit stets neue Kreise und wird in der Südschweiz zusehends zum Politikum.

Der Holzschneider und Maler Ignaz Epper, 1892 geboren, zählt zu den Hauptvertretern des schweizerischen Expressionismus. Mit seiner Gattin Mischa Epper-Quarles van Ufford, einer holländischen Adligen, die vor allem als Bildhauerin tätig war, lebte er vorerst an wechselnden Adressen in Zürich. 1932 übersiedelten die zwei nach Ascona. Dank eines Zustupfs von Mischas Vater, der Hafenmeister in Indonesien gewesen war, konnten sie dort 1938 ihr eigenes Haus beziehen.

Das Grundstück nah am Lago Maggiore habe Ignaz hauptsächlich deshalb ausgesucht, weil es von Anfang an von einer Mauer umgeben gewesen sei, erzählt der Zürcher Reallehrer René Harsch, der dem Künstlerehepaar ein Leben lang verbunden war. Hinter der Mauer schufen sich die Eppers ihr Reich, zwei Ateliers und etwas Wohnraum, gesäumt von einem mediterranen Garten, einem Paradies für Vögel, Eidechsen und Schildkröten.

Eine innere Zerrissenheit hat diesen Künstler zeitlebens charakterisiert.

Doch der äussere Schein trog. Ignaz Epper war in St. Gallen in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Im Holzschnitt «Monolog des Vaters» von 1917 hat er den Albtraum seiner Jugend plastisch dargestellt: die vergrämte Mutter hinter der Stubentür verdrückt, die Söhne ohnmächtig den Tiraden des alkoholisierten Vaters ausgeliefert.

Zwar hatte Epper gleich nach der Lehre als Stickereizeichner ein eidgenössisches Kunststipendium erhalten. Das hatte ihm landauf, landab Türen geöffnet, seinen Blick geweitet, ihn zu Mischa, seiner grossen Liebe, geführt. Eine innere Zerrissenheit hat diesen Künstler aber zeitlebens charakterisiert. Im Januar 1969 zündete er sich im eigenen Garten an, während seine Frau auf die Post gegangen war. «Es war ein Schock für Mischa und uns alle», erinnert sich Serge Lunin, der Grossneffe, der in Zürich wohnt.

Doch allmählich fing sich seine Grosstante auf. Dem Wohnhaus in Ascona fügte sie ein kleines Museum an und verfasste, von Freunden und Juristen beraten, eine Stiftungsurkunde mit dem Ziel, das künstlerische Werk ihres Gatten wie auch das ihrige «im Haus Epper an der Via Albarelle 14 zu bewahren, zu pflegen und öffentlich zugänglich zu machen, ohne daraus Nutzen zu schlagen».

1978 starb Mischa an Krebs, im ummauerten Garten liess sie sich an der Seite ihres Mannes bestatten. Seit 1980 fungiert das Museo Epper, wie das Anwesen fortan abgekürzt hiess, als kulturelle Begegnungsstätte, als Ort der Auseinandersetzung auch mit der künstlerischen Arbeit von Leuten, die nach den Eppers kamen.

Ein Konflikt, nicht untypisch fürs Tessin

Das Vermächtnis der Eppers droht nun in einem Widerstreit der Interessen aufgerieben zu werden, der für das Tessin nicht untypisch ist. Ihr Anwesen an der Via Albarelle 14 gleicht heute einer Festung, die auf schon fast verlorenem Posten steht. Von drei Seiten her ist die Villetta bereits vom Hotelkomplex des Eden Roc umstellt.

Das Tor an der vierten Seite führt ins Museum. Dieses Tor will uns Diana Mirolo freilich partout nicht öffnen. Zum einen bereite sie eine Ausstellung für den Spätsommer vor, zum andern habe der zuständige Stiftungsrat beschlossen, sich gegenüber den Medien nicht zu äussern, bis die Sache «abgeschlossen» sei, mailt uns die Kuratorin.

Stiftungsratspräsident Maurizio Checchi scheint da weniger Skrupel zu haben. Ein Team des Tessiner Fernsehens führt er durch Haus und Garten an der Via Albarelle 14 und gibt sich auch sonst gesprächig. Glaubt man ihm, so ist die Stiftung Epper quasi bankrott. Noch 20'000 Franken lägen in der Kasse, klagt er. Wie sollte man damit das Dach reparieren, die Heizung ersetzen, feuerpolizeilichen Ansprüchen genügen? In dieser prekären Lage hält es Checchi für einen «Glücksfall», dass die Tschuggen Hotel Group, Besitzerin des 5-Stern-Etablissements Eden Roc, auf einen alten Wunsch zurückkommt und die frühere Liegenschaft der Eppers erwerben will.

Alte Begehrlichkeiten

Bereits 1997 hatte Karl-Heinz Kipp, der Gründer der Hotelgruppe, einen solchen Deal angestrebt, angeblich wollte er damals zwischen seinen Häusern schlicht mehr Parkplätze schaffen. Parkplätze oder ein Swimmingpool für Hotelgäste am Ort einer Selbstverbrennung? Zu jener Zeit war es René Harsch, der als Epper-Stiftungsrat seine Tessiner Kollegen in diesem Gremium davon überzeugte, dass «so etwas nicht anging». Mittlerweile ist der deutsche Selfmademilliardär Kipp verstorben, seine Tochter Ursula Bechtolsheimer-Kipp und deren Kinder, alle mit Schweizer Pass, sind am Verhandeln.

Für das Stückchen Land an der Riviera von Ascona sollen sie zwischen drei und vier Millionen Franken geboten haben, das Objekt ihrer Begierde wollen sie laut neusten Gerüchten in eine Event-Location verwandeln. Ihr Statement in bestem PR-Deutsch strotzt vor Zuversicht: «Wir freuen uns sehr, im April 2020 das wunderbare Epper-Haus in das Hotel Eden Roc integrieren zu dürfen. Unser Ziel ist es, die magische Atmosphäre dieses kleinen Künstlerhauses mit seinem Garten zu erhalten und mit unseren Gästen zu teilen.»

Matasci lässt nicht locker

Auch Checchi verströmt Frohsinn – und zwar noch aus einem anderen Grund. Der Bankier und Vizebürgermeister von Ascona ist nämlich nicht nur Präsident der Stiftung Epper, sondern auch Stiftungsratsmitglied der Stiftung Rolf Gérard, die ihrerseits von Diana Mirolo präsidiert wird und ebenfalls in Geldnöten ist. Dem rührigen CVP-Politiker schwebt vor, die Sammlung Epper an den Sitz der Gérard-Stiftung im alten Kern von Ascona zu zügeln. Mit dem Millionengewinn, der aus dem Handel mit den Kipp-Erben resultieren würde, liesse sich der Nachlass Gérards quersubventionieren. Damit, so Checchis Tenor am Fernsehen, schlüge man «zwei Fliegen mit einer Klappe».

Weinhändler und Kunstkenner Mario Matasci. Foto: Keystone/Ti-Press

Auch dieses Ansinnen ist nicht neu, es kam 2002, noch zu Lebzeiten Gérards, zum ersten Mal auf. Damals sass Matasci selbst im Stiftungsrat Epper und drohte mit dem Rücktritt, sollte man Mittel und Ausstellungsstrategie für die beiden Nachlässe zusammenführen.

Dass diese Idee jetzt wieder lanciert wird, bringt den klarsichtigen alten Mann vollends in Rage. «Rolf Gérard als Bühnenbilder in Ehren, doch als Maler spielt dieser nicht in der gleichen Liga wie Ignaz Epper», gibt der Kunstsammler zu bedenken. Stattdessen sollte das Museum Epper unter eine neue Leitung gestellt und zu einem Zentrum für expressive Kunst in der Schweiz der Zwischenkriegszeit ausgebaut werden, sagt Matasci. Er wäre bereit, seinen finanziellen Beitrag dazu zu leisten, lässt er durchblicken.

Der Luzerner Architekt Peter Hunold hat einen Appell dieser Tonart mitunterschrieben. Als Präsident der Erica-Ebinger-Leutwyler-Stiftung betreut er 5000 Arbeiten von Johannes Robert Schürch, der ebenfalls im Tessin lebte und zusammen mit Fritz Pauli und Ignaz Epper das Dreigestirn der «schwarzen Expressionisten» bildete. Sollten Matasci und seine Mitstreiter die eppersche Festung am Lago Maggiore halten können, würde er seiner Stiftung sofort beantragen, einige Werke von Schürch als Dauerleihgabe dorthin zu transferieren, versichert Hunold auf Anfrage. Die Sache ist also allen Anzeichen zum Trotz noch nicht gelaufen.

Erstellt: 10.07.2019, 13:49 Uhr

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