Liebesbeweise und Unglücksringe

Was ist Schmuck? Nicht zuletzt ein Statussymbol: ­Seine vielfältigen Facetten zeigt eine ­Ausstellung im Landesmuseum.

Halskette von Meret Oppenheim, 1934 entworfen. Foto: Pro Litteris, Zürich

Halskette von Meret Oppenheim, 1934 entworfen. Foto: Pro Litteris, Zürich

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Das hatte sich der damals bereits 70-jährige Goethe anders vorgestellt: Als er seiner jungen Angebeteten «Minchen» Herzlieb 1820 einen wertvollen Fingerring aus Rotgold schenkte, gab die 18-Jährige diesen schleunigst an ihre beste Freundin weiter und heiratete bald einen anderen. Der Unglücksring mit den drei Steinen in verschiedenen Farben und den eingravierten Symbolen für Glaube, Liebe, Hoffnung ist eines von vielen Highlights der Ausstellung im Landesmuseum; hinter dem spröden ­Titel «Schmuck. Material Handwerk Kunst» steckt ein interessanter Parcours durch die Schmuckgeschichte.

Die aufgereihten weissen Schneckenhäuschen etwa, die vorn im ersten Bereich der dreiteiligen Schau zu sehen sind, hat sich vor 3000 Jahren eine Frau im Walliser Ort Conthey um den Hals gelegt. In ihrer Schlichtheit wirkt die Kette aus der Bronzezeit auch heute noch erstaunlich modern und tragbar. Trag­barer als die Kette aus Hasenzähnen von Natalie Luder auf jeden Fall – die Schweizer Gestalterin bestreitet zusammen mit anderen Zeitgenossen das letzte, aktuellste Kapitel der Ausstellung. 2500 Stockzähne von 125 Hasen hat sie zu einem riesigen Halsschmuck verarbeitet. Doch Tragbarkeit ist hier wohl nicht das treffende Kriterium, das Werk nennt sich «Das Jagdessen» und will uns an die üppigen, rustikalen Tafelrunden des ­Barock erinnern, als Hasen noch in toto auf den Tisch kamen.

Fingerring aus Gold, Emaille, Diamant, 17. Jahrhundert. Foto: Donat Stuppan

Heutige Schmuckgestalter fühlen sich keinem Formen- und Materialkanon mehr verpflichtet, sie haben ein anderes künstlerisches Selbstverständnis ent­wickelt, als es etwa noch im Art nouveau vorherrschte. Etliche hochkarätige ­Stücke aus jener Zeit demonstrieren eine hohe Kunstfertigkeit, sind aber in einem Regelwerk gefangen.

Bereits in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts war der Ausdruck freier, lebensleichter gewissermassen. Max Bill, der gelernter Silberschmied war, hat damals auch filigranen Schmuck gestaltet. Mit Vorliebe verwendete er Halbedelsteine oder auch Kieselsteine, die er in organisch geformte Fassungen legte.

Wunderbar, wie selbstverständlich das wirkt!, denkt man beim Rundgang. Den weissen Onyx in der Gelbgold­fassung, der einem Skarabäus ähnelt, würde man sich noch so gern an den ­Finger stecken.

Schmuck hingegen, der Kunst sein will, wirkt schnell einmal angestrengt. Und so ist einiges in der Schau bedeutungsschwer und verkopft. Manchmal schlägt die Originalität einen Salto – wenn aufgeschnittene PET-Flaschen ­Fingerring spielen –, oder aber die Idee war besser als das konkrete Ergebnis. «Potential Diamond», den Schmuckkünstler Hans Stofer als Ring kreiert hat, ist ein grosser Brocken schwarze Kohle. Der sitzt einem dann auf dem Hand­rücken. Nun ja.

Armreif von Antoinette Riklin-Schelbert, Eisen und Silber, 1988. Foto: Donat Stuppan

Interessant ist der mittlere Teil der Präsentation. Hier geht es um die Symbolik von Schmuck, um Trauer, Glaube, Liebe, Sitten und Bräuche. Der üppige Trachtenschmuck der Appenzellerin oder Bernerin steht dem Schmuck der Städterin in nichts nach, das ist exquisites Kunsthandwerk. Direkt neben der ­Vitrine mit den bäuerlichen Preziosen präsentiert sich ein Punk mit ganz anderen Insignien. Und gegenüber lässt ein betont bürgerlicher Zeitgenosse Siegelring und Manschettenknöpfe aufblitzen. Des Zünfters Siegelring ist des Punkers Schliessnadel – beide markieren einen bestimmten Status und die Zugehörigkeit zu ihrer Gruppe, wenn auch mit ganz unterschiedlicher Ästhetik.

Das Landesmuseum hat für die Ausstellung kräftig in die eigene Schatzkiste – seine Sammlung – greifen können. Leihgaben steuerten unter anderen das ­Musée d’Art et d’Histoire in Genf und das MAK in Wien bei. Auch die Zürcher Architektin Tilla Theus hat Exponate aus ihrer Kollektion zeitgenössischer Schmuckstücke ausgeliehen. Einen ­Ledergürtel mit grossen, silbernen Händen als Verschluss etwa oder das Collier «Frozen» aus Hunderten von Süsswasserperlen. Von weitem betrachtet, wirkt es wie ein geheimnisvoller Berg von ­silbernen Seeigeln.

Bis 22. Oktober (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2017, 19:58 Uhr

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