Lukas Bärfuss, Autor im Angriffsmodus

Er sei mit der Perspektive eines «Losers» aufgewachsen, nun gewinnt der Schweizer Autor den wichtigsten deutschen Buchpreis. Über sein Werk – und eine ungewöhnliche Karriere.

Ein Glück ist der Preis für den Autor, aber auch für die Schweiz. Foto: Patric Spahni

Ein Glück ist der Preis für den Autor, aber auch für die Schweiz. Foto: Patric Spahni

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Der Büchner-Preis für einen Schweizer Autor – das hat es lange nicht gegeben. Ein Vierteljahrhundert genau. 1994 ging die bedeutendste literarische Auszeichnung der deutschsprachigen Welt an Adolf Muschg, und davor haben sie nur Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt erhalten. Valable Kandidaten hatte und hat die Schweiz – Markus Werner, Thomas Hürlimann und Peter Stamm gingen (bisher) leer aus.

Der Büchner-Preis krönt kein Buch, sondern einen Autor, er würdigt ein Lebenswerk. Lukas Bärfuss ist 47, für den «Büchner» also noch relativ jung; was er seit seinem ersten Theaterstück, «Sophokles Ödipus» 1998, in nur 21 Jahren an Dramen, Romanen und Essays produziert hat, darf man aber durchaus ein Werk nennen, und ein Ende ist, zum Glück, nicht abzusehen.

Ein Glück ist der Preis für den Autor, der damit in die Frisch-Dürrenmatt-Muschg-Riege aufgestiegen ist. Ein Glück ist aber auch dieser Autor für die Schweiz. Nicht als ihr Lobsänger natürlich. Einen solchen braucht die Schweiz nicht, sondern als kritischer Begleiter, kritisch gern auch bis zur krassen Übertreibung – und die liefert Bärfuss zuverlässig und sorgt damit regelmässig für Auf- und Erregung, von seinem Roman «Hundert Tage» über die Verstrickungen der Schweizer Entwicklungspolitik in den Genozid in Ruanda bis zum Rundumschlag «Die Schweiz ist des Wahnsinns» in der FAZ.


Was man über Lukas Bärfuss wissen muss
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In gewissen Kreisen gilt er deshalb als «Nestbeschmutzer» – der Artikel war ja im Ausland erschienen! Weniger ideologisch deformierte Beobachter sehen in ihm eher einen Max Frisch unserer Tage. Wie dieser brilliert Bärfuss zwischen Buchdeckeln und auf der Bühne; als Dramatiker ist er gar einer der erfolgreichsten in deutscher Sprache. Aus dem vielleicht bekanntesten Stück, den «Sexuellen Neurosen unserer Eltern», ist mit «Dora» ein grossartiger Film geworden. Basel und Zürich waren Uraufführungsbühnen, Bärfuss war vier Jahre Dramaturg am Zürcher Schauspielhaus und leitet hier die «Zürcher Gespräche».

Wie Max Frisch reibt sich Bärfuss an seinem Heimatland, am Bürgertum, seiner Selbstgefälligkeit und seinen Lebenslügen; wie dieser lässt er sich auf tagespolitische Debatten ein, weitet Sachfragen wiederum zu Fragen der Moral aus. Aber wie Max Frisch – und damit nun Schluss mit den Parallelen – sieht Bärfuss im Politischen auch immer das Private, biegt er jede Aussage auf den eigenen Fall zurück, die eigenen Erfahrungen.

Wie Max Frisch reibt sich Lukas Bärfuss an seinem Heimatland, am Bürgertum, seiner Selbstgefälligkeit und seinen Lebenslügen. Foto: Keystone

Die Erfahrungen: Lukas Bärfuss ist kein Arztsöhnchen. Er ist in eher chaotischen Familienverhältnissen aufgewachsen, in der verhassten Provinzstadt Thun, mit der Lebensperspektive eines «Losers»: «Wir waren halbe Preise, unsere Eltern waren Säufer oder minderbemittelt, manchmal beides zusammen. Wir waren jung, wir hatten Pickel, und wir schämten uns für alles, was wir waren und was aus uns werden sollte. Was wir erreichen konnten, war eine lausige Arbeit zu einem lausigen Lohn in einer miefigen Kleinstadt. Wozu hätten wir uns anstrengen sollen? Es würde kein Entkommen geben.» So hat er sich in einem Essay an seine Jugend erinnert.

Für Bärfuss gab es ein Entkommen. Er arbeitete nach allerlei «lausigen» Jobs in einer Buchhandlung, entdeckte das Lesen, stürzte sich geradezu hinein. Las, las, las. Und begriff: Robert Walser oder Heinrich von Kleist, das ist kein Bildungstreibgut, das lebt! Und es hat mit meinem Leben zu tun, mit mir persönlich. Literatur muss erlebt, muss gelebt werden: und solche musste er dann auch selbst schreiben. Er tat es in der Erfahrung, wie wirksam Literatur sein kann. Und in der Hoffnung, dass Literatur nicht nur den Menschen verändern kann, sondern die Welt, oder wie man in den 1970er-Jahren sagte: die Verhältnisse.

Wir waren jung, wir hatten Pickel, und wir schämten uns für alles, was wir waren und was aus uns werden sollte.Lukas Bärfuss

Ja, ein bisschen wie aus jener Zeit, als man mit dem theoretischen Besteck, stamme es von Marx oder Marcuse, meinte, den Schlüssel zur Welterkenntnis und damit auch zur Weltverbesserung gefunden zu haben, wirkt manches in Bärfuss’ Argumentation. Für ältere Leser ein eigentümliches Déjà-vu. Aber es wirkt bei ihm eben nicht verstaubt oder ewiggestrig, sondern wie mit frisch aufgeladenem Akku geschrieben. Mit Temperament und mit Verve. Immer im Angriffsmodus. Mit einem Pathos, das befremden kann (kein anderer Autor geht so frei mit dem Begriff «Wahrheit» um). Das aber nach einer überlangen Zeitgeistphase der Ironie, des Anything goes, der Postmoderne befreiend wirkt.

Natürlich arbeitet Bärfuss auch mit Verallgemeinerungen, Überzeichnungen und Kurzschlüssen. Der Einwand, es sei doch alles viel komplizierter, ist für ihn Teil der herrschenden Ideologie: Gier und Macht seien nicht kompliziert. Die Wirklichkeit ist halt ein grober Klotz, auf den eben auch grobe Keile gesetzt werden müssen. Und die setzt er vor allem in seinen Essays – die beiden Bände, in denen sie gesammelt sind, tragen die etwas grossspurigen Titel «Stil und Moral» und «Liebe und Krieg» –, aber auch gelegentlich in seinen literarischen Werken. Im letzten Roman «Hagard» tauchen regelrechte Leitartikelpassagen auf, die die Verworfenheit des Kapitalismus durchbuchstabieren und «die Welt, wie wir sie kannten» dem Untergang weihen.

Bärfuss schreibt so etwas nicht aus der Lust am Untergang, sondern weil er muss. Er tut es mit dem Selbstbewusstsein des Selfmademan, dem nichts geschenkt wurde – und dem Sendungsdrang des Überzeugungstäters. Das rilkesche «Du musst Dein Leben ändern» reicht nicht, wir alle müssen unser Leben ändern. Aufhören mit der Ausweitung des Kapitalismus auf alle Lebensbereiche, mit der Ausbeutung der Dritten Welt, mit dem manischen Konsum, der Überproduktion von Waren und Müll. Die jungen Klimademonstranten, die «Fridays for future»-Schulstreiker haben Bärfuss als Inspirator wohl nur deshalb noch nicht entdeckt, weil sie ihn nicht gelesen haben.

2014 erhält Lukas Bärfuss den Schweizer Buchpreis für seinen Roman «Koala». Foto: Keystone

Die Kritik am Produktionsprinzip trifft aber auch ihn selbst, den unentwegt produzierenden Autor. Sie bildet das Zentrum des Romans «Koala», für den er 2014 den Schweizer Buchpreis erhalten hat. Er nahm ihn damals mit gesenktem Kopf entgegen, als sei er zu diesem Preis verurteilt worden – denselben Preis, den er drei Jahre später für «tot» erklärte, weil die Jury, wie er belegfrei behauptete, unter der Fuchtel der Geldgeber stehe.

Er soll uns weiter befremden, provozieren und beeindrucken

«Koala» beginnt mit einer intensiven, dichten, tief berührenden Meditation über den Suizid seines Bruders, der eben diesen Pfadinamen trug. Der «Mahlgang der Gedanken» über eine Tat, die er nicht begreifen kann, führt über eine Phase der Wut als Kehrseite des Schuldgefühls zu einer kritischen Selbstbefragung. Der Bruder war ehrgeizlos und hatte «nichts Gerades zustande gebracht». Er, Lukas Bärfuss, rackerte sich dagegen ab, um seine Familie zu ernähren, um den Anforderungen des Lebens zu genügen. Er ist also ein nützliches Mitglied der Gesellschaft, aber auch mit seinem Produktionstrieb ein Exponent jener Kräfte, die im globalen Massstab unseren Lebensraum zerstören.

Die jungen Klimademonstranten, die «Fridays for future»-Schulstreiker haben Bärfuss als Inspirator wohl nur deshalb noch nicht entdeckt, weil sie ihn nicht gelesen haben.

Ist es, dreht Bärfuss die Denkschraube weiter, vielleicht die Angst vor dem Nichts, die ihn antreibt – und dem der Selbstmörder mit offenen Augen entgegengeht? Und wie ein Rasender prügelt Bärfuss dann auf seine Schreibexistenz ein: «Was ich schuf, war Abfall, ein grosser Haufen Vergeblichkeit, eine reine Beschäftigung um der Beschäftigung willen.» Das ist kein Keil mehr, sondern eine Keule, die er gegen sich selbst schwingt.

Es liegt ein destruktiver, ein potenziell selbstzerstörerischer Impuls in Bärfuss’ aggressiver Grundhaltung, wenn er das eigene Tun so grundsätzlich infrage stellt wie die Gesellschaft, in der er lebt. Den Leser des Titelessays im Band «Stil und Moral» kann das nicht überraschen. Dort vergleicht er sein Schreiben, die Literatur, ja jede geistige Tätigkeit in einer grossen Metapher mit einer wohlgenährten Dame in einem Flüchtlingslager, in dem die Cholera ausgebrochen ist, nicht helfend, sondern Rilke lesend. Die selbst bezichtigende Metapher ist trügerisch, sie ist falsch; Bärfuss ist kein Arzt, sondern Autor. Und der soll uns weiter mit seinen Romanen, Theaterstücken und Essays beglücken und befremden, provozieren und beeindrucken.

Lukas Bärfuss live in Zürich: Lesung und Gespräch mit Terézia Mora, Mittwoch, 10. Juli 2019, 20.30 Uhr, Alter Botanischer Garten Zürich. Tickets

Erstellt: 09.07.2019, 15:33 Uhr

Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wird in seiner heutigen Form seit 1951 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Er ist mit 50.000 Euro dotiert. Erster Preisträger war Gottfried Benn, weiter erhielten ihn die bedeutendsten Autoren der Nachkriegszeit, Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann, Peter Handke, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Martin Walser, aus der Schweiz Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und Adolf Muschg. (ebl)

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