Macht mich mein Selfie schöner?

Schöne Körper, schöne Gedanken: Täglich beantworten Philosophen in unserer Sommerserie Fragen zum Thema Schönheit.

Selfie-Schönheiten: Sängerin Kelela macht ein Foto von sich und einem Fan. (16. Juli 2016)

Selfie-Schönheiten: Sängerin Kelela macht ein Foto von sich und einem Fan. (16. Juli 2016) Bild: Jose Sena Goulao/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Zeitalter von Smartphones und sozialen Netzwerken ist das Selfie ein bekanntes Phänomen. Selfies können informativ sein: Das Selfie der Facebook-Freundin mag uns zeigen, dass sie gerade den Eiffelturm erklommen hat. Sind Selfies auch Ausdruck der eigenen Schönheit? Macht mich mein Selfie schöner?

Um diese Frage zu beantworten, bietet es sich an, zuerst zu betrachten, was das eigene Selfie mit der eigenen Person zu tun hat. Aber: Was ist eigentlich die eigene Person? Wer oder was bin ich? Die Frage nach dem Ich – der eigenen Person – hängt mit der Existenz über die Zeit hinweg zusammen: Bist du noch die gleiche Person wie gestern? Auf eine Art wohl nicht, denn du bist heute nicht komplett identisch mit der Person von gestern. Von Kleidung bis hin zu Zellen deines Körpers hat sich bereits in einer Zeitspanne von 24 Stunden etwas verändert. Dennoch sprechen wir in beiden Fällen von «dir» und scheinen also doch die Intuition zu haben, dass es eine Identität gibt, welche die Zeit überdauert (im philosophischen Diskurs nennt man sie «personale Identität»).

Zur Frage, wie denn eine Person ihre Identität über die Zeit hinweg behält, gibt es verschiedene philosophische Theorien. Beispielsweise könnte man die fortdauernde Identität mit der sogenannten physikalischen Kontinuität begründen. Bei der physikalischen Kontinuität kann man von einem «raumzeitlichen Weg» sprechen, der einer Person zugeordnet werden kann. Das heisst, dass eine Person während ihrer Lebenszeit (also «in der Zeit») existiert, und nicht, dass sie nur für kurze Zeit existiert, dann wieder nicht existiert, dann wieder existiert etc…

Alltäglich: Model-Selfies. (3. Juli 2016. Bild: Keystone / Zacharie Scheuer)

Analog verhält es sich mit der Lokalisation im Raum. Personen bewegen sich zwar durch den Raum, folgen dabei aber immer einem Weg, anstatt wahllos irgendwo aufzutauchen, wieder zu verschwinden und irgendwo anders wieder aufzutauchen. Da der raumzeitliche Weg gerade nicht wahllos und chaotisch ist, kann man von einer physikalischen Kontinuität sprechen, und diese ist in normalen Situationen leicht einer Person zuzuordnen. Da sich dein raumzeitlicher Weg von demjenigen deiner Nachbarin oder deines Nachbarn unterscheidet, seid ihr verschiedene Personen.

Eine konkurrierende philosophische Theorie zur personalen Identität betont jedoch eine andere Komponente, die für die fortdauernde Identität zentral ist: das Narrativ einer Person. In seinem Aufsatz «The Self as Narrator» (Self to Self, Cambridge University Press, 2006) zitiert David Velleman den Philosophen Daniel Dennett, der das Narrativ als eine Art Geschichte beschreibt, die als Kontext für Handlungen und Einstellungen von Personen dient. Ein Beispiel: Vera isst ein Vegiwürstchen, weil sie Vegetarierin ist. Diese Selbstinterpretation ist für Vertreterinnen und Vertreter dieser Theorie ein wichtiger Bestandteil von unserem Verständnis einer Person. Die Narrativbildung ist dabei jedoch kein bewusster Prozess wie das Schreiben eines Romans, sondern eine Art Selbstinterpretation, die wahrscheinlich bewusste wie auch unbewusste Teile enthält.

Mit dem Narrativ scheint ein Aspekt der Identität besonders hervorgehoben zu werden. Der Fokus wandert von «Wieso überdauert meine Identität?» zu «Was ist meine Identität?». Ein Selfie kann mit dem Narrativ und somit mit der Identität der Person zusammenhängen, insofern das Selfie eine selbstinterpretatorische Aussage macht. So kann beispielsweise das Selfie im Fitnesscenter Ausdruck der eigenen Sportlichkeit sein. Ob ein spezifisches Selfie Ausdruck der eigenen Identität ist – oder nicht – ist keine einfache Frage. Klar ist, dass die Antwort der Frage mit der Aussage des Selfies zusammenhängt. Das heisst: Ist es überhaupt richtig, dass das Selfie im Fitnesscenter «Ich bin ein sportlicher Mensch» aussagt? Oder sagt es lediglich «Ich befinde mich zum jetzigen Zeitpunkt im Fitnesscenter».

Ist Letzteres der Fall, stellt sich die Frage, ob diese Aussage überhaupt relevant für die eigene Identität ist. Intuitiv erscheint nicht jede räumliche Angabe zu einer Person relevant für ihr Narrativ zu sein. Was den Besuch im Fitnesscenter relevant macht, ist sein Platz im Narrativ der Person: je zentraler, desto relevanter.

Bunte Selfies: Am Ukraine-Festival of Colors (25. Juni 2016. Bild: Keystone / Roman Pilipey)

Was für die Frage «Macht mich mein Selfie schöner?» jedoch spannend ist, ist die Frage, ob das Selfie selbst einen Einfluss auf das Narrativ und somit auf die Identität der Person haben kann. Eine Studie von Forscherinnen und Forschern an der University of Toronto hatte zum Ergebnis, dass Personen, die regelmässig Selfies von sich erstellen, ihre Schönheit (Attraktivität) in ihren Selfies höher bewerteten als Personen, die nicht regelmässig Selfies erstellen. Ausserdem bewerteten andere die jeweiligen Personen in ihren Selfies als weniger attraktiv als in (normalen) Fotos, die dieselben Personen zeigten.

Es mag also sein, dass ein Selfie einen Einfluss auf die Selbstinterpretation einer Person haben kann. Ob das Selfie nun tatsächlich schöner macht, hängt mit der Frage zusammen, ob man sich über das eigene Narrativ irren kann: Bin ich die Person, die ich glaube zu sein, oder kann ich mich über meine Identität irren? Janine und Robert Schroer nennen dieses Problem in ihrem Aufsatz «Getting the Story Right: a Reductionist Narrative Account of Personal Identity» (Philosophical Studies, Springer, 2014) das «problem of error». Um das Problem zu lösen, bedarf es der Zusatzbedingung, dass ein Narrativ mit objektiven Fakten übereinstimmen muss. Je nachdem, was man unter objektiven Fakten von Schönheit versteht, ist das Selfie Ausdruck der eigenen Schönheit.

Das spezielle an Selfies ist, dass die positive Präsentation ein zentraler Punkt ist. Eine Person, die von dir ein Foto macht, drückt den Auslöser nach ihrem Gutdünken; beim Selfie wählt man den bildlichen Ausschnitt der eigenen Person selbst. Das eigene Selfie macht also vielleicht im eigenen subjektiven Selbstverständnis schöner. Doch wie beim Selfie im Fitnesscenter können wir uns fragen, wie das Selfie als Ausdruck der Schönheit zu bewerten ist.

Reicht es, dass man das eigene Selfie als schön empfindet, dass Schönheit Teil der eigenen Identität ist, oder muss das Werturteil in Bezug auf die Schönheit von anderen geteilt werden? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.07.2016, 10:05 Uhr

Die Sommerserie

Wie beeinflussen ästhetische Fragen das Leben? Wann gefällt uns etwas? Werden wir unvernünftig, wenn es um schöne Dinge geht?

In unserer Sommerserie beschäftigen sich Philosophen mit dem Thema Schönheit. Zwischen dem 18. und dem 27. Juli lesen Sie auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet werktäglich einen Text hiesiger Philosophen dazu. Die Fragen stammen teils von Lesern, teils von der Kulturredaktion, teils von den Autoren selber.

Die Serie ist in einer Kooperation mit dem Schweizer Onlineportal für Philosophie, Philosophie.ch, entstanden. Das Portal hat kostenlose Dossiers zu grossen, aber auch alltäglichen Themen erstellt – so etwa zu Mensch, Gesundheit oder Zukunft. (lsch)

Franziska Wettstein ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Philosophie.ch und studiert im 10. Semester Philosophie an der Universität Bern. (Bild: zvg)

Artikel zum Thema

Kann menschliche Schönheit auf dem Operationstisch entstehen?

Schöne Körper, schöne Gedanken: Täglich beantworten Philosophen in unserer Sommer-Serie Fragen zum Thema Schönheit. Mehr...

Erziehen via Instagram

Mamablog Was tun, wenn die Tochter ein Selfie postet, auf dem sie im bauchfreien Top lasziv in die Kamera blickt? Ein Vater hat eine überraschende Antwort. Zum Blog

Badewannen-Selfie nach dem Opernball

Heute auf dem Boulevard: +++ Stallone bietet Kollegen Oscar-Boykott an +++ Drake korrigiert Aussage +++ Gigi Hadid nackt auf dem «Vogue»-Cover +++ Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Er braucht ein gutes Gleichgewicht: Ein Gaucho reitet in Uruguay ein Rodeo-Pferd. (17. April 2019)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...