Mächtig und stark und frauenfreundlich

Die Etrusker-Ausstellung im Schaffhauser Museum zeigt die vielen Facetten des geheimnisvollen Volks und holt es aus dem Schatten der Römer.

Raffinierte Goldschmiedearbeit: Gewandschliesse mit Bügel aus Glas, 8. bis 6. Jahrhundert vor Christus. Foto: Ivan Ivic (PD)

Raffinierte Goldschmiedearbeit: Gewandschliesse mit Bügel aus Glas, 8. bis 6. Jahrhundert vor Christus. Foto: Ivan Ivic (PD)

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Ihre Zeitgenossen schockten sie mit ihrer Zügellosigkeit, mit Gelagen und Nacktheit, heute hingegen kann kaum jemand auf Anhieb sagen, wofür sie eigentlich standen. Dies, obwohl die Medici-Fürsten gut zweitausend Jahre nach der Hochblüte noch auf sie Bezug nahmen, um ihren Machtanspruch zu unterstreichen.

Gemeint sind die Etrusker, ein antikes Völkchen, an dem man eigentlich nicht vorbeikommt. Zumindest nicht, wenn man sich durch die Toskana bewegt, wo es am Strassenrand zahlreiche Tafeln gibt, die uns zu den Grabanlagen der Etrusker führen. Hier sowie in Umbrien und im nördlichen Latium waren die Etrusker im ersten Jahrtausend vor Christus ansässig.

In eine andere Kultur aufgelöst

Bis heute umgibt die Etrusker eine Aura des Geheimnisvollen: Obwohl sie als eigenständige Kulturgemeinschaft gelten, kennt man ihre Ursprünge nicht. Auch ihre Schrift konnte nicht vollständig entziffert werden. Dennoch haben wir sehr viel von den Etruskern. In erster Linie sind es Kunst- und Alltagsgegenstände, von denen nun eine repräsentative Auswahl in Schaffhausen zu sehen ist. Die Etrusker-Ausstellung im Museum zu Allerheiligen ist die erste in der Schweiz seit sechzig Jahren. Es ist eine reiche Schau, die nicht darüber hinweggeht, dass die Etrusker bis heute im Schatten der Römer stehen.

So passiert man gleich zu Beginn der Ausstellung eine Büste des römischen Kaisers Augustus, dessen marmorne Visage einen Schatten auf eine Zeittafel wirft und uns daran erinnert, dass die Etrusker nach einer Niederlage gegen die Römer im Jahr 396 vor Christus allmählich romanisiert wurden, sich also in einer anderen Kultur auflösten.

Theopompos missfiel es

Ihren kulturellen Höhepunkt erreicht hatten die Etrusker im 6. Jahrhundert vor Christus, als sie zahlreiche Handelsbeziehungen im Mittelmeerraum, nach Frankreich und über die Alpen hinweg unterhielten. Selbst auf dem Uetliberg fand man etruskische Überbleibsel. Die Handelswege der Etrusker reichten aber weiter – bis nach Skandinavien.

Die Etrusker seien mutig, fleissig, innovativ und fromm gewesen, heisst in schriftlichen Zeugnissen. Für andere waren die Etrusker aber nur eines: ein Ärgernis. Der griechische Autor Theopompos etwa beanstandete, dass die Etruskerinnen sich gerne nackt zeigten und mit den Männern zusammen Sport trieben. In der Ausstellung gibt es als Beleg dafür zwei handgrosse Figürchen, die ursprünglich ein Gefäss zierten: eine nackte Frau, die sich auf Augenhöhe mit einem ebenso nackten Mann befindet, dem sie geradezu kumpelhaft die Hand auf die Schultern legt. In der anderen Hand hält sie ein Gefäss sowie einen Strigilis, ein sichelförmiges Metallwerkzeug, mit dem man sich nach dem Sport Öl, Schweiss und Staub von der Haut schaben konnte. Auch das missfiel Theopompos: Die Etruskerinnen würden zu grossen Wert auf ihr Äusseres legen.

Später sollten die Etrusker die Fantasie befeuern: Der Basler Gelehrte Johann Jakob Bachofen verstieg sich im 19. Jahrhundert zur Annahme, bei den Etrusker hätte es eine Herrschaft der Frauen gegeben, was wohl ins Reich der sogenannten Matriarchatsfantasien verbannt werden muss. Nachweisen lässt sich aber, dass die Etrusker ihren Frauen hohe Wertschätzung entgegenbrachten. In Schaffhausen gibt es als Beleg dafür gleich zwei sehr schön gestaltete Frauenfiguren zu sehen, die für Urnen- und Sarkophagdeckel angefertigt wurden. Die eine von ihnen – eine wuchtige Alte – hat sich trotz fehlender Nase und Hände einen beeindruckenden Rest an Würde bewahrt.

Kunstvolle Fibeln

Bis heute modern erscheinen die Etrusker vielleicht deshalb, weil sie sich durch eine verblüffende Offenheit auszeichneten und verschiedene – zunächst orientalisch, später dann auch griechische – Elemente in ihrer eigenen Kultur aufnahmen und neu interpretierten. Das reichte von Gottheiten wie dem griechischen Herkules, den die Etrusker als Hercle verehrten, bis hin zu Alltagsgegenständen. In der Ausstellung sind es vor allem Letztere, anhand deren man den Kulturtransfer nachverfolgen kann. Etwa an einer Olla, einem Weinkrug im hüfthohen Ständer, der gut erreichbar im Zentrum der Gelage stand.

Beides – die Gelage und die Olla – hatten die Etrusker aus dem Osten übernommen. Eine Vorstellung der etruskischen Gelage gibt in der Ausstellung die Kopie eines Grabreliefs, das der Schaffhauser Maler Enrico Wüscher für den dänischen Sammler Carl Jacobsen, Begründer der Carlsberg-Brauerei, im 19. Jahrhundert angefertigt hatte. Beeindruckend ist auch die grosse Kunstfertigkeit, welche die Etrusker entwickelt hatten: Am Kopf des Ausstellungssaales gibt es eine Auswahl mit Schliessnadeln, sogenannte Fibeln, die mit Tausenden Goldkügelchen verziert wurden, wobei diese so winzig sind, dass sie mit blossem Auge kaum erkannt werden können. Ähnlich kunstvoll ist auch die Hüttenurne, mit der die Ausstellung eröffnet wird: Mit ihrem Detailreichtum gibt sie uns einen Eindruck der etruskischen Wohnstätten.

Dass die erste Etrusker-Ausstellung in der Schweiz nach so langer Zeit nun ausgerechnet in Schaffhausen stattfindet, hat mit dem Chemiker Marcel Ebnöther zu tun, der sein Vermögen als Klebstoffunternehmer machte und sich 1955 in die Etrusker verknallte, als im Kunsthaus Zürich die letzte grosse Etrusker-Ausstellung in der Schweiz gezeigt wurde. Während gut zwanzig Jahren sammelte Ebnöther die Etrusker. Entstanden ist eine einzigartige Kollektion mit über 200 Objekten, die nun vollständig in einem sehr schön bebilderten Katalog dokumentiert sind.

Bis zum 4. Februar 2018

Erstellt: 30.10.2017, 18:08 Uhr

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