Mal Farbige anschauen gehen

Gut gemeint – aber rassistisch: Gloria Wekker war am Theaterspektakel und erklärt, wie selbst unsere liberale Gesellschaft Schwarze diskriminiert.

Anthropologin Gloria Wekker unterwegs in der weissen Mehrheitsgesellschaft. Foto: Reto Oeschger

Anthropologin Gloria Wekker unterwegs in der weissen Mehrheitsgesellschaft. Foto: Reto Oeschger

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Sie hat etwas von einer Königin, als sie in leuchtend gelber Robe die Seebühne des Theater Spektakels betritt: Gloria Wekker, Aktivistin und emeritierte Professorin für Gender-Studies der Universität Utrecht. Ein wenig sei sie sich in dem Moment schon wie ein Zootier vorgekommen, erinnert sie sich allerdings während unseres Gesprächs zwei Tage später. «Alle Leute vom Theater Spektakel waren wunderbar und herzlich. Und es ist toll, so viele Künstler aus dem Süden performen zu sehen. Aber das Festival sollte auch seine eigenen Strukturen reflektieren: Wer sind die Entscheidungsträger? Wo ist da die Diversität?» Der künstlerische Leiter ist wie der technische Leiter ein weisser Mann; die kaufmännische Leitung hat eine weisse Frau inne.

Sie wolle keine Jobs gefährden, betont Wekker. Aber Diversität als Programmpunkt zu führen und Schwarze dann nur als Gäste einzuladen: Das sei zu wenig und nicht wirklich ernst zu nehmen. Zu sehr entspreche es dem jahrhundertealten Muster: Ein hauptsächlich weisses Publikum – dessen Homogenität sie erstaunte – guckt sich schwarze Künstler an, die für dieses Publikum auf der Bühne stehen. «Ich will nicht gemein sein, aber es ist meine Rolle und Aufgabe, auf solche strukturellen Probleme hinzuweisen.»

Man empfahl ihr eine Lehre als Coiffeuse

Die dynamische Frau mit den Rastazöpfen, die 1950 in Surinam geboren wurde, damals ein südamerikanischer Teil des Königreichs der Niederlande, hatte selbst strukturelle Stolpersteine überwinden müssen. Als ihre Familie in die Niederlande zog, wurde den Eltern nahegelegt, Gloria und ihre Geschwister in eine Ausbildung zur Coiffeuse oder in eine Lehre im Gartenbau zu schicken; die Möglichkeiten einer akademischen Laufbahn wurden noch nicht mal skizziert. Aber die Eltern hatten andere Pläne für ihre Kinder – und Gloria Wekker sollte 2001 die erste schwarze Lehrstuhlinhaberin der Niederlande und eine der bekanntesten afroeuropäischen Intellektuellen überhaupt werden.

Als studierte Anthropologin hatte sie bereits in den Achtzigern für die Stadt Amsterdam Antirassismusstrategien entwickelt und zudem im Staatsministerium für Gesundheit, Wohlfahrt und Kultur im Bereich ethnische Minderheiten als Beraterin gearbeitet. Dass sie damals bei Treffen mit anderen Mitarbeitern oft anfangs für eine Garderobiere oder eine Serviceangestellte gehalten wurde, selbst von rangniedrigeren Kollegen, spricht Bände.

Die Choreografin und Performerin Nora Chipaumire, geboren in Zimbabwe, hat am Zürcher Theater Spektakel sechs Vorstellungen. Foto: Theater Spektakel

Schwarze würden für kleine Vergehen, etwa im Verkehr, öfter gebüsst als Weisse und auch schneller vor Gericht gebracht, zitiert Gloria Wekker neue Studien. Und die weissen Richter in den Niederlanden würden über Schwarze erwiesenermassen strenger urteilen als über Weisse. Die Jobs schliesslich, die Schwarze in der niederländischen Gesellschaft innehätten, seien im Durchschnitt schlechter als die der Weissen.

«Weiss-Sein ist kein Faktor, für den es Begriffe und Konzepte gibt. Die Position des Privilegs ist unsichtbar.»Gloria Wekker

Trotzdem, so Wekker, würden viele Holländer das Etikett «Rassismus» vehement von sich weisen. 2016 hat Gloria Wekker über dieses Phänomen das Buch «White Innocence: Paradoxes of Colonialism and Race» veröffentlicht. Dort führt sie aus, dass die Haltungen aus der Ära des Kolonialismus nicht über Nacht, mit der Unabhängigkeit der Kolonien, von selbst verschwanden. Doch die niederländische Gesellschaft, die sich als Vorreiterin progressiven Gedankenguts sieht, blende das omnipräsente Archiv tradierter Einstellungen einfach aus. Auf entsprechende Hinweise von NGOs, ja selbst der UNO – so tadelt ein UNO-Bericht von 2018 strukturellen Rassismus im Land, etwa bei den Sozialleistungen für Kinder – reagiert man eher verschnupft.

«Weiss-Sein ist kein Faktor, für den es Begriffe und Konzepte gibt. Die Position des Privilegs ist schlicht unsichtbar, weil sie für Weisse hier selbstverständlich ist; bis heute», pointiert die Wissenschaftlerin. Als sich in den 70ern in den Niederlanden erste Stimmen kritisch dazu äusserten, seien sie unterdrückt worden.

Und Wekker vermutet, dass die Schweiz – «ein weiteres kleines Land, das stolz ist auf seine Drittwelthilfe und seine Menschenrechtsorganisationen» – ihre gewachsenen strukturellen Ungleichheiten ebenfalls übersieht. «Die Schweiz hatte selbst keine Kolonien, hat aber beispielsweise in Plantagen in Surinam investiert und vom Kolonialhandel gut profitiert.» Sie verharre in einem «Commodity Racism»: einem Rassismus, der in der DNA diverser Handelsgüter steckt und nicht hinterfragt wird.

Farbenblindheit gibt es nicht

Es sei typisch, dass darüber in den Schulbüchern nicht viel stehe. Unreflektierte Bilder von glücklichen schwarzen Bohnenpflückerinnen etwa habe sie auch auf hiesigen Kaffeepackungen gesehen. Stereotype, die nicht mehr vorkommen sollten, liefen im Alltag locker mit, sagt Wekker: Höchste Zeit, von der Grundschule bis zur Uni über Differenzen und Privilegien zu unterrichten und das Augenmerk auch auf Intersektionalität zu richten – auf Diskriminierungsmuster, die sich überschneiden wie etwa bei schwarzen Lesben.

Diversität auf der Bühne – jung, weiblich, «morena»: Chileninnen am Theater Spektakel. Foto: Christian Altorfer

«Colour-Blindness», Farbenblindheit, sei eine Illusion: «Wir sehen einander an, und im Kopf laufen Einordnungsprozesse ab. Sekundenschnell wird hierarchisch, nach Überlegenheit und Unterlegenheit, sortiert. Das ist ein Fakt, da darf man sich nichts vormachen», fordert Wekker.

Die Niederlande hätten sich zwar für die LGBTQ-Gemeinde starkgemacht. Aber das gelte vor allem für ihre weissen Vertreter, sie bildeten auch die Mehrheit. Zum Rassismus habe man nicht viel zu sagen. Dieses Thema brennt der Forscherin auf den Nägeln; zum Gespräch hat sie ihre Freundin Twie Tjoa mitgebracht. «Was der inhärente Rassismus mit dem Selbstbild und mit den Lebenschancen macht, zeigen schon Studien mit kleinen Kindern. Die weisse Puppe wird der schwarzen grundsätzlich vorgezogen. Und im Alter von drei oder vier Jahren hat sich bei schwarzen Kindern ein Gefühl der Minderwertigkeit eingebrannt.»

Den niederländischen Schmutzli abschaffen

Dagegen wollen die zwei Frauen angehen. Sie setzen auf neue Lehrpläne, auf Quotenregelungen für alle grösseren Organisationen und auf die Abschaffung von Figuren wie den niederländischen Schmutzli. Beide engagieren sich in der 2016 gegründeten Partei der schwarzen, surinamisch-niederländischen Politikerin Sylvana Simons. Ruhestand? Wer Gloria Wekker im Gespräch erlebt, kommt gar nicht erst auf so eine Idee. «Simons vertritt einen radikalen Egalitarismus und wirtschaftliche Gleichheit», beschreibt Wekker die progressive Partei.

Um eine solche Welt gestalten zu können, müsse man erst einmal die eigene Situierung in der heutigen Gesellschaft begreifen. «Man muss sich den Unterschieden und den Diskriminierungen stellen, bevor man sie angehen kann», unterstreicht Wekker. Auch wenn es wehtut, von lieb gewordenen Selbstverständlichkeiten Abschied zu nehmen wie eben der Schmutzli-ähnlichen Gestalt, die auf Niederländisch «Schwarzer Peter» heisst.

Gloria Wekker ist nicht die Erste, die öffentlich zu Abschaffung oder Umbau der geliebten Weihnachtsfigur aufruft, aber eine der einflussreichsten. Schon in den Fünfzigern gab es einen surinamisch-niederländischen Verein, der das rassistische Untergrundrauschen des schwarzen Nikolaus-Begleiters monierte. «Erfunden wurde er 1853 von einem niederländischen Volksschullehrer, als fröhlicher Sklave. Er war eine Kolonialreich-Fantasie», sagt Wekker. Später wurde der Sklave zum dienenden Freund umdefiniert. Doch die karikaturesk dicken Lippen, die kohlschwarze Haut und das Tumbe behielt er.

Der «Schwarze Peter», hier bei einem Amsterdamer Nikolaus-Umzug im Jahr 2013, erhitzt die Gemüter. Ein Demonstrant dreht sich ab. Foto: Keystone

Aber ist das wirklich so schlimm?, fragen sich viele. Um den Schwarzen Peter ist in den Niederlanden ein Kulturkampf entbrannt. Für Gloria Wekker steht fest: Der Zwarte Piet muss weg. Auch Kinderspiele wie «Wer hat Angst vor dem Schwarzen Mann?». Solche Stereotype seien schädlich für weisse wie schwarze Kinder. In den heterogenen niederländischen Grossstädten wie Amsterdam, Utrecht oder Rotterdam bestehe darüber eher Konsens als in den ländlichen Provinzen.

«Wieso verteidigen manche den Schwarzen Peter mit einer derartigen Passion und Aggression?», möchte die Frau wissen, die auf jedes kritische Nachhaken mit freundlicher Bestimmtheit Kontra gibt: «Daran ist nichts unschuldig!» Schlachten auf dem symbolischen Feld müssten ebenso geschlagen werden wie auf dem strukturellen, realpolitischen. Die hohle «White Innocence» sei wie eine Tarnmaske, die sich die Gesellschaft nicht mehr leisten könne.

«Die Schuldfrage ist für mich uninteressant. Wichtig ist die geschärfte Wahrnehmung der eigenen Position.»Gloria Wekker

Die unermüdliche Streiterin für Minderheiten ist seit der Emeritierung freilich nicht bloss politisch tätig. Sie beendet gerade ihre afroniederländische Enzyklopädie und hat einen semibiografischen Roman über ihre Grossmutter väterlicherseits in der Pipeline. Diese hatte weisse, jüdisch-europäische Wurzeln und heiratete gegen den Protest der Familie 1917 auf Surinam einen dunkelhäutigen Kreolen: eine kraftvolle Frau – wie ihre Enkelin.

Die resümiert am Schluss unseres Treffens mit Nachdruck: «Auch für die Schweizerinnen und Schweizer gilt: Schaut gut hin! Der versteckte Rassismus ist überall, der hat nicht am Schlagbaum haltgemacht. Ich will nicht, dass sich irgendwer schuldig fühlt. Die Schuldfrage ist für mich uninteressant. Wichtig ist die geschärfte Wahrnehmung der eigenen Position. Untersucht eure Privilegien – und fragt euch, wie ihr sie produktiv für alle fruchtbar machen könnt!»

Gloria Wekker: White Innocence – Paradoxes of Colonialism and Race. Combined Academic Publishers, Harrogate 2016. 240 S., ca. 37 Fr.

Erstellt: 27.08.2019, 18:25 Uhr

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