«Wir kämpfen mit allen Mitteln für die Freiheit, dies weiterhin zu tun»

Unabhängige Redaktionen recherchieren Fakten, welche die Betroffenen der Öffentlichkeit vorenthalten möchten. Gedanken zur Verleihung des Zürcher Journalistenpreises.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für Journalistinnen und Journalisten sind Journalistenpreise ein Ansporn zu herausragenden Leistungen und Ausdruck einer Kultur der Meritokratie. Für das Publikum setzen sie Qualitätsmassstäbe. Aufgrund ihrer öffentlichen Beachtung tragen sie zur gesellschaftlichen Wahrnehmung bei und stärken damit die Rolle und die Bedeutung des Journalismus.

Voraussetzung für diese positive Wirkung von Journalistenpreisen ist, dass sie von einer unabhängigen Institution und einer glaubwürdigen Jury verliehen werden. Diese Voraussetzung erfüllen lange nicht alle. Dass es allein in Deutschland mehr als 500 Journalistenpreise gibt, deutet darauf hin, dass solche Auszeichnungen auch als PR-Instrumente eingesetzt werden.

Der weltweit bekannteste Journalistenpreis wurde vom Verleger Joseph Pulitzer gestiftet und wird seit 1917 an der ebenfalls von ihm gegründeten Columbia School of Journalism in New York verliehen. Die begehrteste Kate­gorie des «Pulitzer» ist der Preis für «Public Service». Jährlich wird dafür einer amerikanischen Nachrichten­organisation die Goldmedaille verliehen. Vor zwei Jahren wurden in der Kategorie «Explanatory Reporting» das International Consortium of Investigative Journalists und damit indirekt auch ausländische Journalisten für die Arbeit zu den Panama Papers ausgezeichnet.

Angesehene Auszeichnung

Das Recherchedesk von Tamedia, das daran mitgewirkt hatte, wurde letztes Jahr für ein Folgeprojekt zu den ­Paradise Papers mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet. Das hat mich sehr gefreut und war ein Höhepunkt in meinem Verlegerleben, investieren wir doch bei Tamedia seit zwölf Jahren systematisch in den investigativen Journalismus. Gerade in Zeiten der Transformation sehe ich die Förderung des investigativen Journalismus – auf allen Ebenen, einschliesslich neuer Formen internationaler Kooperationen – als eine Chance für unser Haus.

Der Zürcher Presseverein hat es geschafft, den ältesten Schweizer Journalistenpreis, der seit bald 40 Jahren besteht, als besonders angesehene Auszeichnung zu etablieren. Wikipedia zählt den Zürcher Journalistenpreis zu den fünf renommiertesten Journalistenpreisen im gesamten deutschsprachigen Raum. Die Bedeutung einer solchen Auszeichnung und von Journalistenpreisen im Allgemeinen beruht auf der Bedeutung einer demokratischen Öffentlichkeit, wie sie durch Medienschaffende hergestellt wird.

Der deutsche Philosoph und ­Soziologe Jürgen Habermas hat sich eingehend mit dem Konzept der Öffentlichkeit als Raum eines vernünftigen kommunikativen Umgangs miteinander beschäftigt und ist zum Schluss gekommen: «Nur noch der Prozess der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung kann unter Bürgern, die sich persönlich nicht mehr kennen können, eine brüchige Gemeinsamkeit reproduzieren. Deshalb lässt sich der kritische Zustand einer Demokratie am Herzschlag ihrer politischen Öffentlichkeit abhorchen.»

Zentral ist die Möglichkeit des Dialogs – des Austausches von Informationen, Argumenten und Meinungen auf Augenhöhe. So wie man es sich idealtypisch auf der Agora der griechischen Polis vorstellt. Weil unsere modernen Gesellschaften nicht mehr auf einem Versammlungs- oder Marktplatz zu fassen sind, müssen mediale Plattformen diese Funktion übernehmen. «A good newspaper, I suppose, is a nation talking to itself», wie der amerikanische Schriftsteller Arthur Miller es formuliert hat.

Wobei ein Gespräch voraussetzt, dass der andere recht haben könnte. Diese Aussage des deutschen Philosophen Hans-Georg Gadamer verstehe ich als einen Leitsatz für aufgeklärte Medienarbeit. Es darf uns Medienschaffenden nicht darum gehen, Meinungen zu machen oder bestimmte Weltsichten zu pflegen. Unsere Ambition muss es sein, dass sich möglichst viele Bürgerinnen und Bürger gut informieren und ihre eigenen Meinungen bilden können.

Medien vermitteln zwischen Bürgern, Politik, Wirtschaft und Kultur. Medien wirken als Weltbilderzeuger. Sie sind in den Worten des Präsidenten der Eidgenössischen Medienkommission, Otfried Jarren, «moderne Marktplätze», auf denen «Ideen feilgeboten werden». Mehr noch: «Medien bieten nicht nur die Ideen wie Themen Dritter an, sondern sie tragen selbst dazu bei, dass dieser Prozess des Austausches von Ideen und Themen aufrechterhalten wird.»Ohne diesen Austausch, ohne Journalismus kann eine bürgerliche demokratische Gesellschaft nicht existieren.

Darüber hinaus nehmen Medien eine Kontrollfunktion gegenüber den «Mächtigen» wahr. Stephen Engelberg, Mitbegründer von Pro Publica, stellt fest, dass bereits das Wissen um die wachsame Präsenz der Medien zur gesellschaftlichen Ordnung beiträgt: «Journalisten berichten nicht nur über Dinge, die schiefgelaufen sind. Sie sorgen auch dafür, dass Dinge gar nicht erst schieflaufen. Regierungsmitglieder benehmen sich besser, wenn sie wissen, dass ein Journalist sie beobachtet.» Das gilt natürlich auch für Mächtige in Wirtschaft, Kultur und in der Gesellschaft überhaupt.

Hartnäckiges Recherchieren ist seit je die journalistische Königsdisziplin. Investigativer Journalismus ist aufwendig und teuer. Wie bereits erwähnt, stellt er bei Tamedia einen Schwerpunkt unserer Investitionen dar. Das kommt in unserem für die Schweiz einzigartigen Recherchedesk, in unserem Daten-Journalismus-Team mit mittlerweile zwei in die Redaktion integrierten «data scientists», in der Entwicklung von neuen digitalen Arbeitsinstrumenten oder auch in gezielten Weiterbildungen zum Ausdruck.

Journalistische Verantwortung

Wenn das Herstellen von Öffentlichkeit und das Ausüben einer Kontrollfunktion zu den noblen Aufgaben von Journalisten und Medienunternehmen gehören, so ist damit richtigerweise eine besondere Verantwortung verbunden. Eine Spezialität, die Medien- von anderen Unternehmen unterscheidet, ist nämlich, dass wir ungefragt in die Sphären von Menschen und Institutionen eindringen. Und selbst wenn wir dazu eingeladen werden, kann es anders herauskommen, als es sich jene vorstellen, die mediale Aufmerksamkeit suchen, weil wir ja nicht in ihrem Auftrag berichten...

Darum müssen wir im Gegenzug grössten Wert auf die Einhaltung der Regeln des guten journalistischen Handwerks legen: Fehlerfreiheit, Wahrheit im Sinne der Vollständigkeit, Transparenz und Fairness.

Qualität in den Medien ist ein beliebtes Thema. Nur ist die Diskussion leider meistens ziemlich diffus. So wird kaum je nach unterschiedlichen möglichen Mehrwerten differenziert, obwohl niemand ernsthaft behaupten wird, ein Pendlermedium verspreche das Gleiche wie eine traditionelle Tageszeitung. Und auch mit den eben erwähnten grundlegenden Anforderungen findet kaum eine systematische Auseinandersetzung statt. Weil uns beides wichtig ist, haben wir bei Tamedia unsere Vorstellungen von Qualität in den Medien in einem Handbuch festgehalten und ein eigenes Qualitätsmonitoring aufgebaut.

Es ist meine Überzeugung, dass wir unsere noble Aufgabe, öffentliche Räume zu schaffen und eine Kontrollfunktion wahrzunehmen, nur erfüllen können, wenn wir einen strengen Massstab an unsere Arbeit setzen. So sind wir glaubwürdig. Und so können wir uns von der sich in den sozialen Medien ausbreitenden Kakofonie unterscheiden.

Die Erfüllung des eigenen Anspruchs ist nicht einfach. Zum einen schaffen wir bewusst Freiräume, die für eine geistige Arbeit notwendig sind und die zur Vielfalt der Gedanken und Gesichtspunkte beitragen, die aber eine Qualitätssicherung nach dem Vorbild der Industrie erschweren. Zum anderen ist Journalismus per Definition ein schnelllebiges Geschäft, in dem Tempo ebenfalls ein Qualitätsmerkmal darstellt.

Darum sind Fehlleistungen trotz aller Bemühungen leider nicht zu 100 Prozent vermeidbar. Das ist der Preis der Freiheit. Wenn es zu Fehlern kommt, ist umso wichtiger, dass sie baldmöglichst und bestmöglich korrigiert werden und dass die Organisation daraus lernt.

Wenn es eine Fehlleistung und damit Grund für eine Entschuldung gibt, ist die Fähigkeit, sich zu entschuldigen, nicht nur eine Frage des Anstands, sondern auch der Intelligenz. Denn unsere Glaubwürdigkeit ist unser grösstes Kapital, und das Wissen darum hat präventive Wirkung. Anstand steht auch in keiner Weise im Gegensatz zur Ambition, kritischen Journalismus zu leisten, sondern ist im Gegenteil eine Voraussetzung, um das nachhaltig tun zu können.

Klagen gegen Journalisten

Dies vorausgeschickt, bereitet mir Sorgen, dass sich in letzter Zeit Klagen von Politikern und von vermögenden Persönlichkeiten gegen Journalisten und gegen Medien gehäuft haben.

Darüber zu entscheiden, ist Sache der Gerichte. Soweit unser Haus davon betroffen ist, habe ich die Fälle studiert. Und natürlich hat unser Rechtsdienst die Klagen analysiert. Wir können nichts erkennen, was einer gerichtlichen Klärung bedarf. Vielmehr bin ich stolz auf die Arbeit unserer Journalistinnen und Journalisten, die wichtige Informationen ans Licht gebracht und thematisiert haben. Es geht um bedeutende Personen von öffentlichem Interesse und dabei nicht um ihr Verhalten unter der Bettdecke, sondern um höchst relevante Sachverhalte. Entsprechend werden wir uns gegen die juristischen Angriffe zur Wehr setzen und unsere Journalisten verteidigen.

Zum Glück sind wir ein starkes Haus und dazu in der Lage. Denn Beobachter haben das gehäufte Vorgehen gegen Journalisten als Einschüchterungsversuche taxiert. Dies auch darum, weil das Gespräch nicht gesucht wurde und weder die Ombudsleute noch der Presserat angerufen wurden, die sich zur Lösung solcher Konflikte anbieten. Stattdessen werden mit teuren Anwälten und maximalem Aufwand Prozesse angezettelt.

Von einer anderen Seite betrachtet, zeugen diese Angriffe auf Medienschaffende von einer Vitalität der Branche, über die wir uns freuen dürfen. Unabhängige Redaktionen leisten ihre Arbeit, recherchieren Fakten, welche die Betroffenen der Öffentlichkeit vorenthalten möchten, und stellen diese zur Diskussion.

Für die Freiheit, dies weiterhin zu tun, werden wir mit allen Mitteln kämpfen. Es ist für das Funktionieren unserer demokratischen Gesellschaft zentral, dass auch in Zukunft investigativer Journalismus geleistet werden kann. Die Pressefreiheit ist ein fragiles Gut, wir müssen uns alle gemeinsam dafür einsetzen.

Ich schliesse mit einem Zitat des englischen Verlegers Alfred Harmsworth, Viscount Northcliffe, der schon vor einem Jahrhundert festgestellt hat: «News is what somebody somewhere wants to suppress, all the rest is advertising.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.05.2019, 21:24 Uhr

Pietro Supino, Verleger und Präsident von Tamedia.

Der Text ist die gekürzte Fassung seiner Rede zur Verleihung des Zürcher Journalistenpreises.

Ausgezeichneter Journalismus

Bei der Verleihung des Zürcher Journalistenpreises gestern Abend erhielt die Publizistin Klara Obermüller die Auszeichnung für ihr Gesamtwerk. Die Jury begründet den Preis mit dem Gespür Obermüllers für wichtige gesellschaftliche Fragen. Fabian Eberhard, Reporter beim «SonntagsBlick», erhält den Preis für seine Recherchen über Schweizer Waffenexporte in Kriegsgebiete. Reto Schneider, Redaktor beim «NZZ Folio», wurde für seine Schilderung eines Selbstunfalls geehrt, Claudia Rey, Sportredaktorin der NZZ, für ihre Reportage über geklonte Turnierpferde. Der Newcomer-Preis ging an Kevin Brühlmann, Redaktor bei der «Schaffhauser AZ». (red)

Artikel zum Thema

Warum Journalismus so wertvoll ist

In der Diskussion um Presseförderung geht eines gern vergessen: die Funktion des professionellen Journalismus. Mehr...

Er schaut ganz genau hin – und wird dafür bedroht

Hajo Seppelt ist der Sportrechercheur schlechthin. Ein grosses Interview über die dunklen Seiten des Sports, Erpressung und den eigenen Personenschutz. Mehr...

100 Prozent Journalismus. Keine Märchen

Porträt Gabor Steingart will den Journalismus mal wieder neu erfinden – auf einem Schiff in Berlin und mit Geld des Springer-Verlags. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Es sammelt sich nur der Staub in ihnen: Frauen zerschmettern in Indien Töpfe aus Ton, um gegen den Mangel an Trinkwasser zu protestieren. (16. Mai 2019)
(Bild: Amit Dave) Mehr...