«Mit Faktenchecks kommt man dem Fake nicht bei»

Wie man Lügen aufdeckt: Ein Zürcher Uni-Professor liefert sieben Erkennungsmerkmale für gefälschte Wahrheiten.

«Wir brauchen eine gemeinsame Verständigung darüber, was Fakten sind»: Thomas Strässle.

«Wir brauchen eine gemeinsame Verständigung darüber, was Fakten sind»: Thomas Strässle. Bild: Adrian Moser

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Wir wüssten es alle, heisst es im Klappentext Ihres Buchs: Der Fake habe «die Vorherrschaft der Fakten abgelöst». Das ist ein bisschen übertrieben, nicht?
Es ist ein bisschen plakativ, so wie jeder Klappentext. Aber es stimmt: Wir haben einen zunehmenden Überhang an Fiktionalität gegenüber den Fakten. Die Basis, auf der Fakten als Fakten anerkannt sind, ist dünn geworden, dieser gesellschaftliche Konsens ist erschüttert. Dafür gibt es viele Gründe, und einer ist, dass die Informationsflüsse heute anders verlaufen, nämlich öfter vorbei an den bisherigen Sicherungsinstitutionen wie etwa den klassischen Medien.

Die klassischen Medien decken Fakes auf.
Ja, aber ihr Anteil an der gesamten Öffentlichkeit ist kleiner geworden. Die sozia­len Medien machen potenziell jede und jeden zum Sender. Zudem hat der klassische Journalismus selbst ein Problem mit dem Fake. Der Fall Relotius hat das gezeigt.

Der Fall «Spiegel».
Eben nicht nur. Claas Relotius war ein Vorbild, eine ganze Branche hat diesen Reporter mit Preisen vergoldet, auch die erfahrensten Journalisten haben ihn gefeiert. Vor allem aber: Er hat geliefert, was man von ihm gewünscht hat. Er hat sich am Markt orientiert, an den Erwartungen der Leser. Reporter vom Typ Relotius haben literarische Techniken in den Journalismus importiert. Herausgekommen sind, in seinem Fall, Fakes. Wenn das Bemühen, die Adressaten zu packen und in eine Geschichte zu ziehen, so weit getrieben wird, dass dieser Effekt mehr zählt als die Wahrheit, dann hat man es mit einem Fake zu tun. Und das gilt nicht nur für den Journalismus.

«Die Literaturwissenschaft kann ein geschärftes Sensorium dafür vermitteln, wie Fakes gebaut sind, wie sie funktionieren.»

Mittlerweile gibt es den Bericht der «Aufklärungskommission» des «Spiegels». Sie rät zum Verzicht auf bestimmte erzählerische Praktiken. «Gefühle oder Gedanken von Protagonisten können nicht rekonstruiert werden», erklärt sie etwa.
Der Literaturwissenschaft ist das schon lange klar: Wenn ein Erzähler in ein anderes Bewusstsein hineinsehen kann, dann handelt es sich um eine Fiktion. So etwas kann gar keine Reportage sein. Das besagen die Grundsätze der Erzähltheorie. Darum meine ich, dass die Literaturwissenschaft einen Schlüssel zur Analyse von Fakes bietet. Nicht jede Fiktion ist ein Fake. Aber jeder Fake ist eine Fiktion. Nämlich eine, die eine Wahrheit erfindet.

Dann kann man Literaturwissenschaftler als Lügendetektoren anstellen?
Nein, aber sie können das Bewusstsein schärfen. Faktenchecks, wie sie etwa nach der «Arena» durchgeführt werden, sind nötig, aber mit ihnen kommt man dem Fake nicht bei. Sie setzen erst dort ein, wo der Fake schon in der Welt ist und seine Wirkung entfaltet. Sie sind Symptom­bekämpfung, keine Ursachenforschung. Die Literaturwissenschaft kann einen Schritt zurückmachen: Sie kann ein geschärftes Sensorium dafür vermitteln, wie Fakes gebaut sind, wie sie funktionieren und welchen erzählerischen Strategien sie ihre Effekte verdanken.

Ein Beispiel?
Hermann Burger. Sein Roman «Schilten» spielt in einem «gottverlassenen, aber sektenreichen Tal», und Burger berichtet von einem lokalen Dialekt, der dort gesprochen werde. Den Dialekt hat er erfunden, aber er hat ihn so glaubwürdig geschildert, mit einer derart sauberen Terminologie und einer derart stringenten Argumentation, dass selbst Dialektforscher darauf hereinfielen und an eine Entdeckung glaubten. Sie nahmen eine literarische Fiktion für bare Münze.

Burger hatte den Willen und die Mittel, Teile seiner literarischen Fiktion wie Berichte über die Wirklichkeit aus­sehen zu lassen. Was lehrt uns das nun für den Fake in der medialen Öffentlichkeit?
Es zeigt, wozu bestimmte Erzählweisen imstande sind. Und dass der Fake, als besondere Form der Fiktion, eine Reihe von Merkmalen hat, an denen man ihn erkennt. Eines dieser Merkmale ist die Suggestion. Ein uralter rhetorischer Trick, der so funktioniert: Man stellt eine Frage, wartet die Antwort aber nicht ab, sondern gibt sie gleich selber, indem man sie dem Gegenüber unterschiebt. Es ist mit der Suggestion wie mit einer Zauberkünstlerin: Man zieht genau die Karte, die sie gezogen haben will.

Wie gelingt ihr diese Beeinflussung?
Das steht in den gängigen Rhetoriklehrbüchern: durch Mehrdeutigkeiten, einen Mangel an Struktur, eine hohe Komplexität, schnelle Wendungen, durch Fragen, Überraschungen, Wortspiele, Provokationen und anderes mehr. Entscheidend für die Beeinflussung ist aber, dass sie in einer bestimmten Zone ansetzt, und zwar zwischen dem Reflex und der Reflexion. Zum einen bewirkt die Suggestion mehr als bloss einen Reflex, also mehr als eine automatische Reaktion auf einen Reiz. Zum anderen verhindert sie die Reflexion: Was sie einem nahelegt, kann man nicht vollständig abwägen und prüfen.

Wie es in einer offenen Auseinandersetzung unter informierten Zeit­genossen möglich sein müsste?
Genau. Die Suggestion ist die Feindin der Reflexion.

«Wenn ein Reporter in ein anderes Bewusstsein hineinsieht, dann kann das gar keine Reportage sein.»

Sie identifizieren in Ihrem Buch neben der Suggestion sechs weitere Merkmale des Fake: die Vorsätz­lichkeit, den Drang zur Öffentlichkeit, das Zusammenspiel von Wissen und Nicht­wissen, die Vermischung verschiedener Arten von Information, die Identifikation zwischen Sender und Empfänger, schliesslich die Nähe zum Common Sense einer Gesellschaft oder gesellschaftlichen Gruppe.
Da liesse sich wohl noch mehr finden. Aber ich hoffe, dass schon dieses Raster eine geschärfte Aufmerksamkeit für jene Muster ermöglicht, die den Fake ausmachen.

Dann ist Ihre Fake-Analyse eine Art Mustererkennung?
So kann man es sagen. Quasi eine erzähltheoretische Rasterfahndung. Wo man es mit Suggestionen zu tun bekommt, sollte man die Frage nach dem Fake stellen. Und wenn man eine Tatsachenbehauptung auf alle weiteren erzählerischen Muster hin prüft, die Sie genannt haben, dann bekommt man auch eine Aussage über den Wirklichkeitsstatus dieser Behauptung.

Damit kümmert sich die Literaturwissenschaft jetzt auch um die Frage, wie viel Wahrheit in Texten steckt. Das war bisher nicht ihr Metier.
Die Literaturwissenschaft kennt sich aus mit Fiktionen, das stimmt. Doch weil Fakes eine bestimmte Art von Fiktion sind, hat die Literaturwissenschaft dazu etwas zu sagen. Abgesehen davon finde ich schon, dass wir einen neuen Realismus brauchen können. Ich will das post­moderne Denken nicht diffamieren, aber die Haltung, wonach die Welt nicht aus Tatsachen, sondern aus Texten und diskursiven Konstrukten besteht, weicht der Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Nachrichten und Berichten aus. Heute halte ich eine gemeinsame Verständigung dar­über, was Fakten verbindlicherweise sind, für dringend.

Aktueller Fall: der Konflikt zwischen dem Iran und den USA. Also die Frage, ob der Iran die US-Drohne im iranischen Luftraum ab­geschossen hat oder im inter­nationalen. Eine der beiden offiziellen Darstellungen muss falsch sein.
Ein gutes Beispiel, denn in dieser Diskussion zeigt sich genau jene Aufmerksamkeit, für die ich plädiere. Es gibt in der Öffentlichkeit mittlerweile ein Erfahrungswissen im Umgang mit Täuschungen, das uns jetzt hilft. Heute könnte kein amerikanischer Aussenminister mehr vor den UNO-Sicherheitsrat stehen und mit einem Gläschen voll weissem Pulver winken, um einen Krieg zu rechtfertigen, so wie das Colin Powell 2003 getan hat vor dem Schlag gegen den Irak als vermeintliche Chemiewaffengrossmacht. Das reicht heute nicht mehr, das Muster ist bekannt, wir sind historisch einen Schritt weiter.

«Ohne Absicht kein Fake. Er wird stets wider ein besseres Wissen fabriziert.»

War das Pulver eine Suggestion jener Art, die Sie als ein Element des Fake beschreiben?
Es rief ein archetypisches Bild wach: ein weisses Pulver in einem geschlossenen Röhrchen. Wir hatten aber keine Ahnung, ob es sich dabei um ein tödliches Gift oder nicht doch eher um Backpulver handelte. Der Aussenminister schien einen Wissens­vorsprung zu haben, und die wirkungsvolle Inszenierung in seiner Hand legte nahe, dass an dem Pulver etwas gefährlich sein musste.

Aber wer hat nun recht mit seiner Erzählung über den Drohnenabschuss am 20. Juni 2019: der Iran oder die USA?
Man darf die Literaturwissenschaft auch nicht überschätzen. Diese Frage kann sie letztlich nicht klären. Aber sie hilft uns, genauer hinzusehen, wenn uns wieder «Beweisstücke» vorgeführt werden.

Sie gehen davon aus, dass hinter jedem Fake eine Täuschungs­absicht steht. Was aber, wenn es der Täuschende nicht besser weiss?
Dann ist es kein Fake, sondern eine profane Unwahrheit. Ein Fake ist eine irreführende Information, sie wird immer wider ein besseres Wissen fabriziert, mit einer Agenda, mit einer Absicht: Das Intentionale ist eines der sieben Merkmale des Fake, wie ich ihn verstehe. Wenn dagegen jemand zum Schluss kommt, dass, sagen wir: alle Menschen von einem Apfelbaum abstammen, dann ist das kein Fake, kein Täuschungsversuch. Sondern Ausdruck der Tatsache, dass da jemand in einer parallelen Wirklichkeit lebt und ein wahnhaftes Weltbild vertritt. Das ist das Gleiche, wie wenn manche Leute religiöse Texte wörtlich nehmen und ihr Leben danach richten. Sie fälschen keine Information, und sie täuschen niemanden. Höchstens sich selbst.

Erstellt: 04.07.2019, 11:56 Uhr

Flöte, Salz und Lügen

Thomas Strässle, Jahrgang 1972, Wohnort Zürich, ist Literatur­professur an der Uni Zürich und Co-Leiter des Instituts Y an der Berner Hochschule der Künste, das Kunst und Wissenschaft zusammenführen will und eine fächer­übergreifende Aus­bildung anbietet. Seine Dissertation hat Strässle über Grimmels­hausens «Simpli­cissimus» geschrieben, seine Habi­litation über die Literatur­geschichte des Salzes; zudem ist er Flötist mit Konzert­diplom. Sein aktuelles Buch: «Fake und Fiktion. Über die Erfindung von Wahrheit» (Carl Hanser, München 2019, 96 Seiten, etwa 27 Franken). (ddf)

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