Böser Hase, lass’ Gnade walten

Osterhasen der anderen Art: In Mittelalter-Büchern tauchen mordende Langohren auf. Warum? Forscher rätseln.

Rabiater Meister Lampe: Britische Zeichnung aus dem <nobr>14. Jahrhundert</nobr>. Fotos: Beinecke Library, British Library

Rabiater Meister Lampe: Britische Zeichnung aus dem 14. Jahrhundert. Fotos: Beinecke Library, British Library

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Der erste Hase packt den Menschen, der zweite sticht zu. Andernorts zückt ein Langohr das Schwert und lässt einen Kopf rollen. Der nächste Hoppler haut sein Opfer mit einem Stock, ein anderer verteilt Ohrfeigen. Und auf einem weiteren Bild sehen wir einen Hasen, der einen Menschen eingepackt davonträgt, ganz wie ein Jäger die Gams.

Solche seltsamen Figuren fanden sich im Mittelalter an den Rändern von Manuskripten, als sogenannte Marginalien, aber auch an den Fassaden der Kirchen. An der Aussenwand des Kaiserdoms von Königsluttern etwa sieht man zwei riesige Hasen, die einen Jäger knebeln.

Bilder dieser Art irritierten bereits Zeitgenossen. Bernhard von Clairvaux, Godfather der Zisterzienser, donnerte in seinen «Apologia ad Guillelmum», solche Darstellungen seien «lächerliche Monstrositäten» – und schob zur Sicherheit gleich das klassische Buchhalterargument nach: «Bei Gott! Wenn man sich der Albernheit schon nicht schämt, warum reuen dann nicht die Kosten?»

Französisches Manuskript aus dem 13. Jahrhundert.

Eine Marginalie gibt heute, knapp 900 Jahre nach Bernhard von Clairvaux, noch immer zu reden. Die Kultur-Website Openculture.com, bekannt für abseitige Grabungen in geisteswissenschaftlichen Gefilden, lancierte pünktlich zu Ostern die Debatte neu. Sinniger Titel: «Killer Rabbits in Medieval Manuscripts: Why So Many Drawings in the Margins Depict Bunnies Going Bad». Böse Hasen finden sich in diversen Büchern, die zwischen 1100 und 1400 entstanden. Was hat es damit auf sich? Dazu gibt es Hypothesen – aber bis heute keine klare Antwort.

Vielleicht ist ja alles ganz simpel, und ein paar Mönche oder Buchmaler hatten schlicht ihren Spass. Beim Malen der «Drolerien» dürften sie grössere Freiheiten genossen haben als in ihrem Hauptjob, der im Kopieren religiöser Standardwerke bestand. Der Textrand war jener Bereich, an denen sie die Griffel lockerer handhaben, probehalber auch mal eine spassige Majuskel oder Zeichnung hinkritzeln konnten. Da konnte auch der «sprichwörtlich feige Hase», so die Mittelalterforscherin Christine Jakobi-Mirwald, flugs zum brutalen Haudegen mutieren.

Französisches Manuskript aus dem 13. Jahrhundert.

Und auch wenn solche Spielereien mit verkehrten Welten einem Bernhard von Clairvaux missfielen – in den mittelalterlichen Manuskripten waren sie gang und gäbe und seitens der Auftraggeber ganz offensichtlich auch erwünscht. Dies womöglich im Wissen darum, dass die Lektüre auf diese Weise vergnüglicher und somit attraktiver wurde.

Eine andere einfache Erklärung: Es ging um eine Illustration der menschlichen Dummheit. Denn wer, bitteschön, lässt sich schon von einem Hasen übertölpeln oder gar gefangen nehmen? Doch wohl nur ein ausgemachter Trottel.

Es gibt allerdings auch raffiniertere Begründungen, warum sich Hasen durch spätmittelalterliche Schriften raufen, prügeln und morden. Die niederländische Mediävistin Marjolein de Vos beschäftigte sich bereits vor einigen Jahren mit dem Phänomen der «Killer Bunnies». De Vos verweist auf die mittelalterliche Tierlehre. Dieser zufolge symbolisiere der oft und gern gejagte Hase den gottesfürchtigen Gläubigen. Wenn sich nun die Rollen verkehren, können die Hasenattacken als eine gerechte Rache für die vielfältigen, vielzähligen Qualen angesehen werden, die den Gläubigen von weltlichen Mächten angetan wurden.

Britisches Manuskript aus dem 14. Jahrhundert.

Diese These wird gestützt durch verschiedene Bilder, in denen Hasen nicht nur Menschen jagen, sondern auch Jagdhunde und Falken erschiessen oder fesseln. De Vos belässt es aber nicht bei dieser einen Interpretation und verweist auf die reale Plage, die Hasen darstellten: Die Bauern fürchteten sie als Kahlfresser ihrer Felder. Der Hase als Unheilsbringer also, in Marginalie wie Wirklichkeit.

Rainer Schwinges, emeritierter Mittelalter-Professor der Uni Bern, wartet mit einer weiteren, wiederum ganz anders gelagerten Theorie auf. Hasen symbolisierten «aufgrund ihres Sexualverhaltens Liederlichkeit und Unersättlichkeit». Wenn ein Hase einen Jäger erledigt, symbolisiert das für Schwinges, wie ein Mensch den Verlockungen des Sex erliegt. Die Hasenbilder sind für den Professor kein gemalter Jux, sondern moralische Warnschilder.

Britisches Manuskript aus dem 14. Jahrhundert.

Die unterschiedlichen Deutungen zeigen, dass die Drolerie vom bösen Hasen auch fast 1000 Jahre nach ihrem ersten Auftreten ein Rätsel bleibt. Bei anderen grotesken Zeichnungen hat sich eine bestimmte Interpretation durchgesetzt. Etwa bei den Riesenschnecken, die gegen Ritter kämpfen: Hier wurden die Schnecken schlüssig als Symbole für die Lombarden identifiziert. Die Norditaliener waren als Geldleiher einflussreich, ohne aber Armeen zu besitzen – mächtig und wehrlos zugleich, genau so wie die Riesenschnecken, die an den Texträndern gegen die Geharnischten anschleimten. Bei den Hasen mit ihrer kuriosen Mordwut dagegen ist keine Spur von theoretischer Klarheit. Es spriessen die Hypothesen.

Ein Rätsel bleibt übrigens auch, wie Monty Python auf den Killerhasen gekommen sind. Im Film «Monty Python and the Holy Grail» – er kam 1975 unmittelbar nach Ostern in die Kinos – lässt die britische Comedy-Truppe einen Hasen auftreten, der einen Kreuzritter nach dem andern zerfetzt. Als Marjolein de Vos ihre Untersuchungen «The Adventures of Medieval Bunny» präsentierte, teilte Monty-Python-Mitglied Eric Idle den Beitrag prompt, aber kommentarlos auf Facebook.

Monty Python und ihr «Killer Bunny».

Erstellt: 17.04.2019, 20:34 Uhr

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