Ohne Bilder geht es nicht

Der Strauhof und das Landesmuseum in Zürich widmen sich der Reformation. Diese gründete auf dem Wort Gottes – und kam doch nicht ohne Abbildungen aus.

Taufe, Abendmahl und evangelische Predigt: Das Altargemälde von 1561 aus der Kirche Torslunde ist derzeit im Landesmuseum zu bewundern. Foto: Dänisches Nationalmuseum

Taufe, Abendmahl und evangelische Predigt: Das Altargemälde von 1561 aus der Kirche Torslunde ist derzeit im Landesmuseum zu bewundern. Foto: Dänisches Nationalmuseum

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Hören auf das Wort Gottes, Konzentration auf Bibel, Gebet und Predigt, Glauben ohne bildliche Vermittlungsinstanzen: Das alles macht die Ohrenreligion der Reformatoren aus. Die Ausstellung im Strauhof heisst denn auch schlicht «Das Wort». Sie arbeitet in einem ersten Teil historisch auf, wie die Reformation vom Wort ausging und es in die Tat umsetzte. Tafeln und Videostatements von Experten bringen dem Besucher Ulrich Zwingli als Prediger, Schreiber, Übersetzer und Publizisten nahe. Dabei war der Wortarbeiter auf den kongenialen Buchdrucker Christoph Froschauer angewiesen. Zusammen schufen sie einen neuen Zugang zu den Schriften und lösten eine Bildungsrevolution aus.

Ins Frühhochdeutsch reinhören

Herzstück der Strauhof-Ausstellung ist eine handkolorierte Zürcher Bibel von 1545. Ein Raum ist ganz mit den 67 Thesen der ersten Zürcher Disputation ausgekleidet, dem vom Zürcher Rat approbierten Kondensat von Zwinglis Denken rund um das Schriftprinzip.

Trotz Buchdruck und Verschriftlichung des Gottesworts blieb die Oralität genauso wichtig. Zwingli legte praktisch täglich predigend die Evangelien aus. Eine Kostprobe liefert der Zusammenschnitt seiner Predigt von 1522 zur «Klarheit und Gewissheit des Wortes Gottes». Über Kopfhörer kann der Besucher in einem nachgebildeten bilderlosen Kirchenraum in die Predigt reinhören, rezitiert in alemannisch gefärbtem Frühneuhochdeutsch von Markus Amrein und aufgenommen im Fraumünster.

Mehr als Martin Luther setzte Zwingli auf die sprachbezogene Gottesunmittelbarkeit des Menschen. Radikaler als sein Wittenberger Kollege wandte er sich ab von der katholischen Augenreligion mit ihrer Bilderverehrung und Sakralmagie. Die Ausstellung im Landesmuseum, «Gott und die Bilder», zeigt aber gerade, dass die Reformation nicht im Bildersturm aufgeht, dass sie es vielmehr ohne Bilder schlicht nicht aushält.

Zwinglis Hauptwerk ist mit Holzschnitten von Hans Holbein illustriert.

Die Reformation hat eigene Bilder kreiert – Karikaturen auf Flugblättern oder Propagandabildern wie jenes gegen die Täufer gerichtete Cranach-Gemälde mit Jesus, von Kindern umringt. Besonders beliebt waren Porträts der Reformatoren.

Die Einstiegsstation zum Zürcher ­Reformator zeigt das berühmte, von Hans Asper geschaffene Abbild: Zwingli im Profil mit schwarzer Kopfbedeckung, in der Hand die Heilige Schrift. Das die Zwingli-Darstellung für alle Zeiten prägende Porträt gehört zum Fundus des Landesmuseums, ebenfalls die neben ihm ausgestellte Zürcher Bibel von 1531. Doch auch Zwinglis Hauptwerk, das ins Deutsche übersetzte Neue und Alte Testament, wirkt nicht über das Wort allein, ist vielmehr mit Holzschnitten von Hans Holbein illustriert.

Zu den überraschenden Aussagen der Ausstellung gehört, dass die Nachfahren der Reformation sogar Reliquien brauchten, in Form von Zwinglis Schwert und Helm. Die Geschichte des angeblichen Urschwertes des 1531 gefallenen Zwingli erzählt ein Animationsfilm: Im zweiten Kappeler Krieg soll es zur katholischen Kriegsbeute geworden sein, die ab dem 17. Jahrhundert im Luzerner Zeughaus als Trophäe ausgestellt wurde. Nach dem Sonderbundskrieg von 1847 kam das Schwert ins siegreiche Zürich. Die Übergabe geriet zur pompösen Prozession vom Stadthaus zum Zeughaus. So wurde es zur reformierten Berührungsreliquie.

Gut für Schulklassen

Über verschiedene Stationen erklärt ­Kuratorin Erika Hebeisen im Landes­museum die berühmten «Streitfragen der Reformation». Dazu gehören der Streit mit Luther um das Abendmahl, der Streit mit den Täufern um das Taufalter, der Streit um die Ehelosigkeit der Priester und natürlich der Bilderstreit.

Die mehr historische als theologische Ausstellung bedient sich der gleichen didaktischen Mittel wie die Reformatoren selbst: des Bildes eben, der Sichtbarkeit, die es braucht, um Inhalte zu vermitteln. «Gott und die Bilder» eignet sich gut für Schulklassen. Beide Ausstellungen, die zu den offiziellen Zürcher Reformationsprojekten gehören, erklären Basics der Reformation.

Im Strauhof lösen sich die Kuratoren Rémi Jaccard und Philip Sippel im Obergeschoss dann von den religionsgeschichtlichen Fakten. Experimentell inszenieren sie die weltverändernde Kraft des Wortes bis heute. Die Wirkmächtigkeit des Wortes wird mal politisch aktivistisch, mal poetisch umgesetzt. Entstanden ist ein labyrinthartiges Wort-­Panorama entlang des Alphabets.

Von Putsch bis Youtubel

Der Gang durch 26 Tafeln beginnt mit Bild A wie Anklage und zeigt Martin Luther Kings Anschlag seiner Thesen am Rathaus von Chicago 1966. Weiter geht es mit B wie Babel und der Sprachverwirrung, E wie Esperanto löst sie wieder auf. Das Wort-Panorama an der Schnittstelle von Theologie und Literatur gewährt auch Einblick in den «Wortwarenladen» von Kurt Marti oder den Wortgenerator von Beat Gloor mit Wortschöpfungen wie «Youtubel». Man erfährt, dass das Wort «Putsch» nach dem Züriputsch von 1839 international Schule machte. Am Ende des Panoramas angelangt, kann der Besucher in einer Art Speakers’ Corner selber eine der berühmten Reden von Cicero bis Merkel nachsprechen. Oder will er in einem schallschluckenden Raum ohne Worte und Bilder einfach sitzen und schweigen. Und – wer weiss? – auch beten.

Landesmuseum, 2. Februar bis 15. April, Strauhof, 8. Februar bis 27. Mai.

Erstellt: 01.02.2018, 18:12 Uhr

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