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Orange Linie für die Werbung

Der chinesische Künstler Ai Weiwei bekommt Schadenersatz von einem dänischen VW-Händler. Der hatte eine Kunstinstallation für Produktwerbung benutzt.

«Soleil levant» hat Ai Weiwei seine Installation vor der Kunsthalle Charlottenborg in Kopenhagen genannt. Foto: Kristian Nielsen (Anadolu Agency/Getty Images)
«Soleil levant» hat Ai Weiwei seine Installation vor der Kunsthalle Charlottenborg in Kopenhagen genannt. Foto: Kristian Nielsen (Anadolu Agency/Getty Images)

Sixt war schnell. Der Autovermieter setzte Ursula von der Leyen kurz nach ihrer Wahl zur Präsidentin der Europäischen Kommission auf eine Werbeanzeige. Daneben eine kesse Blondine mit der Unterschrift «oder von der leihen»? Leicht sexistisch, leicht ironisch, ein etwas bemühtes Sprachspiel – und legal, solange die Politikerin nicht Einspruch gegen ihre Verwendung als Testimonial erhebt.

Warum sollte sie? Die von derselben Firma verwendete Fotomontage von Angela Merkel mit wirr abstehenden Haaren – «Lust auf eine neue Frisur? Fahren Sie unser Cabrio» – war 2001 Kult. Im Rennen um Aufmerksamkeit kann man so punkten.

Anders sieht das Ai Weiwei. Der chinesische Künstler hat jetzt dem dänischen VW-Importeur und Grosshändler SMC eine hohe Strafe aufgezwungen. Ein Gericht in Kopenhagen verurteilte die Firma zu 1,5 Millionen Kronen wegen «betrügerischer Verwendung» eines Kunstwerks zu Werbezwecken, plus 250'000 Kronen Schadenersatz (zusammen umgerechnet 300'000 Franken). Ai Weiwei hatte im Sommer 2017 die Fenster der Kunsthalle Charlottenborg mit 3500 orangefarbenen Flüchtlingswesten verstopft, echten Westen, die Flüchtlinge getragen hatten, als sie auf Lesbos strandeten.

Aufrütteln, nicht Profit steigern

SMC hatte einen VW Polo, ebenfalls in Orange, vor die Fassade der Kunsthalle gestellt und auf seiner Website und im Kundenmagazin für das neue Modell geworben. Für Ai Weiwei Anlass zum Zorn und zur Klage. Er, selbst nach Hausarrest und Ausreisesperre ein Quasiflüchtling in Europa, setzt sich seit vielen Jahren für Flüchtlinge ein. Sein Kunstwerk sollte aufrütteln, nicht den Profit einer Autofirma steigern. Das gefährde seine Glaubwürdigkeit, hat er die Klage begründet, und das Gericht gab ihm recht. Die Verwendung der Installation als Hintergrund sei «betrügerisch», weil sie im vollkommenen Widerspruch zur Absicht des Künstlers stehe.

Recht so. Werbung darf nicht alles, auch wenn das Künstler wie Oliviero Toscani so sehen, der seinerzeit die berüchtigte Benetton-Kampagnen mit Kriegs- und Aids-Motiven gestaltete. Drei Motive wurden sogar vom Bundesgerichtshof verboten. Natürlich sehen sich Werber selbst als Künstler und glauben, dafür die Kunstgeschichte plündern zu dürfen. Wenn ihnen schon der eigene Geschmack nicht Halt gebietet, müssen halt, leider, leider, die Gerichte eine rote – oder in diesem Fall eine orange – Linie ziehen.

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