Allein mit Bob

Was bedeutet Einsamkeit? Schweden wollen das für ein Fernsehprojekt herausfinden – und arrangierten ein Bob-Dylan-Konzert mit einem einzigen Zuhörer.

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Frederik Wikingsson (41) bezeichnet sich zwar als Dylan-Superfan, aber das, was ihm am letzten Sonntag in der Academy of Music von Philadelphia widerfahren ist, hätte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können: Bob Dylan und Begleitband gaben ein Konzert ganz für ihn allein. Zu hören bekam er vier Songs, dann spendete er einsamen Applaus. «Ich musste vor Glück grinsen, als sei ich auf Ecstasy», sagte er dem amerikanischen Musikmagazin «Rolling Stone».

Das äusserst exklusive Konzertticket hat sich Wikingsson als Versuchskaninchen ergattert. Er ist Teil eines schwedischen Projektes namens «Experiment Ensam». Im «Experiment Einsam» geht es darum zu untersuchen, wie sich Menschen in Situationen verhalten, die man eigentlich nie allein erlebt. Besucht werden etwa Vorstellungen von Stand-up-Komödianten oder Karaoke-Bars. Die Experimente sind alle auf einem eigenen Youtube-Kanal zu sehen. Und werden mit (schwedischen) Erläuterungen von Psychologinnen und anderen Fachleuten unterlegt.


Der Bob-Dylan-Gig war nun sozusagen das ultimative «Ensam»-Experiment. Bis kurz vor Konzertbeginn habe er immer noch gedacht, bald trete «irgendein Arschloch» auf die Bühne, lache ihn aus und sage, alles sei nur für die versteckte Kamera gewesen, erzählte Wikingsson: «Ich konnte einfach nicht glauben, dass Dylan da wirklich mitmachen würde.»

Aber die 73-jährige Folklegende trat tatsächlich auf. Dylan, der an diesem Abend sowieso ein Konzert in Philadelphia gab, erhielt dafür eine Gage. «Keine Ahnung, wie viel», sagte Wikingsson, «aber ich denke, es ist mehr, als er normalerweise für ein Konzert erhält.» Zum Besten gab der Sänger aber nicht sein übliches Programm, das sich in letzter Zeit mehrheitlich auf eigene Lieder aus den letzten 15 Jahren konzentriert. Er spielte, was er selten tut, Coverversionen: Buddy Hollys «Heartbeat», Fats Dominos «Blueberry Hill», Chuck Willis' «It's Too Late (She's Gone)» und eine Jam, die Wikingsson nicht identifizieren konnte.

Nach dem ersten Song applaudierte er, nach dem zweiten rief er «Ihr seid grossartig, Jungs», was ein Lächeln auf Dylans Gesicht provoziert haben soll. Das Konzert und die Reaktion des einsamen Zuschauers sind ab dem 15. Dezember auf Youtube zu sehen. Es gehe auch darum zu untersuchen, ob nach dem Konzert eine grosse Leere entstehe, weil die Erfahrung mit niemandem habe geteilt werden können, sagen die schwedischen «Ensam»-Experimentierer.

Und wo sass der einzige Gast, der im Konzertsaal ganz für sich einen Platz aussuchen konnte? Wikingsson setzte sich in die zweite Reihe, die erste sei ihm zu aufdringlich gewesen, sagte er dem «Rolling Stone»: «Es ist wie im Restaurant, wo wir Schweden nie die teuerste Flasche Wein bestellen, sondern immer die zweitteuerste.»

Wir Schweizer sind wohl auch so – aber das wäre in einem helvetischen «Experiment einsam» noch zu untersuchen.

Erstellt: 25.11.2014, 14:28 Uhr

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