Alles wieder offen

Die Indieband Yo La Tengo stand nie im Zentrum der Aufmerksamkeit. Dennoch ist sie, anders als viele andere, immer noch da.

«Wir probierten alles aus. Wenn es nicht funktionierte, na und?»: James McNew, Georgia Hubley und Ira Kaplan (v. l.). Foto: Matador

«Wir probierten alles aus. Wenn es nicht funktionierte, na und?»: James McNew, Georgia Hubley und Ira Kaplan (v. l.). Foto: Matador

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Orgelsounds, aus der Gitarre geklopfte Töne, die mit mildem Feedback verlängert werden, und ein klein wenig Percussion: Das ist alles, was zunächst zu hören ist. Irgendwann schlauft sich der Beat ein, die Zuschauer – aus der ganzen Schweiz angereist – könnten sich nun fallen lassen, als wäre das hier ein Meditationsseminar und nicht der unzerstörbare Freiburger Konzertclub Fri-Son, wo die am Boden liegenden Plastikbierbecher ein schrilles Quetschgeräusch von sich geben, wenn jemand sie zerdrückt.

Die kosmische Dimension, die in der Luft liegt, ist aber nicht mit der Erscheinung der drei Personen zu erklären, die konzentriert diese Musik erschaffen. Denn Ira Kaplan (Gitarrist, Sänger und, wenn man so will, der Kopf der Band), Schlagzeugerin und Sängerin Georgia Hubley (die seit über 30 Jahren mit Kaplan verheiratet ist) und der mächtige und doch so sanfte Bassist James McNew haben so gar nichts Guruhaftes an sich. Es ist vielmehr eine Band zu beobachten, die in ihren Instrumenten eine Musik aufspürt, der bei allem unterschwelligen Noise auch eine tiefe Ruhe und fast schon erhabene Stille innewohnt.

Diese Stille zeichnet auch das aktuelle Album «There’s a Riot Going On» von Yo La Tengo aus. Die 15. Studioplatte, die trotz lautem Titel fast wie ein Ambient-Album klingt, ist eines der wertvollsten im reichen Katalog der Band. Tagträumereien sind natürlich zugelassen, etwa im sanften «Polynesia #1», das Georgia Hubley mit ihrer halbwachen Stimme singt. Aber der Titel, geborgt von Sly Stones fast gleichnamigem Soulklassiker aus den gewalttätigen Früh-70ern, als Nixon in den USA regierte, schwingt eben schon immer mit. Er deutet auf die aktuellen Konflikte hin, die da draussen toben.

«There's A Riot Going On» von Yo La Tengo. Video: Youtube/Matador Records

Vielleicht ist es dieser Hintergrund, warum Ira Kaplan im Gespräch vor dem Konzert die Lesart des Stillen ablehnt. «Ich wusste gar nicht, dass es ein stilles Album ist – bis das jeder geschrieben hat.» Überhaupt haben sie das Album gar nicht bewusst aufgenommen: «Wir waren in unserem Übungsraum und machten das, was wir immer machen.» Zu dritt arbeiteten sie an Filmsoundtracks, an Nebenprojekten, nahmen alles auf, und erst allmählich merkten sie, dass an diesem Ort, wo sie sich wohlfühlen, ein neues Band-Album am Entstehen ist. Abseits des Zeitdrucks der professionellen Studios und des «clockticking», wie dies James McNew sagt. «Wir probierten alles aus, und wenn es nicht funktionierte, na und?»

Das Label bleibt dasselbe

Dieser Prozess mit ungewissem Resultat zeugt vom offenen Geist, der Yo La Tengo seit der Gründung 1984 auszeichnet: Mal spielte die Band mit Heimbasis in Hoboken, New Jersey, so laut, als wäre sie mit Sonic Youth verwandt. Mal erinnerte sie stärker an The Velvet Underground, ihre Vorbilder. Aber Yo La Tengo waren nie die leicht einzuordnende Indierockband. Und trotz klassischer Alben wie «Painful» oder dem treffend betitelten «I Can Hear the Heart Beating as One» – eingespielt in den 90ern, als die Musikindustrie nach Gitarrenbands lechzte – verliessen sie ihr Label Matador nie. Liessen sich auch nie vereinnahmen; entwischten lieber mit fein gesponnenen Alben, die Jazz- und elektronische Klangelemente einbauten.

«Friday I'm in Love» von Yo La Tengo. Video: Youtube/Matador Records

Natürlich stand die Band deshalb auch nie im Zentrum der Aufmerksamkeit. Doch dieses Abseitsstehen ist wohl ein Grund, wieso Yo La Tengo, anders als so viele Kollegen, nie verglüht sind: «Wir waren nicht frustriert, als wir nicht in Grunge-Übersichtsartikeln erschienen», erzählt Ira Kaplan, der früher Popkritiker war. «Wir waren aber auch nicht Post-Rock wie die mit uns befreundeten Tortoise. Wir waren nicht dies und nicht das, aber für uns machte es das einfacher, einfach weiterzumachen.» Und zwischendurch auch mal eine EP einzuspielen, die sich einem Song des kosmischen Jazzers Sun Ra widmete.

Mit viel Herz

Die Offenheit hört sich auf den Alben nicht eklektisch an und auch nicht nach «anything goes». Aus ihr dringt nur die Begeisterung für die verschiedensten Popstile: «Wir hören sehr viel verschiedene Musik; das ist nun mal, wer wir sind», sagt McNew. Und Kaplan fügt an: «Wir erfanden uns ja nie neu. Weil radikale Neuerfindungen ja immer geplant sind und dann entstehen, wenn einer sagt: Oh, ich mag das nicht mehr machen. Und dann trifft er eine Entscheidung. Aber wir funktionieren nicht so.»

Wie sie funktionieren, ist am Freiburger Konzert zu beobachten: In zwei Sets – einem ruhigeren und einem lauteren – spielen sie sich durch ihre Diskografie. Sie wechseln untereinander die Instrumente, spielen neue Lieder, erfinden ältere Songs neu, fast so, als wären sie eine Jazzband, die ihr Songbook Abend für Abend neu zum Leben erweckt. Und selbst wenn Kaplan mit seiner Gitarre in den lautesten und dissonantesten Stücken Noisestürme entfesselt, bleibt von dieser Musik auch eine Qualität zurück, die in der zynischen Gegenwart längst aus der Mode gekommen ist. Nennen wir sie Herzlichkeit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2018, 18:13 Uhr

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