Also doch ein Mensch

Die Schwedin Robyn galt einst als Antwort auf Britney Spears. Heute ist sie keine Popmarionette mehr – was sie mit «Honey» eindrucksvoll unterstreicht.

Machte sich geschäftlich unabhängig, um nahtlos an grossen Pop mit Chartanspruch anzuknüpfen: Robin Miriam Carlsson alias Robyn. Foto: PD

Machte sich geschäftlich unabhängig, um nahtlos an grossen Pop mit Chartanspruch anzuknüpfen: Robin Miriam Carlsson alias Robyn. Foto: PD

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Herrlich, diese Synthesizer-Arpeggios! Wie sie sich fein verzwirbeln wie DNA-Stränge. Und wie dann ein fetter, fast rockmässiger Tusch zwischen sie donnert. Noch liegt kein Beat darunter, aber eine helle Mädchenstimme singt von einer grossen innerlichen Leere. Dann kommt der Beat dazu. Warum erfindet man solche dummen Beats, die nur deshalb dumm klingen, weil sie absolut keinen Funk haben? Und warum passt diese Eckigkeit hier aber perfekt? Überhaupt: Wie bringt diese Sängerin in diesem Partyliedchen schon wieder so viel Melancholie unter?

Mensch statt Maschine

So beginnt «Honey», das neue Album der Schwedin Robin Miriam Carlsson alias Robyn. «Missing U» heisst der Song, und danach wird das Album nur noch besser, schöner, melodiöser, kitschfreier, spassiger. Die Frage, woran sich festmachen lässt, dass ein Popalbum sehr gelungen ist, man kann sie mit «Honey» beantworten: daran, dass es sich in einem Rutsch, und ­immer wieder von vorne, durchhören lässt und man, wenn man will, immer mehr Referenzen und Querverweise entdeckt. Und daran, dass es einen zu abstrakteren Gedanken inspiriert.

Zu letzteren gehört, dass auffällig ist, wie nach und nach alle weiblichen Popstars, die vor wenigen Jahren das Lob der Maschinenwerdung und -verschmelzung sangen, nun wieder beim Menschsein angekommen sind. 2010 war das Popjahr, in dem Lady Gaga, Christina Aguilera, Janelle Monaé und auch Robyn, so als hätten sie sich abgesprochen, die Maschinenfrau, den Cyborg und den «Fembot» priesen, also: das feministische Computerprogramm. Sie trugen verchromte Outfits mit Zahnrädchen und Stromkabel und sangen auf ihren Alben aus der Perspektive des algorithmisch geförderten Feminismus.

Wie Abba auf dem Flipper

Das war aus heutiger Sicht ein bisschen naiv. Aber es war noch vor Edward Snowden und Chelsea Manning, vor der Kaperung der sozialen Netzwerke durch rechte Fake-Profile und auch vor der Sorge, dass sich in der künstlichen Intelligenz die alten, noch lange nicht überwundenen Gender-Stereotype fortschreiben und sogar verstärken könnten.

Lady Gaga wechselte danach ins Countryfach. Auch Janelle Monaé tritt nicht mehr als affirmativer Android auf. Und nun eben Robyn, die 2010 auf ihrem gefeierten Album «Body Talk» der «Fembot» war: «Ich bin ein humanes Wesen, ich gehöre zu einer aussterbenden Art, mein Herz kann nicht aufhören zu schlagen», singt sie in «Human Being», dem zweiten Song ihres neuen Albums. Das ist – neben der melancholischen Feinsinnigkeit der synthetischen Melodie – auch deswegen schön, weil man hier den Eindruck gewinnt, dass Robyn damit die Maschine hinter sich lässt.

Die Maschine, das war in ihrem Leben aber lange Zeit gar nicht der Computer, sondern die Musikindustrie. Mit 14 bekam sie ihren ersten Plattenvertrag in Schweden, mit 16 verliess sie als Jungstar des Majorlabels BMG die Schule und Stockholm in Richtung USA. Ja, sie wollte das alles, denn sie wollte die schwedische Konkurrentin der Teeniestars aus dem «Mickey Mouse Club» sein, von Britney Spears und Christina Aguilera. Der Schritt war auch einleuchtend, denn Spears' Hits wurden ja auch in Stockholm von dem Popgenie Max Martin produziert, mit dem Robyn schon zusammenarbeitete. Ihre Karriere geriet aber ins Stocken, als sie 1999 auf ihrem zweiten Album «My Truth» eine Abtreibung thematisierte, die sie gehabt hatte. Ihr Label weigerte sich, das Album in den USA zu veröffentlichen.

So hat sie anscheinend herausgefunden, dass sie, um der Maschine zu entkommen, selbst gar keine Maschine mehr spielen muss.

Fünf frustrierende Jahre lang versuchte Robyn anschliessend, es ihren Chefs recht zu machen, danach gründete sie ihre eigene Plattenfirma, Konichiwa Records. Seitdem ist sie im Musikgeschäft eine einzigartige Figur: eine Frau, die in jungen Jahren als das startete, was man gemeinhin Popmarionette nennt, und die sich danach geschäftlich unabhängig machte, um musikalisch aber nicht in Indie-Klischees zu verfallen, sondern nahtlos an grossen Pop mit Charts-Anspruch anzuknüpfen. Bei ihr nimmt man das nicht als Widerspruch wahr, und auch das gehört zu ihrer Kunst.

Nun, mit 39, erzählt Robyn in Interviews ganz offen, dass sie in den acht Jahren, die seit «Body Talk» vergangen sind – und in denen ihre älteren Hits «With Every Heartbeat» und «Dancing on My Own» immer weiter gespielt wurden –, eine Psychoanalyse gemacht hat. So hat sie anscheinend herausgefunden, dass sie, um der Maschine zu entkommen, selbst gar keine Maschine mehr spielen muss. Und dass sie dennoch weiter Maschinenmusik, also: elektronische Popmusik, produzieren und singen kann.

Hol dir den Honig!

«Honey» durchzieht nun eine grosse Verspieltheit. «Because It’s in the Music» könnte ein neuer Abba-Song sein, den man auf einem Flipper eingespielt hat. «Send to Robyn Immediately» ist ein träumerischer Slow-House-Track. «Beach 2k20» ist ein alberner Partysong, den man aber schon vor der Party hört, um sich in Stimmung zu bringen. So spontan alles wirkt, so sehr ist in den Details zu hören, dass Robyn sich zur Perfektionierung Zeit gelassen hat. So wie man es vermutlich nur dann kann, wenn man zu den eigenen Bedingungen arbeitet.

In Interviews zu dem Album hat Robyn auch darüber gesprochen, wie wichtig für sie während der Arbeit die frühen Werke von Prince und Michael Jackson waren. Wer «Honey» aufmerksam hört, wird merken, dass die Referenzen noch viel weiter zurückreichen: bis zu den Rolling Stones. Du kannst nicht immer bekommen, was du willst, aber du bekommst, was du brauchst: Von diesem Mantra liess man sich in der Popkultur nun fast fünfzig Jahre lang – seit «You Can’t Always Get What You Want» – verrückt machen. Die Widersprüche zwischen Wollen und Brauchen, zwischen Brav- und Rebellischsein, oder auch: zwischen Eros und Anstand brachte der Song immer gut auf den Punkt. Denn das, was man will, war ja häufig verboten. Die Erlösung durch Mick Jaggers kokett langes «neeeeeed!» war das aber auch.

Robyn dreht das Ganze im Titelsong ihres Albums zu einer wunderbar federnden Basslinie auf den Kopf: «No, you’re not gonna get what you need / Baby, I have what you want / Come get your honey.» Komm, hol dir deinen Honig! Die Popwelt wird ihn ihr gierig aus der Hand lecken.

Robyn: «Honey» (Konichiwa Records) (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.11.2018, 19:31 Uhr

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