Altes Eisen, neu poliert

Die Vergänglichkeit ist im Heavy Metal ein zentrales Thema. Konfrontiert mit ihrer Sterblichkeit, zeigen Iron Maiden, Motörhead und Slayer, dass mit ihnen weiter zu rechnen ist.

Offensichtlich unkaputtbar: Iron-Maiden-Sänger Bruce Dickinson gibt weiterhin die perfekte Rampensau. Foto: PD

Offensichtlich unkaputtbar: Iron-Maiden-Sänger Bruce Dickinson gibt weiterhin die perfekte Rampensau. Foto: PD

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Es sah nach harten Zeiten für den Heavy Metal aus. Dass man an den MTV-Awards einmal mehr ignoriert und für tot erklärt wurde, ist man sich ja gewohnt. Doch dass die Gitarrenmusik sozusagen aus den eigenen Reihen attackiert wurde, tat weh: Metal sei «ein Witz», sagte Keith Richards, Gitarrist der Rolling Stones, letzte Woche in einem Interview. Obendrein musste im Juli das Wacken Open Air, das grösste Metal-Festival der Welt, wegen sintflutartiger Regenfälle beinahe abgebrochen werden. Als wollten sie die dunklen Wolken verjagen, haben in diesen Tagen mit Iron Maiden, Slayer und Motörhead gleich drei Metal-Institutionen neue Alben veröffentlicht. Höchst erfolgreich: Iron Maiden haben weltweit die Chartspitzen erobert, Motörhead stiegen hierzulande auf Platz 2 der Hitparade ein. Und auch Slayers Werk, seit Montag in den Läden, läuft laut der Plattenfirma gut an.

Wie eh und je dominieren auf den Alben Tod und Teufel, die Lieblingsmotive aus 40 Jahren Heavy Metal. Mit «The Book of Souls» widmen sich Iron Maiden der Vergänglichkeit und Wiedergeburt. Bei Motörheads «Bad Magic» beherrscht der martialische Ton nicht nur das Cover, sondern auch Titel wie «Victory or Die». Und Slayer kombinieren in guter alter Bandtradition ein höllisches Inferno mit einem Ikonenbild von Jesus. Doch diesmal sind Tod und Verderben nicht nur Mittel zur Provokation. Die Vergänglichkeit kam den drei Bands zuletzt näher, als ihnen lieb sein konnte.

Der Eskapismus bleibt

«Repentless» ist das erste Slayer-Album ohne das 2013 verstorbene Gründungsmitglied Jeff Hanneman. Motörheads Lemmy Kilmister erhielt vorletztes Jahr einen Herzschrittmacher eingesetzt, und auch Iron Maiden hatten einen Krankheitsfall zu melden: Bei Sänger Bruce Dickinson musste ein Tumor entfernt werden. Einen Niederschlag in den Songtexten finden diese Zäsuren nur marginal; Heavy Metal bleibt primär Eskapismus. Musikalisch jedoch scheint es, als ob die Bands ein Zeichen setzen wollen: Schaut, wir sind noch hier.

Zum Beispiel Iron Maiden: «The Book of Souls» zeigt, warum die Band seit der Wiedervereinigung mit Dickinson 1999 wieder zur grössten Band der Szene wurde. Das Doppelalbum spaltet ihre Anhänger in zwei Lager. Wer die vom Punk beeinflussten Hits von früher sucht, wird enttäuscht. Stattdessen gibt es ein episches Gegniedel der Gitarren, das Produzent Kevin Shirley in einen pampigen Bluessound verpackt hat. Und auch Dickinson erreicht die Höhen nicht mehr so spielerisch wie früher.

Doch wer die Band an der Vergangenheit misst, verkennt ihre Absicht. Mit Prog-Rock wie dem 13-minütigen «The Red and the Black» eifert die Band nicht nur Idolen wie Yes oder Van der Graaf Generator nach. Dem komplexeren, anspruchsvolleren Klangbild ist es wohl zu verdanken, dass die – nach internen Konflikten und 90 Millionen verkauften Platten ebenso fragile wie gesättigte –Band überhaupt noch motiviert ist. Ein Song wie «Death or Glory» deutet zudem an, dass Iron Maiden nach wie vor knappe Hits schreiben könnten. Doch der Song bleibt die Ausnahme, die Gruppe um den ehrgeizigen Bassisten Steve Harris strebt nach Höherem. Ambitionierter als auf den 18 Minuten Grössenwahn von «Empire of the Clouds» haben die Briten nie geklungen.

Auf der Bühne lauert die Gefahr

Vital gehen auch Slayer auf «Repentless» zur Sache. Nachdem sich die Amerikaner um die Jahrtausendwende dem Nu Metal angebiedert haben, erinnert das Album an ältere Produktionen. Allerdings entstanden die neuen Songs unter besonderen Vorzeichen: Mit dem Ausstieg von Schlagzeuger Dave Lombardo und dem Tod Hannemans – je nach Auslegung an den Folgen eines Spinnenbisses oder seiner Alkoholsucht – ist «Re­pent­less» das erste Album mit nur noch zwei von vier Gründungsmitgliedern. Dass Songs wie «Chasing Death» der manischen Raserei früherer Hymnen kaum nachstehen, ist daher überraschend. Doch das filigrane Spiel Lombardos fehlt ebenso wie ein Hit im Stil von «Angel of Death». Dafür widmen Sänger Tom Araya und Gitarrist Kerry King ihrem verstorbenen Kollegen mit «Piano Wire» einen ungewöhnlichen Höhepunkt, der auf dessen unfertigen Ideen basiert.

Man darf gespannt sein, wie die angegrauten Pioniere des Thrash Metal dieses Material live umsetzen. Denn dass es auf der Bühne für gesetzte Musiker gefährlich ist, haben Motörhead erst kürzlich erfahren. Kurz nach der Veröffentlichung von «Bad Magic» brach Lemmy Kilmister ein Konzert in Salt Lake City ab: «I can’t do it», sagte er. Bilder des schwächlich wirkenden Sängers gingen um die Welt, sein Ruf als unkaputtbarer Rockstar war dahin. In der Tat klingt der 69-Jährige auch auf der Platte wie der dünne alte Mann, der er heute ist.

Ruhestand ist kein Thema

Doch der Mythos Motörhead hat schon länger Schlagseite: Während man bei Iron Maiden eben trotz Texten über Tod und Teufel stets das Gefühl hatte, man könnte mit den Musikern auch bei einem Ale über die Premiere League plaudern, verkörperte Lemmy den Outlaw auch abseits der Bühne. Doch die latente Bedrohlichkeit, die den fiesen Rock ’n’ Roll dieser Band stets ausgezeichnet hat, ist verflogen, als die Altersbeschwerden den Sänger zu knechten begannen – und mit ihr verflog auch ein Teil der Faszination. Der kommerzielle Erfolg von «Bad Magic» ist dennoch ein Sinnbild für eine Zähigkeit, dank der Kilmister kurz nach seinem Zusammenbruch wieder auf der Bühne stand.

Bleibt die Frage, weshalb sich die Legenden so hartnäckig weigern, trotz gesundheitlicher Probleme in den Ruhestand zu treten. Die Antwort liefern ihre Fans – denn die sind nicht nur extrem loyal, sondern auch extrem konservativ. Sie hören seit 30 Jahren dieselben Bands und Songs. So zieren Iron Maiden auch 30 Jahre nach ihrer besten Zeit mit «Live After Death» noch immer jedes Cover in der Metal-Presse. Und junge Bands, die eigentlich die Pensionierung der Altvorderen forcieren müssten, huldigen ihnen stattdessen: «Heads Held High», das Album der Newcomer von Dead Lord etwa, ist den neuen Platten der alten Helden zwar ebenbürtig. Doch solange die Jungen mit ihren zweistimmigen Gitarrenleads so frappant an Iron Maiden erinnern, bleiben die Originale bis auf weiteres unsterblich.

Iron Maiden: The Book of Souls (EMI); Slayer: Repentless (Warner); Motörhead: Bad Magic (Warner); Dead Lord: Heads Held High (Nuclear Blast). (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2015, 17:52 Uhr

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Iron Maiden: The Book of Souls (EMI).

Slayer: Repentless (Warner).

Motörhead: Bad Magic (Warner).

Dead Lord: Heads Held High (Nuclear Blast).

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