Am Festival der uniformierten Individualisten

Ob Soul, Trap oder Lounge-Pop – am M4Music in Zürich klang sehr vieles nach gleichförmigem Anderssein.

Aufrüttelnd, wenn auch nicht ganz kitschfrei: Ibeyi. Foto: Alessandro Della Bella

Aufrüttelnd, wenn auch nicht ganz kitschfrei: Ibeyi. Foto: Alessandro Della Bella

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Wer erinnert sich noch an die Punks? Diese freiheitsliebenden Rüpel mit den ausgestreckten Stinkefingern, den bunten Irokesen und den Lederjacken, die nach übernächtigtem Bier rochen? Eine Zeit lang waren sie in ihrem Rebellentum durchaus kreativ und empörend, doch bald glichen sich ihre Methoden des Andersseins dermassen an, dass man den einen Punk kaum mehr vom anderen unterscheiden konnte.

Wir sind am M4Music, der jährlich stattfindenden Zusammenkunft der Schweizer Musikszene im Zürcher Schiffbau. Am Nachmittag wird hier über die Sorgen und Aussichten der Schweizer Musikschaffenden diskutiert, am Vorabend wird Networking betrieben, in der Nacht folgt der grosse Konzertreigen. Punks gibt es hier zwar keine mehr, und doch wird man das ganze Wochenende den Eindruck nicht los, dass man es auch im Umfeld des heutigen Musikschaffens zunehmend mit uniformierten Individualisten zu tun hat.

Immerhin frenetisch altbacken

Trap aus dem wienerischen Hirschstetten? Klingt – mal abgesehen vom Slang – genauso wie der Trap aus Downtown Los Angeles oder aus Bern-Bümpliz. Der Auftritt des weitherum gefeierten Yung Hurn unterstreicht das: Sein Konzert ist zwar auf eine fast schon ­teeniegeburtstagsfestartige Weise vergnüglich, denn der Wiener trumpft ­immer wieder mit wunderbar krumm gewachsenen musikalischen Grossartigkeiten auf.

Doch am Ende wird auch er zum ­bedauerlichen Autotune-Opfer, das in seiner Musik die geläufigen Codes des Genres brav durchexerziert. Dann also lieber Nachdenk-Hip-Hop aus Sachsen? Der viel gerühmte Sänger Trettmann hat sich «neu erfunden», wie überall nachzulesen ist, was nichts anderes bedeutet, als dass er seine wahrlich hintersinnige Poesie von einem angesagten Produzententeam auf den Tagesgeschmack der Hip-Hop-Jugend hat zuschneidern lassen. In Zürich schaltet er sein stimm­manipulierendes Autotune-Gerät nicht einmal mehr für die Ansagen aus.

Kulturpessimistisch betrachtet, tummeln sich im Programm des 21. M4Music zu viele Fashion-Victims.

Also Entspannungs-Elektronika aus Schweizer Manufaktur? Pablo Nouvelle, der gewichtigste Vertreter dieses Zweigs, hat seine Musik für die Bühnenpräsen­tation zwar mit ein paar Muskeln kon­turiert, und doch klingt das nicht viel ­anders als der Muzak, den man sich auf «Ibiza Chill»- oder «Afterwork-Lounge»-Playlists anhören kann.

Kulturpessimistisch betrachtet, tummeln sich im Programm des 21. M4Music zu viele Fashion-Victims. Sein angestammtes Genre von innen zu zerbeulen, das traut sich kaum jemand – gottlob mit einigen hübschen Ausnahmen: Die Gospel-Grobiane von Zeal & Ardor aus Basel zum Beispiel, die mit ihrem klerikalen Donnerwetter etwas wahrlich Originäres in die Musikwelt wuchten. Oder das kubanische Schwesternduo Ibeyi, das mit Ethnotrommeln und Piano eine nicht ganz kitschfreie, aber doch immer wieder aufrüttelnde Weltmusik erfindet.

Video: Zeal & Ardor im Interview

Oder die entfesselte Rap-Göre KT ­Gorique aus dem Wallis, deren Hip-Hop-Methoden zwar weiss Gott nicht die ­modischsten sind, die aber dermassen frenetisch altbacken daherkommt, dass während ihres Auftritts keine Achselhöhle trocken bleibt. Und das Berner Trio Monumental Men, das an seinem ersten grossen Konzert zwischen stil­bewusstem Trip-Hop und weniger stilbewusstem Atmosphären-Tänzel-Lounge schlenkert, aber andeutet, für die mittelbare Zukunft fit zu sein.

Am M4Music kann man zuweilen auch interessante Quervergleiche anstellen zwischen dem heimischen Schaffen und dem, was sich auf den Bühnen der Welt schon bewährt hat. Zum Beispiel zwischen Veronica Fusaro aus Thun und Nakhane aus Johannesburg. Fusaro, die derzeit auf allen Kanälen auf die Schweiz niederprasselt, hat ihren Neo-Soul so tipptopp aufgeräumt, dass er klingt wie das musikalische Äquivalent eines «Schöner Wohnen»-Katalogs.

Und worüber wurde diskutiert? Frauenquote, SRG und Spotify natürlich.

Das ist keineswegs reizlos, doch eine Stunde später führt der Südafrikaner Nakhane auf gleicher Bühne vor, wie es anmutet, wenn man den Soul mit Sex und Allüren, mit Weltkenntnis, Kitsch und Klasse auflädt. Es klingt grossartig. Zwischen den beiden liegen am Schluss wenn nicht Welten, so halt doch noch ein paar Thunerseen.

Helpline für depressive Musiker

Und worüber wurde diskutiert? Frauenquote, SRG und Spotify natürlich. In der bemerkenswertesten aller Runden wurden die Schattenhänge des Pop erkundet. Eine britische Studie hat erhoben, dass 70 Prozent der Musiker unter Depressionen oder gelegentlichen Panikattacken leiden. Und die Liste der Musiker, die sich per Selbsttötung ins Jenseits ­befördert haben, ist lang.

Andy Franks, der einstige Tourmanager von Depeche Mode, beschreibt eindrücklich die Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn man im Musikeralltag zwischen der Rolle als umjubelter Star mit «All Access»-Pass und jener des Durchschnittsbürgers mit prekären Einkommensverhältnissen hin und her wechselt. Für Musikschaffende, die darob den Drogen oder der Depression anheimfallen, seien in letzter Zeit diverse Helplines eingerichtet worden, die rege frequentiert würden. «Man muss ein bisschen verrückt sein als Musiker», wird in der Diskussionsrunde einmal festgehalten. «Es ist ein verdammt riskanter Job.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.03.2018, 19:20 Uhr

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