Anarchy in Flowil

Zwischen Jugenderinnerung und zeitgenössischer Schweizer Depression: Stahlberger setzen im Mundartpop weiterhin die Massstäbe.

Neurotische Fluchtgedanken: Das Video zu «Du verwachsch wieder nume i dinere Wonig».


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Die Minikomödie spielt an einem Ort, der nicht näher beschrieben ist als mit «üsi Stadt». Der grösste Mann der Welt ist zu Besuch und trifft am Bahnhof ein, es gibt Blasmusik und Würste. Es ist ein grosses Fest für die Stadt, aber ein kleiner Auftritt für den hohen Besuch, der schon bald weiter eilt, und man könnte nicht sagen, dass sich die kleine Stadt und der grosse Mann ausgetauscht hätten. Der Stadtpräsident hat zwar eine Rede über wahre Grösse gehalten, aber mehr, als dass sich der Mann auf Twitter dafür bedankte, erfährt man nicht in «De grööscht Maa», dem Lied, mit dem Stahlberger ihr neues Album eröffnen.

Die Bühne der Komödie, das ist der Raum zwischen dem Anspruch an die Wirklichkeit und an sie selbst. Und je weiter er sich auftut, umso schärfer ist der Fallwind, der die Figuren zerzaust. Oder in diesem Fall, ihre Städte. Denn die Kleinstadt, die sich mit dem Grössten schmücken wollte, muss zuletzt feststellen, dass es irgendwo auf der Welt einen noch grösseren Mann gibt, der aber lieber zu Hause bleibt. Und schon sind wir mitten drin in den Kalamitäten der Provinz, wie sie das St. Galler Quintett um den Sänger und Texter Manuel Stahlberger auf seinem dritten Album beschreibt. «Do isch niemer», heisst es einmal, «nume rundume Rand».

Ein Urschei der Punks

Wenn Manuel Stahlberger im, falls es so etwas gibt, Tonfall eines Buster Keaton über das periphere Leben schreibt: Dann nicht, um zu beweisen, wie welthaltig die Provinz in Tat und Wahrheit doch ist. Das zeigt sich nicht nur, wie beschrieben, im ersten Lied, in dem «üsi Stadt» tragikomisch am Grossen scheitert. Sondern erst recht und geradezu sarkastisch im letzten Lied des Albums, in dem der Meteorit einschlägt, und das Letzte, was der Sänger hört, ist an der Coop-Kasse die Frage: «Hend Sie d Supercharte?» Die Provinz ist wenn nicht welt-, so doch untergangshaltig. Nein, Stahlberger besingen die Provinz schon um der Provinz willen. Als Komödie durchaus, aber mit der Liebe zum Detail, die den Kenner verrät.

Mit «Abghenkt» haben sich Stahlberger vor drei Jahren in die Reihe der melancholischen Humoristen apart hiesiger Beschaulichkeit gestellt. Und da spielt die Band nun, irgendwo zwischen Mani Matter, Robert Walser und Joachim Rittmeyer. Nur, dass es hier mit Punkrock und Clubbeats auch schon mal sehr laut werden kann. Die Stromgitarren von Michael Gallusser und Christian Kesseli haben «De grööscht Maa» schon scherbelnd und heulend über den roten, aber zu kurzen Teppich gescheucht, in «Flowil» dann kreischen sie ein Propellerriff, und Manuel Stahlberger stösst durch den Vocoder einen Punk-Urschrei aus: «Mir sind Flowiler / Uzwiler / Mörschwiler / Jowiler.» Wo sich Stiller Has in «Walliselle» einst in ähnlich lautmalerischer Kreisverkehrspoesie ausweglos verfuhren, klingt das hier noch nach Ausbruch. Anarchy in Flowil.

Natürlich ist die Flucht aus der Provinz ein Thema. In «Hornusse» fangen die Jungs zunächst auf dem Pausenplatz mit ihren Jeansjacken noch fliegende Tennisbälle ab. Aber schon in der zweiten Strophe begibt sich Stahlbergers rührende Jugenderinnerung durch die Vordertür ins lokale Jugendzentrum, und durch die Hintertür heraus kommt ein neuer, zuversichtlicher Mensch: «Mir wüssed no nöd gnau wohii / Aber irgend öppis chunnt denn scho.» Das Lied ist vorsätzlich nostalgisch, eine Erinnerung an ein Alter (oder an ein Jahrzehnt), in dem man noch an den Aufbruch glauben mochte. Doch dann stimmen auch Stahlberger in die «Schweizer Existenzformel» von «Auszug und Heimkehr» ein, wie sie Peter von Matt genannt hat, und von der viele grosse Schweizer Mundartlieder seit Rumpelstilz handeln. In den Versuch einer Flucht, der aber auch hier, in albtraumartigen Szenen mit gefrässigen Tieren und Feuerwehrmusiken, in den Refrain führt: «De verwachsch wieder nume i dinere Wonig.» Dazu hat die Band ein grossartiges Video gedreht, in dem Manuel Stahlberger den Text vor dem Psychiater ventiliert.

Ein Anruf des Telefonjassers

Der Traum von der Flucht ist also längst nur noch ein neurotischer Tick. Geträumt wird immer, und auch getanzt, wie in «Tanze» zu den grobmotorischen Bässen und Beats von Marcel Gschwend und Dominik Kesseli. Was bleibt, ist ein Alltag in einem Land, das zuletzt noch etwas schweizhaltiger geworden ist. Der Swissness der Landfrauen und Handörgeler hält Manuel Stahlberger auch auf diesem Album seine liebevoll in die Lieder gestreuten Ornamente des eidgenössischen Alltags entgegen: Supercards, Festabzeichen oder Telefonjasser.

Damit konfrontiert, gibt es kein Entrinnen aus dem «Schwizer Film», wie der vielleicht schönste Song eines schon wieder überragenden Albums heisst. Eine hübsch summende Heimorgel und sanfte Tremologitarren grundieren die hochnotkomische Pop-Hymne über Menschen, die nichts sagen, sondern nur das beschreiben, was sie gerade tun: «Sie goht is Bett / Und seit: I gang is Bett.» Das ist traurig und heimelt trotzdem an, und das ist lustig und treibt einen doch in den nächsten Fluchtgedanken. «Und sie säged: gschobe.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.04.2014, 08:45 Uhr

Stahlberger: Die Gschicht isch besser (Irascible), ca. 22 Fr.

Konzerte:

5.4., Kleintheater, Luzern; 11./12.4., Palace,
St. Gallen; 17.4., Kuppel, Basel; 18.4., Salzhaus, Winterthur; 20.4., Dachstock, Bern; 25.4., Bogen F, Zürich.

Video


Hier kommt das Happy End: Das Video zu «Die Gschicht isch besser».

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