Angel rennt

Sie hat einen Song von Eminem neu geschrieben und zwei grandios düstere Musikvideos ins Internet gestellt: Jetzt ist Angel Haze die grosse Hip-Hop-Hoffnung für das neue Jahr.

Hip-Hop statt Neurochirurgie: Angel Haze hat sich für eine grosse Musikkarriere entschieden.

Hip-Hop statt Neurochirurgie: Angel Haze hat sich für eine grosse Musikkarriere entschieden. Bild: Angelhazemusic.com/Mathieu Young

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Da ist mal wieder jemand unschlagbar. Ein Tusch für Angel Haze, geboren als Raykeea Wilson und heute 21 Jahre alt. «Ich hüpf wie die Ärsche der dicken Schlampen in den Arenen», rappt sie, «scheiss auf sie, ich seh besser aus, da, wo diese Schlampen stehen.» Sie wisse, dass sie schneller und besser rappe als alle anderen, unterstreicht sie dieser Tage in Interviews die zwei Zeilen aus «New York», dem Titelstück ihrer neuesten EP. Und übrigens, ihr Lieblingswort, das sei Narzissmus.

«Es ist schwieriger, als man denkt, mit Angel Haze an einen Tisch zu sitzen und Burritos zu essen», hat die «Village Voice» einen Bericht über die Musikerin aus Detroit betitelt. Und ihr dann doch entlockt, warum ihr bekanntestes Stück in New York spielt: «Das ist Strategie, wie alles an mir. Die Stadt hat eine der wichtigsten Hip-Hop-Szenen, und da dachte ich, es sei gut fürs Airplay, wenn mein Song ‹New York› heisst.» Folglich geht einer der minimalsten, aber auch denkwürdigsten Poprefrains des vergangenen Jahres so: «I run New York.»

Bericht einer Vergewaltigung

Man könnte sagen, da mache sich halt eine mehr mit schmalem Œuvre in der traditionell grosssprecherischen HipHop-Kultur breit. Schlösse denn ihr atemloses Rennen durch New York nicht an ein anderes Stück an, mit dem Angel Haze im Herbst für Aufsehen gesorgt hat: «Mein grösstes Problem war die Angst / Und was die Angst dir antun kann», heisst es in «Cleaning Out My Closet» (von der EP «Classick»). Und dann: «Sie brachte mich zum Rennen.»

Im Original dieses Stücks rechnete Eminem vor zehn Jahren mit seiner dysfunktionalen Familie ab. Zu seiner originalen Tonspur rappt Angel Haze nun davon, wie sie mit sieben Jahren zum ersten Mal vergewaltigt wurde, und die Details ihrer Schilderung kommentiert sie schliesslich mit: «Ekelhaft, was? / Und jetzt pass auf, wie sich dieses Gefühl in deinem Magen breitmacht.» Ihre Raps schnellen hoch konzentriert aus der gefühligen Klangkulisse, die man, anders als bei Eminem, bald vergisst. Und nochmals zwei Minuten braucht sie, alle paar Sekunden laut nach Luft schnappend, um zu erzählen, wie sie das Trauma überwunden hat: «Look at me now», ruft sie ihrem Vergewaltiger zu, «I’m fuckin’ great!» Aus dem Kind ist eine «hard boiled» Rapperin geworden.

Gewalt in Gasmasken

Wer das Stück gehört hat, hört auch «New York» neu. Das Serienfeuer der Raps über der kargen Tonspur ist hart und perfekt getimt, aber auch atemlos, gepresst und high. Im Video fällt eine Gang in bizarren Gasmasken über Passanten her – die Opfer sind weiblich und männlich. In «Werkin’ Girls», einem anderen Stück der «New York EP», sieht Angel Haze zu, wie Männer in Masken zwei seilhüpfende Mädchen verschleppen. Wo Lady Gaga in all ihren Masken einen glossen Traum von Selbstverwirklichung träumt, halluziniert Angel Haze einen Albtraum der Selbstermächtigung. Da ist jemand unschlagbar. Fragt sich nur, wen und was die Maske verbirgt.

Bis sie 16 Jahre alt war, hörte Angel Haze so gut wie keine Popmusik, geschweige denn Hip-Hop. Ihre Familie gehörte zur apostolischen Kirche, in der man mit einem Album von Eminem oder Nicki Minaj auch gleich einen Platz in der Hölle mitkauft. Sie habe also keine Vorbilder, erzählt sie, und wenn, dann seien ihr Storytellers wie Bob Dylan oder Jason Mraz wichtiger als die Rapper: «Die sollen machen, was sie wollen. Vielleicht entwickeln sie sich ja noch und können in einem Jahrhundert oder so sogar einen schwulen Rapper akzeptieren», sagte sie der «Village Voice»; sie, die sich als «pansexuell» bezeichnet.

Als sie dann doch noch die Popkultur entdeckt hatte, begann sie zu rappen, bewies auf Youtube mit Freestyles erstmals ihre Virtuosität und entschied sich dann für die Musik und gegen das Studium der Neurochirurgie, in dem sie hatte lernen wollen, «mein Hirn zu verstehen» und «mich zu kontrollieren». (Allerdings legt sie schon jetzt Geld zur Seite, um das Studium nach ihrer Musikkarriere nachzuholen.)

Im letzten Sommer stellte Angel Haze dann mit «Reservation» jenes Mixtape zum Download auf ihre Website, das die Blogger und Kritiker auf sie aufmerksam machte. Und die Talentscouts der Plattenfirmen, die sich der Reihe nach bei ihr meldeten, wie sie gern erzählt. Sie unterschrieb bei Universal, wo nun als ihr erstes «offizielles» Produkt die «New York EP» mit vier der besten Songs von «Reservation» erschienen ist.

Die Grösse zählt

Die Unterschrift beim Plattenmulti trug der Musikerin natürlich sofort den Vorwurf ein, sie habe sich der Industrie verkauft. Aber erstens bringen einige der derzeit besten Künstler aus Rap und Rhythm ’n’ Blues ihre Musik bei Universal heraus, und Angel Haze ist in bester Gesellschaft von Nicki Minaj, Frank Ocean oder Azealia Banks. Und zweitens folgt der Deal ja nur dem Masterplan von Angel Haze, «mich so gross aufzublasen, dass mich alle haben wollen». Für den Universal-Konzern habe sie sich «auf Basis seiner Zahlen» entschieden.

Im Frühling soll nun die erste Platte erscheinen, und die Auswahl der vier Songs für die «New York EP» spricht dafür, dass Universal sehr wohl weiss, wo die Stärken ihrer jungen Künstlerin liegen. Und das ist gut, denn noch neigt Angel Haze nicht nur ausserhalb des Studios zu einer gewissen Präpotenz und schulmeistert kritische Fans auch schon mal via Youtube für ihren Slang (es heisse «the», nicht «da»). Auch auf «Reservation» ermüdet mit der Zeit die alleskönnerische Nonchalance, mit der sie sich über die verschiedensten Hip-HopStile hermacht.

Umso mehr ragen ihre besten Songs heraus. «New York», «Werkin’ Girls» oder «Supreme» arbeiten so gut wie die Musik von Frank Ocean, Azealia Banks oder A$AP Rocky gegen den goldblitzenden Testosteron-Rap, der das Image von Hip-Hop lange definiert hat. Man hat Angel Haze mit Lauryn Hill und Erykah Badu verglichen (deren Lieder sie auf «Classick» neu interpretiert hat). Aber wie sie in «New York» ihre ganze grosse Kraft und ihre ganze grosse Angst auf engstem Raum zusammenzwingt: Das erinnert doch am ehesten an Nina Simone, diese tief verwundete und unendlich stolze Sängerin und Bürgerrechtlerin der Sechzigerjahre.

Rennen in die Freiheit

Und tatsächlich ist es nicht nur der Beat aus baren Handclaps, der in «New York» an die Zeit erinnert, als die amerikanischen Sklaven keine Musikinstrumente besitzen durften. «Ich renne und renne durch den Dschungel, / Renne wie ein Sklave durch den Untergrundtunnel», rappt Angel Haze und spielt damit auf die «Underground Railroad» an: Auf diesen geheimen Routen flohen bis ins neunzehnte Jahrhundert die Sklaven aus den amerikanischen Süd- in die freien Nordstaaten oder nach Kanada.

Und heute noch rennen Menschen wie Angel Haze nach und durch New York, getrieben von diesem irritierenden Narzissmus, der aus der Katastrophe in den Hip-Hop kam. Angel rennt – und mit ihr das schwarze Amerika. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.01.2013, 08:24 Uhr

«Echelon (It's my Way»

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