Apokalyptischer Konzeptpop

Fatima Al Qadiri spielt in ihrer Musik mit Utopien und Stereotypen. Mit ihrem neusten Projekt steuert sie hinein in die Clubs. Ein Treffen in einem Tokioter Nachtclub.

Steuert mit ihrem neuen Projekt in die Clubs: Fatima Al Qadiri als Teil des Quartetts Future Brown. (Video: FutureBrownVEVO/Youtube)


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Man hört Synthesizer, die wie Engel singen: hallend, flüchtig, ohne Bodenhaftung. Und man hört verfremdete Stimmen, die einem zuzuflüstern scheinen: «I kill you» – «Ich töte dich». Die Musik von Fatima Al Qadiri ist oft glockenhell und düster zugleich. Auf jeden Fall aber schwer greifbar, und das mit Absicht.

Die 33-jährige kuwaitische Musik­produzentin und Konzeptkünstlerin liebt das Spiel mit vorgegaukelten Tat­sachen, mit falschen Identitäten und klischeehaften Sammelbegriffen. So zum Beispiel das deutsche Wort «Asiatisch», mit dem sie ihr diesjähriges Debütalbum überschrieben hat. Das Album spielt mit Klängen, deren Ursprung man wohl am ehesten in Reich der Mitte verorten würde. In kontemplativer Manier tauchen da Klangfäden auf und ab, im ­Hintergrund scheinen Shaolin-Mönche ­dramatisch zu murmeln und Hunde sich am Grillspiess zu drehen: China also.

Modern und apokalyptisch

Tatsächlich ist aber nichts chinesisch daran. Ursprung des Projekts war eine Anfrage eines New Yorker Kunstkollektivs: Ob sie für eine Ausstellung nicht eine absichtlich billige China-Version von Sinéad O’Conners Hit «Nothing Compares 2 U» machen könnte, wurde sie gefragt. Nun, sie konnte nicht: «Shanzai», das Resultat ihrer Experimente, ist zwar künstlich und hochpathetisch, aber auch sehr preziös und auf absurde Art betörend geworden. Die Stilrichtung «Sinogrime» war geboren: moderne ­englische Taktung, apokalyptische ­Ästhetik, versehen mit vermeintlich asiatischen Motiven. Das Stück wurde schliesslich zum Startpunkt für ein Konzeptalbum über funkelnde Fälschungen, Stereotypen und Fehlinterpretationen.

Quelle: Youtube

Apropos Fehlinterpretationen: Als wir Al Qadiri Ende November in Japan zum Interview treffen, ist sie erst mal baff. Dass man aus ihrem Stück «How Can I Resist U» die Worte «I kill you» heraushören könne, irritiert und fasziniert sie zugleich. Darauf genehmigt sie sich einen Schluck Rotwein. Dann spricht sie von ihrer Besessenheit von Chorstimmen und von religiöser Musik: «Fromme Musik ist so extrem, so rein. Sie ruft das Gefühl von Geburt und Tod, von Anfang und Ende, von Dramatik und Endlichkeit hervor.» Besonders letzteres Gefühl wolle sie auch aussenden. Also vielleicht doch: «I kill you»?

Quelle: Youtube

Das Gespräch – in keinster Weise so frostig und apokalyptisch wie ihre Musik – findet in Backstage-Bereich ­eines Nachtclubs in Tokio statt. In ­we­nigen Minuten soll sie hier während ­einer halbstündigen Darbietung den ­Soundtracks alter japanischer Videospiele Reverenz erweisen. Am Nach­mittag hat sie den Teilnehmern der Red Bull Music Academy – wissbegie­rigen Nachwuchstalenten aus der ganzen Welt – von ihren Inspirationsquellen erzählt: traditionelle kuwaitische Perlentaucherlieder, Zeichentrickfilme aus Japan und ein futuristischer Videoclip der italienischen Pop-Klassik-Truppe Rondo Veneziano, die alle bizarrerweise den Weg ins Fernsehprogramm des ­kleinen Golfstaates fanden.

Und dann natürlich der Moment, der alles veränderte: die irakische Invasion am 2. August 1990. Die Böller, die man in den Stücken ihrer EP «Desert Strike» von 2012 hört, sind darum nicht in ­erster Linie Reminiszenzen an Gangsta-Rap-Platten, sondern an die durchlebte Zeit als Kind um Golfkrieg. Al Qadiris Eltern schlossen sich dem Widerstand an. Das Vermögen – samt dem Chalet in der Schweiz – wurde mit einem Mal anektiert. Das Haus zu verlassen, war lebensgefährlich. So flüchtete die junge Fatima sich in Videospiele.

Quelle: Youtube

Nachdem der Journalist ihre Hand­tasche vor der Attacke einer japanischen Spinne bewahrt hat, geht sie schliesslich auch auf den Ursprung der künstlichen Ästhetik ihrer Musik ein: «Ich glaube, das hat mit Kuwait zu tun. Es gibt dort mittlerweile kaum mehr ein Gebäude, das vor 1950 erbaut wurde», erklärt diehumorvolle Frau vom Golf, die neben ­ihrer musikalischen Tätigkeit auch Mitglied des neunköpfigen panarabischen Künstlerkollektivs GCC ist. «In Kuwait ist alles künstlich. Das soziale Leben spielt sich in Shopping-Malls und vor allem im‑Verborgenen ab.»

«Underground Supergroup»

Al Qadiri hat ihren Wohnsitz schon vor Jahren in die USA verlegt. Dort hat sie, nachdem sie verschiedene Studiengänge angeknabbert hatte, einen Abschluss in Linguistik gemacht. Aber ­eigentlich ist sie Weltenbummlerin, ist praktisch ebenso oft in Berlin, London oder Los Angeles anzutreffen.

In der kalifornischen Metropole ­wohnen zwei ihrer aktuellen musikalischen Partner: Asma Maroof und Daniel ­Pineda vom Duo Nguzunguzu, spezialisiert auf die Anfertigung von hyper­modernen Beatkonstrukten. Ergänzt um den Produzenten und Labelbetreiber ­Jamie Imanian-Friedman alias J-Crush aus New York bilden die vier die Gruppe Future Brown. Das ihnen angeheftete Prädikat «Underground Supergroup» haben sie mit den ersten drei Veröffentlichungen längst gerechtfertigt; ihr Album erscheint Anfang 2015 auf dem englischen Qualitätslabel Warp. Ihr Gemisch aus Hip-Hop, Trap, Grime und Electronica könnte aktueller kaum klingen. Zum Beispiel der Clubtrack «Wanna Party»: Rapperin Tink rattert ihre Zeilen rhythmisch stotternd herunter, dazu winden sich die Basstöne, es ruckelt, ­zuckelt und zischt. Alles bleibt herrlich in der Schwebe. Und Al Qadiri gibt am Synthesizer die melodische Grundstimmung vor. Mit Glockenklängen diesmal. Künstlichen, natürlich.

Album: Fatima Al Qadiri «Asiatisch» (Hyperdub).

Single: Future Brown «Wanna Party» (Warp).

Erstellt: 14.12.2014, 17:19 Uhr

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