«Auch Skihütten-Musik hat ihre Berechtigung»

Viele Wege führen zur Zürcher «Stubete am See»: Der Tonhalle-Klarinettist Florian Walser und die Jodlerin Nadja Räss fanden von ganz unterschiedlichen Seiten her zur Volksmusik.

Trachten statt Fräcke: Die Geschwister Küng brachten 2008 bei der letzten «Stubete am See» Appenzeller Musik in den kleinen Tonhalle-Saal.

Trachten statt Fräcke: Die Geschwister Küng brachten 2008 bei der letzten «Stubete am See» Appenzeller Musik in den kleinen Tonhalle-Saal. Bild: Aschi Meyer

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Wie kamen Sie zur Volksmusik?
Nadja Räss: Ich wurde sozusagen hineingeboren. «Min Vater isch en Appezöller» – der Liedtitel entspricht in meinem Fall der Realität, und bei Familienfesten wurde immer gesungen. Zu Hause liefen oft Platten mit dem Pragel-Chörli – so bin ich mit dem Naturjodel aufgewachsen. Ich wusste schon sehr früh, dass ich Jodlerin werden will.
Florian Walser: Ich habe Volksmusik weder gespielt noch gehört, bis ich etwa 25 war. Aber dann war mir diese Musik sehr vertraut – und ich frage mich seither, wie direkt die Volksmusik eines Landes mit dem Land selbst zu tun hat. Kann es sein, dass man sich in dieser Musik wiederfindet, nur weil man in einem Land zu Hause ist?

Und, was ist Ihre Antwort?
Walser: Ich denke schon, dass es musikalische Elemente gibt, die die Natur und das Wesen der Menschen widerspiegeln. Volksmusik ist ja überall einfach; aber in der Schweiz ist sie sehr, sehr einfach, in den Harmonien, in den melodischen Mustern. Es ist eine gewisse Enge in dieser Musik, eine Sprödigkeit, die ich sehr schweizerisch finde. Die österreichische Volksmusik etwa ist viel geschmeidiger, und wenn ich mit einem Österreicher rede, dann finde ich da durchaus Bezüge zur Sprache und zur Art.

Sie haben also die Volksmusik als musikalisches Zuhause entdeckt?
Walser: Einerseits, ja. Dazu kommt, dass in der Volksmusik jeder ungeniert die Stücke verändert; das gefällt mir, und es fehlt mir in der klassischen Musik.
Räss: Gleichzeitig gibt es gerade in der Volksmusik sehr viele Regeln. Es ist festgelegt, wie ein Naturjuz gesungen werden muss oder dass ein Schwyzerörgeli nicht mit einem Klavier spielen darf. Am Jodlerfest kann nur mitmachen, wer die Vorgaben des Verbandes erfüllt – musikalisch, aber auch von den Kleidern her. Die Freiheit, von der du sprichst, gibt es vor allem bei den ganz alten Sachen, die nicht kanonisiert wurden.
Walser: Diese alten Stücke werden ja jetzt allmählich wiederentdeckt, und es hat viel mit dieser historischen Bewegung zu tun, dass ich mich für Volksmusik interessiere. Was in den Skihütten lief, hat mir nie gefallen, das war mir zu monoton. Aber die Quellen vor 1920 sind spannend, und sie sind wohl auch verantwortlich für den Boom, den die Volksmusik derzeit erlebt.

Aber die Skihütten-Volksmusik, die gibt es daneben immer noch?
Räss: Und wie! Man muss nur den Fernseher einschalten: In der Sendung «Hopp de Bäse» etwa wird mehrheitlich solche Musik gespielt. Ich bin überzeugt, dass das viele abschreckt, die sich für andere Formen der Volksmusik durchaus interessieren könnten.
Walser: Wobei man schon aufpassen muss: Jede Musik hat ihre Berechtigung, auch jene, die wir jetzt etwas abschätzig als Skihütten-Musik bezeichnen. Ich bin überzeugt, dass das, was wir heute machen, nur möglich ist, weil eben vorher alles ein bisschen eng war und wenig Experimentelles Platz gehabt hat.

Experimente gibt es heute viele; was halten Sie zum Beispiel davon, wenn sich der Rapper Bligg auf Volksmusik bezieht?
Räss: Es ist immer gut, wenn auch andere Publikumsschichten mit Volksmusik in Berührung kommen.
Walser: Entscheidend ist, ob dabei etwas Neues entsteht, ob sich die Stile wirklich begegnen; dann wäre ich bei jedem Versuch dabei. Aber nicht, wenn Volksmusik nur dekorativ verwendet wird.
Räss: Genau – es gibt genug Beispiele von Leuten, die gemerkt haben, dass sich Volksmusik im Moment gut verkauft, und die dann einfach bei irgendwas noch ein bisschen drüberjodeln. Aber das merkt man sofort.
Walser: Um noch einmal das Schweizer Fernsehen zu erwähnen: Ich war sehr beeindruckt von dem, was Dani Häusler kürzlich in «SF bi de Lüt» mit der SF Huusmusig und der Sängerin Nubya gemacht hat. Das war wirklich kreativ, und es hat mich gefreut, so etwas im Fernsehen anzutreffen, wo sonst eben eine andere Art Volksmusik dominiert.

Wenn sich die Stile mischen, prallen auch unterschiedliche Welten aufeinander. Volksmusik spielt in einem anderen Kontext als klassische Musik zum Beispiel.
Walser: Ich habe schon mit vielen Tonhalle-Musikern Volksmusik gespielt, da gibt es keine Vorurteile. Manchen ist dagegen fremd, wie ich mit klassischer Musik umgehe. Wenn ich etwa in einen volkstümlichen Schubert-Walzer ein Thema aus der «Unvollendeten» einbaue: Das geht vielen zu weit.

Weil die Musik dabei entweiht wird?
Walser: Ja. Ich finde es ja ganz gut, wenn die Klassik ein bisschen «entheiligt» wird. Aber vor allem geht es mir darum, die Musik in einen anderen Kontext zu stellen. Schubert hat viel Volksmusik gemacht, und auch in seinen Sinfonien gibt es ganz einfache Melodien, die erst im klassischen Zusammenhang diese heilige Aura bekommen.
Räss: Das Ziel ist doch, dass die Musik lebendig bleibt.
Walser: Das unterstellt nun schon fast wieder, dass die Klassik «tötelet» – das stimmt ja nicht.
Räss: Nein, natürlich nicht. Aber dieses Gefühl der Ehrfurcht gegenüber der klassischen Musik, das hatte ich lange auch. Ich habe ja keinen Ton Klassik gesungen, bis ich 18 war. Dann wollte ich studieren, und es gab eben nur die klassische Ausbildung. Ich habe dann bei verschiedenen Lehrern vorgesungen, und viele von ihnen haben mir geraten, mit dem Jodeln aufzuhören, weil das die Stimme kaputtmache. Das zeigt doch, wie getrennt diese Welten bis vor kurzem noch waren. Inzwischen hat sich das geändert, gerade auch in der Ausbildung.
Walser: Diese Öffnung in der Ausbildung wird übrigens auch ihre Folgen haben für den Klassikbetrieb, da bin ich überzeugt. Da wird sich manches ändern, auch ändern müssen. Die «Stubete» ist nur ein erster Schritt.

Und welche Wünsche hätten Sie für die Zukunft der Volksmusik?
Räss: Dass in der vokalen Volksmusik ebenso viel in Bewegung kommt wie in der instrumentalen. Beim Gesang ist vieles noch sehr starr, wir sind in der Entwicklung 10, 15 Jahre im Rückstand.

Hat das nicht vor allem mit den Texten zu tun? Die sind ja heute oft tatsächlich schwierig zu goutieren.
Räss: Ich persönlich singe lieber ohne Text, da kann man die Dinge ausdrücken, ohne sie beim Namen zu nennen. Bei den textierten Jodelliedern muss man eben immer die Zeit mitdenken, in der sie entstanden sind. Ich habe zum Beispiel keine Mühe, ein sehr patriotisches Lied zu singen, wenn ich weiss, dass es geschrieben wurde, als rundherum Krieg war.
Walser: Aber die Texte sind doch schon ein Problem! Wenn ich alte Volksliederhefte anschaue, dann denke ich oft: Die Melodien sind so schön, wenn nur die Texte nicht wären...
Räss: Manche Texte muss man halt gestalten wie eine Schauspielerin. Das muss man im klassischen Repertoire ja auch. Und oft ist es doch so, dass die Texte der Jodellieder zwar einfach gestrickt sind, aber durchaus zeitlose Wahrheiten treffen: «Kamerade wämmer si, immer zämehebe...»
Walser: Aber eben, da stolpere ich schon über das Wort «Kamerade». Ich glaube wirklich, dass die Texte ein Hindernis sind bei der Aufarbeitung der Volkslieder.
Räss: Zugegeben, an der Formulierung könnte man arbeiten... Aber wenn man Volkslieder aus der Zeit um 1900 nimmt, dann gibt es ja auch ganz andere Texte, ziemlich deftige, solche über den Tod, über viele schlimme Themen. Erst später wurde alles schöngesungen. Und ich bin überzeugt, dass diese alten Lieder heute ein grosses Potenzial hätten, das noch längst nicht ausgeschöpft ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2010, 20:14 Uhr

Hören, tanzen, mitspielen

Bis 1939 wurde in der Tonhalle auch Volksmusik gespielt. Danach blieb von dieser Tradition nur noch eine volkstümliche Szene im Deckengemälde übrig – bis der Tonhalle-Klarinettist Florian Walser 2008 die «Stubete am See» gründete. An diesem Wochenende findet die zweite Ausgabe statt, und wieder werden parallel zwei Bühnen bespielt: Im kleinen Tonhalle-Saal gibts Konzerte mit innovativer Volksmusik – auf dem Bauschänzli darf nach traditionellen Tönen auch getanzt werden.

Für den Saal hat Florian Walser 123-jährige Stücke der Sagemattler Bauernkapelle ausgegraben, die er zusammen mit vier Tonhalle-Kollegen aufführt. Nadja Räss präsentiert mit ihrem Projekt stimmreise.ch ein neues Naturjodel-Programm (auch ein E-Bass ist mit von der Partie). Die ganz alte Volksmusik – vor dem Jodel, vor dem Alphorn – ist mit dem Ensemble Tritonus vertreten. Ein festivaleigenes Ländlerorchester spielt eine Uraufführung von Dani Häusler. Und auch sonst bietet das Programm einen vielfältigen Einblick in eine lebendige Szene, unter anderem mit der Hanneli-Musig, mit Max Lässer oder dem Duo Roberto e Dimitri, in dem der Clown für einmal als Sänger zu entdecken ist.

Auf dem Bauschänzli spielen Ils Fränzlis da Tschlin, Thomas Marthaler, die Hanneli-Musig und viele weitere zum Tanz auf. Und ganz im ursprünglichen Sinn der Stubete kann bei verschiedenen Anlässen mitspielen, wer ein Instrument dabeihat.

Tonhalle und Bauschänzli, Sa 14–23 Uhr, So 10/11–17 Uhr. www.stubeteamsee.ch

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