Auf dieses Album hat die Pop-Welt gewartet

Janelle Monáe feiert in «Dirty Computer» die Kraft der weiblichen Sexualität.

Persönlich, frisch, kampflustig und gegen US-Präsident Donald Trump: Janelle Monáe und ihr Album «Dirty Computer». Foto: Getty Images/Christopher Polk

Persönlich, frisch, kampflustig und gegen US-Präsident Donald Trump: Janelle Monáe und ihr Album «Dirty Computer». Foto: Getty Images/Christopher Polk

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Auch im Pop liebt man die Geschichten von den grossen Künstlern, die sich zwischenzeitlich ins Abseits verirren und später wieder zur alten Grösse finden – oder sogar über sie hinauswachsen. So eine Geschichte lässt sich auch über Janelle Monáe erzählen. Die Single «Yoga» der Sängerin aus Kansas City gehörte 2015 zu den peinlichsten Songs der jüngeren Popgeschichte. Ein verwirrter Mix aus Hip-Hop und schrillen Synthie-Sounds. Dazu reimte Monáe schlüpfrigen Quatsch: «Bück dich, Baby, bück dich», «Darf ich dich auch mal ein bisschen stretchen?»

Sofort vermisste man die geniale Science-Fiction-R&B-Sängerin Janelle Monáe, die auf Alben wie «The ArchAndroid» (2010) afrofuturistische Songs über emanzipierte Androidinnen gesungen hatte, unterlegt von derben poppigen Funk-Arrangements.

Trailer zum Album «Dirty Computer». Video: Youtube/Janelle Monáes

Den kreativen Notstand überwand Monáe dann im Film. Sie spielte 2016, als Schauspieldebütantin, in gleich zwei Kinohits mit. In «Hidden Figures» war sie eine der drei schwarzen Mathematikerinnen, die in den 60ern massgeblich die Raumfahrtprogramme der Nasa mitentwickelten. Und in «Moonlight» spielte sie die Freundin des Drogendealers Juan, der zum Ziehvater der Hauptfigur wird. «Moonlight» erhielt den Oscar als Bester Film. Toll für Janelle Monáe. Nur: Würde sie je wieder ein gutes Album aufnehmen?

Die Frage klingt jetzt absurd, nachdem das neue Werk der 32-Jährigen erschienen ist. «Dirty Computer» ist ein grossartig durchkomponiertes Popalbum, auf dem die Sängerin Elemente aus der düsteren Trap-Musik Hand in Hand gehen lässt mit Funk, Soul und Zitaten aus dem 80er-Softrock. Trotz des Reichtums an Referenzen klingen die Songs frisch, und hört man genauer auf die Texte, entpuppen sie sich als scharfe Kritik an den Verhältnissen in den USA, als Kampfansage gegen den Trumpismus.

Das Spiel mit den Buchstaben

Es sind viele berühmte Gäste mit dabei: Brian Wilson, der Ober-Beach-Boy, steuert zum Eröffnungssong ein paar traumhafte Surf-Chöre bei. Stevie Wonder erzählt in einer Sprechrolle in «Stevie’s Dream», dass die beste Antwort auf Wut immer noch Liebe sei. Und Pharrell Williams macht bei «I Got the Juice» mit. Im Zentrum steht aber immer Monáe, sie ist hier der Boss. Der wichtigste musikalische Partner ist dabei aber noch gar nicht genannt: Es ist Prince.

Janelle Monáe war mit dem vor zwei Jahren verstorbenen Pop- und Funk-Genie eng befreundet. Prince, so heisst es, wollte Monáe bei ihrem neuen Album helfen und sammelte kurz vor seinem Tod in seinem Paisley-Park-Studio noch Sounds für sie zusammen. Der tief reindonnernde Schock-Synthesizer im Funk-Song «Make Me Feel» könnte einer dieser Prince-Sounds sein.

Video: «Make Me Feel» Quelle: Youtube

Prince war ein Popstar, dessen Einzigartigkeit sich sogar noch in seiner eigenen Rechtschreibung ausdrückte. Er kürzte in Songtiteln Worte zu Buchstaben oder ersetzte sie durch Ziffern. Monáe macht es ähnlich. Sie ersetzt in zwei Titeln auf «Dirty Computer» den Buchstaben I durch den Buchstaben Y – bei «Take a Byte» und der sensationellen Single «Pynk», die sie mit der Produzentin Grimes geschrieben hat. Das Buchstabenspiel hat seinen Grund: Die Songs feiern die «Pussy Power», die Kraft der weiblichen Sexualität. Und passt das Y nicht besser zum Pink der Vagina als der recht phallische Buchstabe I?

Video: Pussy Pants in «PYNK» Quelle: Youtube

Androiden kämpfem um Gleichberechtigung

Sex spielt auf dem Album eine grosse Rolle – aber nicht auf die platte Yogamattentour. Vielmehr gehört Sex mit hinein in Monáes Reflexion über Politik, Macht und den Status quo in Washington. Dort vermischen sich ja (mutmasslicher) Sex und Machtmissbrauch gerade auf üble Weise. Der Song «Screwed» scheint das mit Feelgood-Funk aufzugreifen. Die Inspiration sei das böse Erwachen am Morgen des 9. November 2016 gewesen, als Donald Trump, der bekennende «pussy grabber», plötzlich designierter US-Präsident war, schreibt Monáe. «We’re screwed» flucht man in Amerika, wenn man sich in einer hoffnungslosen Situation wiederfindet. Oder man sagt «Let’s get screwed», wenn man mit Alkohol alle Sorgen vergessen will. «Screwed» wäre mit seinen federnden Bässen und Funk-Gitarren genau der richtige Hit dafür. Selten hat ein Dance-Song politische Verzweiflung und Jetzt-erst-recht-Hedonismus zwingender zusammengebracht.

Auf früheren Alben von Monáe wäre so ein Song nicht denkbar gewesen. Da blieb sie konsequent in ihrer Rolle. Ihr Alter Ego, das sie für sich erfunden hatte, hiess Cindi Mayweather, sie war eine rebellische Androidin und war inspiriert von der Maschinenfrau Maria aus Fritz Langs «Metropolis». Mayweather, so Monáe in ihrer Saga, wird 2719 zur messianischen Figur für die Androiden-Community, weil sie sich gegen die Menschen auflehnt. Die Androiden kämpfen um Anerkennung und Gleichberechtigung.

Von der Gegenwart eingeholt

In dieser Saga konnte man Parallelen zum Kampf der Schwarzen in den USA erkennen. Aber weil es eine technisierte, digitalisierte Saga ist, passt sie 2018 nicht mehr recht in die Zeit, in der es nicht ganz unplausibel erscheint, dass mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) einem hochstaplerischen Tycoon zur Macht verholfen wurde. Monáes Erzählung von der diskriminierten KI ist von der Gegenwart sozusagen eingeholt worden. «Emoticons, decepticons, and autobots / Who twist the plot?», fragt sie auf «Dirty Computer» im Rapsong «Django Jane». Mit anderen Worten: Was ist schiefgelaufen, oder: Wer beherrscht hier wen? Viel deutlicher als bisher tritt Monáe als Mensch hinter ihrer Musik hervor, sie verbindet Persönliches mit Spass und politischem Bewusstsein.

Diese neue Offenheit bringt es auch mit sich, dass Monáe nun offen darüber spricht, dass sie sowohl auf Frauen wie auf Männer steht. Die Bezeichnung «bisexuell» mag sie nicht, sie nennt sich lieber «pansexuell» respektive: «I consider myself to be a free-ass motherfucker.» So sagte sie es kürzlich in einem Radiointerview, und dann kam sie wiederum auf Prince. Der sei auch so ein «free-ass motherfucker» gewesen. Übersetzen lässt sich das natürlich nicht.

Janelle Monáe: Dirty Computer (Warner) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2018, 06:23 Uhr

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