Bei ihr geht es um Dringlichkeit

Die Bassistin Martina Berther gehört zu den gefragtesten Musikerinnen der Schweiz. Nun wird sie von der Stadt Zürich mit einem Werkjahr ausgezeichnet.

«Ich hielt einfach die Hand hoch»: Martina Berther wechselte erst als Teenager zum Bass. Foto: Sabina Bobst

«Ich hielt einfach die Hand hoch»: Martina Berther wechselte erst als Teenager zum Bass. Foto: Sabina Bobst

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«Das ist für Buben.» Hiess es, als Martina Berther als Teenager eigentlich Schlagzeug spielen wollte. «Wir brauchen unbedingt noch Frauen im Programm», heisst es heute zuweilen, wenn die Bassistin für ein Konzert engagiert wird. «Bedeutet das jetzt, dass ich als Mann gar nicht spielen würde?», fragt die Bündnerin. «Da muss ich jeweils aufpassen, dass ich mir nicht zu viele Fragen stelle.»

Aber nicht, dass sich hier eine über ihre Gegenwart beklagen würde. Denn die 34-Jährige, die nun mit einem Werkjahr der Stadt Zürich ausgezeichnet wird, hat derzeit nur wenig Raum und Zeit übrig, neben all den Bands, in denen sie als Sidewoman spielt; in Gruppen wie jener des Luzerner Folkies Long Tall Jefferson, der R'n'B-Band True oder der Jazzformation Weird Beard.

Mit neuen Klängen sich selbst überraschen

Auch dank ihrer eigenen Projekte steht sie in letzter Zeit immer stärker im Fokus: Da ist ihr hochenergetisches Duo Ester Poly, das sie gemeinsam mit der Genfer Schlagzeugerin Béatrice Graf betreibt, das Kollektiv Aul, mit dem sie sich während ihres Studiums an der Jazzschule Luzern musikalisch befreite, wie sie selber sagt, oder ihr Soloalias Frida Stroom. An diesen Auftritten experimentiert sie mit Spielweisen und Effektgeräten, sucht nach neuen Klängen, die selbst sie, die genaue Soundforscherin, selber überraschen.

Wenn man das so aufzählt, kann das Bild einer Musikerin entstehen, die zwischen Pop, Jazz, Punk und Noise lebt. Aber dieses Zwischendrin, dieses Ungefähre ist ein schiefes Bild für das, was Martina Berther als Musikerin macht. «Natürlich tanze ich auf sehr vielen Hochzeiten», sagt sie. «Aber mir geht es um neue Verbindungslinien, um die Betonung von Gemeinsamkeiten, die ja beispielsweise zwischen Punk und improvisiertem Jazz bestehen.» Berther, die seit vier Jahren in Zürich lebt, sagt dann, dass es in beiden Musiken um den Moment geht. Um die Energie. Schliesslich: um die Dringlichkeit, ein Wort, das sie gerne benutzt.

Im Gespräch ist diese Bestimmtheit und Verbindlichkeit zu spüren, die darauf hinweist, dass Martina Berther jene Musik scheut, bei der nichts passiert. Musik, die belanglos wirkt und nach einem Wohlstandshobby klingt, wie sie sagt. Sie mag es ja selber nicht, wenn jemand nach einem Konzert zu ihr kommt und bloss sagt: «Das war gut.» Viel lieber hat sie es, wenn sie das Publikum herausfordern kann. Wenn es ihr gelingt, Leute, die nichts mit improvisierter Musik am Hut haben, trotzdem zu faszinieren.  

Vorstand entschied, ob das Mädchen Bass spielen darf

Herausfordernd war ja auch ihr musikalischer Weg: Da war das Schlagzeugspielverbot, und das Klavier war keine Möglichkeit, da sie mit ihrer Familie in einem Block in Chur aufgewachsen ist. So spielte sie nach einer Art Ausschlussverfahren in der Jugendmusik zuerst Trompete, wechselte aber als Teenager das Instrument, als der Bassist altersbedingt aus dem Orchester austreten musste. «Ich hielt einfach die Hand hoch, was dem Dirigenten schlaflose Nächte bescherte», erinnert sich Berther. Sie erwähnt auch, dass der Vorstand darüber entscheiden musste, ob sie als Mädchen dieses Instrument überhaupt spielen darf.

Aber sie wurde dann vom Bassisten Luca Sisera gefördert, schaffte die Aufnahme an die Jazzschule Luzern, wo sie sich neben jenen, die mit Jazz aufgewachsen waren und schon jahrelang Unterricht nahmen, wiedergefunden hat. «Bin ich überhaupt gut genug?», fragte sie sich in jener Zeit, in der ihr das Wasser bis zum Hals stand, immer wieder. «Oder hat man mich nur genommen, weil ich eine Frau bin und Bassisten sowieso rar gesät sind?» Und ja, sie wisse mittlerweile, dass sie gut genug sei.

«Ich bin eigentlich gerne eine Quotenfrau»

Es geht ihr nun darum, wieder Raum zu gewinnen, der ihr zunehmend knapp werde. «Vielleicht muss ich strikter werden in der Wahl meiner Bands, damit ich mehr Zeit habe, um meine eigenen Projekte voranzutreiben», sagt Martina Berther. Sie erzählt dann, dass sie, wenn sie denn die technischen Skills bereits hätte, gerne Musik produzieren oder komponieren würde – ganz ähnlich, wie das die englische Cellistin und Komponistin Mica Levi macht, von der sie Fan ist.

Und natürlich ist da auch ihr Wunsch, dass Frauen in der Musiklandschaft stärker wahrgenommen und nicht mehr auf ihr Geschlecht reduziert werden. «Bei Ester Poly werden wir beispielsweise oft bloss auf unsere feministischen Texte eingedampft; unsere Rolle als Musikerinnen bleibt da zuweilen auf der Strecke», sagt Berther. Und was macht sie denn, wenn sie wieder nur gebucht wird, weil noch eine Frau im Konzertprogramm fehlt? «Ich bin eigentlich gerne eine Quotenfrau, weil es auch um Sichtbarkeit geht. Aber klar, es fühlt sich viel besser an, wenn man weiss: Es geht nicht um das Geschlecht, sondern nur um meine Musik.»

Weitere Werkjahr-Auszeichnungen à je 48000 Franken gehen in der Sparte «Jazz/Rock/Pop»an Jimi Jules und Tinguelydä Chnächt. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 30.11.2018, 10:51 Uhr

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