Bewährter Plüsch, aber mit Ecken und Kanten

Es gibt ihn noch, den Optimismus à la Plüsch. Aber auf «Eile mit Weile», dem vierten Album der Band, ist noch mehr zu hören: richtig Trauriges zum Beispiel.

Plüsch sind wieder da, in ihrem alten Reich, aber mit vielen neuen Farben.

Plüsch sind wieder da, in ihrem alten Reich, aber mit vielen neuen Farben. Bild: zvg

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Jede Nacht wünscht er sich woanders hin. Träumt sich per TV in den Wilden Westen, hin in die weite Prärie, weg von der einsamen Enge des Wohnzimmers. «Är drückt dr Chnopf ar Fernbedienig / Uf ei Schlag stoppt d’Prärie / Itz hockt är wieder uf sim Sofa», singt Andreas Ritschard alias Ritschi im letzten Song des Albums «Eile mit Weile». Es ist ein schlichtes, melancholisches Lied im Reiterschritt, das vom kleinen Unglück erzählt. Und es ist ein Highlight des neuen Plüsch-Albums. Denn Plüsch sind immer noch dann am grössten, wenn sie das Kleine besingen – nicht den Schmerz der Welt, sondern den Weltschmerz des Einzelnen: Liebeskummer, Hoffnung, Enttäuschung, Liebe, Verlust.

Entschlossener

Musikalisch haben sich die fünf Berner Oberländer weiterentwickelt. Entschlossener, dringlicher kommen die Songs daher, vielseitiger in Stil und Arrangement, was dem Album insgesamt mehr Tiefe verleiht: Da findet man einen zarten, pianobegleiteten Song, der Traurigkeit zulässt («Wo füehrt das nume hi»), neben «I vermisse di», einer typischen Mitsing-Ballade, durchdrungen vom bekannten Plüsch-Optimismus. Da findet sich mit «I verliere gärn» ein Song, der mit seinem rockigen Refrain mitreisst. Und mit «Gsichter vo dr Stadt» liefert die Band den obligaten Ohrwurm. Die neue Vielseitigkeit steht der Musik gut, auch wenn die Tiefe der einen Songs zwangsläufig die Oberflächlichkeit der andern hervorhebt («Dr inner Souhund», «I vermisse di»).

Kratziger

Auch Ritschis Gesang hat an Facetten gewonnen. Hie und da wechselt er in die Kopfstimme oder lässt die Stimmbänder kratzen, wenn die Stimmung des Songs keine schöneren Töne zulässt («We’s chli beidi wei»). Da ist zwar immer noch kein Wahnsinnsorgan, aber doch eine sympathische, angenehme Stimme, die einem vertraut vorkommt. Als würde man in gemütlicher Runde vor dem Kamin sitzen, und plötzlich stimmt einer ein Lied an.

«Hie i sim Rich isch är dr Sheriff», singt der bald 33-Jährige Ritschi im «Popcornwestern». (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.02.2012, 16:19 Uhr

Mundart-Rock nach Berner Art: Das Cover von «Eile mit Weile»

Video (Quelle: Youtube)

Ein Einblick: «Making of» zur neuen Plüsch-Platte.

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