Schlagerfuzzi statt Poet

Diese Woche kommt Bob Dylan ins Land der Dylans: Neben Polo Hofer versuchte sich auch schon Toni Vescoli mit der schweizerdeutschen Adaption des US-Songpoeten. Versuche, die stets kläglich scheitern.

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Polo Hofer kommt beim Publikum immer an: In den 1970er-Jahren machte er mit dem «Kiosk» Kasse, 2006 erklomm er mit der «Alperose» den Gipfel der Beliebtheit – das Fernsehpublikum wählte den Song damals zum grössten Schweizer Hit aller Zeiten – und nun stürmt er mit seinem neuen Album «Polo Hofer singt Bob Dylan» die helvetische Hitparade.

Von «Gott» zu «Herrgott»

Aber Polo Hofer macht auch alles, damit er beim Publikum ankommt: Er sang ein Loblied auf einen Radiosender, als diesen alle hören wollten, er hielt sich dank Duetten mit aktuellen Schweizer Musikgrössen geschickt im Business und zeigt sich nun rechtzeitig zu Bob Dylans rundem Geburtstag und dessen Schweizer Auftritt als Interpret des amerikanischen Songpoeten. Polo Hofer ist ein wahres Chamäleon, das sich jedem Jahrzehnt anpasst.

Und so behandelt er auch Dylans Songmaterial: Er färbt es gnadenlos um und passt es der Schweizer Umgebung an. Aus «All along the Watch Tower» macht Hofer wortgetreu «Überall ume Wachtturm», aus «Most Likely You Go Your Way – and I Go Mine» wird berndeutsch holprig «Sehr wahrschynlech geisch du dy Wäg – und i gah myne o». Polo singt Dylan, als wäre der ein Berner Oberländer. Manchmal weitet er den Kreis ein bisschen aus – etwa, wenn er mit der Walliserin Sina oder dem Zürcher Toni Vescoli je ein Duett singt.

Eben dieser Vescoli hat sich auch schon in der Adaption von Dylan-Songs ins Schweizerdeutsche versucht. Begann Dylans «Forever Young» bei Vescoli mit den Zeilen «Mög Gott sägne, dich behüete / dini Träum erfülle laa», singt nun Polo «Mög der Herrgott di beschütze / möge dyni Tröim wahr worde sy».

«It Ain't Me, Babe»

Beim Titel «Highway 61 Revisited» überbieten sich die beiden Pseudo-Bobs beim Einschweizern: Macht Hofer aus «Georgia Sam», der von der Fürsorge keine Kleider kriegt und sich deshalb an «Howard» wendet, einen «Clochard-Sämi», der mit «Hueber» spricht, so sprach bei Vescoli «de Trinker Joe» mit «Pfarrer Sieber» – eins zu null für den Zürcher in Sachen Originalität.

Doch es ist müssig, darüber zu richten, welcher Dialekt-Dylan nun der bessere Bob ist – letztlich scheitern sie beide an der Poesie des Altmeisters aus den USA. Die Schweizer Sänger haben sich mit ihrem Unterfangen auf das schlüpfrige Feld der deutschen Schlagerfuzzis aus den 1970er-Jahren begeben: Damals meinten Howard Carpendale und Co., sie müssten jeden Hit aus dem angelsächsischen Raum ins Deutsche übertragen. Ausser dem pädagogischen Nutzen, dass die Zuhörer endlich den Text verstanden, blieb nicht viel übrig.

Das trifft leider auch auf die Übersetzungsarbeiten von Toni Vescoli und Polo Hofer zu. Und Bob Dylan bleibt nur eine Möglichkeit, sich von dieser Nachmache abzugrenzen und zu zeigen, wer der wahre Bob ist: Am 24. Juni muss er bei seinem Schweizer Konzert in Sursee in Bezug auf seine eidgenössischen Epigonen «It Ain't Me, Babe» zum Besten geben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.06.2011, 12:49 Uhr

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