Interview

«Christoph Blocher – ist das nicht dieser linke Gutmensch?»

Der Rapper Kutti MC, auch bekannt als Dichter Jürg Halter, über die Swiss Music Awards, sein Verhältnis zur Schweiz und was er gerne mit Adele machen würde.

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Kutti MC, Sie haben für die Swiss Music Awards auf Twitter um Unterstützung gebeten. Die Awards bedeuten Ihnen offenbar etwas?
Sie folgen mir auf Twitter? Ich bedeute Ihnen offenbar etwas. Im Ernst: Ich freue mich über diese Nominierung, noch mehr freue ich mich aber, dass Kuno Lauener mich in seinem neuen Videoclip zu «Göteborg» tanzen lässt.

Werden Sie an der Preisverleihung teilnehmen?
Nein, ich habe an diesem Abend ein Konzert im Salzhaus in Winterthur.

Sie sind zusammen mit Stress und Phenomden für «Best Album Urban National» nominiert – was halten Sie von Ihren Konkurrenten?
Stress hat eine beeindruckende Bühnenpräsenz, Phenomden bringt das Zürideutsch zum Singen. Ich habe einen Grundrespekt vor allen Menschen, die sich mit Leidenschaft für ihre Vision einsetzen und nicht einfach vom Sofa aus alles kritisieren, ausser sich selbst.

Gibt es einen Schweizer Hip-Hopper, mit dem Sie sich gut verstehen und dessen Arbeit Sie schätzen?
Ich schätze viele: Baze, E.K.R., Kuno Lauener, Big Zis, Sophie Hunger, Göldin, Liricas Analas und Endo Anaconda.

Wer genau sind die von Ihnen geschmähten «Hip-Hop-Nazis», «die ständig erklären wollen, was real sei»?
Wer sagt, was Hip-Hop ist? Und wen interessiert die Frage überhaupt? Es geht immer nur um Musik. Stil- und Genregrenzen einzuhalten, war nie meine Sache. Ich bin Künstler, nicht Polizist. Ich bin alleine dadurch, dass ich vielseitig bin, eine Provokation für alle Scheuklappenträger. Wer für sich ein ganzes Möbel und nicht nur eine Schublade beansprucht, eckt an. Ich bin Rapper, ich bin Performance-Poet, ich bin Dichter, ich bin mit Jazz-Musikern unterwegs, ich schreibe Bücher, ich mache Hörbücher, ich mache Theater. Ich liebe Hip-Hop, Jazz, Pop, Blues, Elektro, alles was mich bewegt, alles ist eins.

Die Möchtegern-Realness der Schweizer Hip-Hopper ist tatsächlich peinlich. Ihnen wiederum könnte man das Gegenteil vorwerfen: Sie bewegen sich auf einer abstrakt-moralischen Ebene («Die Schweiz ist ein Museum inmitten des Weltuntergangs», «Wir leben unter einer Käseglocke, die unser ganzes System noch perfekt konserviert»). Sagen Sie uns doch mal, was Sie zu folgenden konkreten Themen und Personen denken/halten:

Soll die Schweiz in die EU?
Abstrakt-moralisch betrachtet, kann ich mich zu einem entschiedenen Vielleicht durchringen. Real betrachtet, werden sich nach dem Untergang der EU die Ex-EU-Länder wahrscheinlich um eine Mitgliedschaft in der Schweiz bewerben.

Christoph Blocher?
Ist das nicht dieser linke Gutmensch?

Kampfjet-Debatte?
Die Schweiz sollte besser eine staatliche Friedenstaubenzucht lancieren.

Rentenaltererhöhung?
Ist wohl unausweichlich, da wir immer länger und immer gesünder leben wollen.

Welche Partei wählen Sie?
Ich wähle Personen, nicht Parteien.

Ich frage das auch, weil Sie sich ja immer wieder mit der Schweizer Lebensrealität auseinandersetzen – aber trotzdem sagen: «Die Welt, meine Familie, die Liebe interessieren mich sehr viel mehr als die Heimatfrage.» Nun war das Mundartlied ja die gebrochene Heimatliebe der Gegenkultur – das ist bei Ihnen doch auch so. Wie ist denn nun Ihr Verhältnis zur Schweiz? Was stört Sie, was gefällt Ihnen hier?
Was wollen Sie mit dieser Frage intendieren? Dass es im Leben, dass es in der Kunst immer nur ein Entweder-das-Eine oder Entweder-das-Andere gibt? Das wäre doch traurig, wenn ich die Schweiz mehr als meine Mutter lieben würde, oder? Das heisst aber nicht, dass ich mich mit diesem Land nicht auseinandersetzen darf. Ich bin auf jeden Fall sehr dankbar, hier geboren zu sein, daran denke ich vor allem, wenn ich irgendwo im Ausland bin, wo mir vor Augen geführt wird, dass das, was wir hier für selbstverständlich halten, im grössten Teil der Welt nicht selbstverständlich ist.

Sie treten gerne und viel und unter verschiedenen Namen mit verschiedenen Leuten auf. Ist es ein Problem für Sie, nicht zu performen, wenn die Performance vorbei ist?
Ich setze mich auf der Bühne aus, dem Publikum, mir selbst, sonst müsste ich gar nicht auftreten, ich muss etwas fühlen, dass zwischen mir und den Menschen passiert, alleine um das geht es. Was heisst schon Performance? Ob ein Musiker auf der Bühne steht oder ein Handwerker am Sonntag durch die Stadt spaziert, beide wissen, dass sie gesehen werden. Und wer gesehen wird, performt. Den einen kümmert es wohl einfach weniger. In diesem Zusammenhang fällt mir ein, «authentisch» ist wohl eines der nichtssagendsten Wörter, seit der Mensch welche gebraucht.

Sind Ihre Interviews – und Ihre Texte – deshalb so stark von Ironie geprägt?
Das sagen Sie. Ironisch ist nur eine meiner Seiten. Hören Sie sich mal mein neues Album an. Haben Sie das? Da geht es sehr unironisch um Jugendgewalt, den globalen Geldwahnsinn und um die Liebe. Oder lesen Sie meine Gedichtbände, da kommt alles vor. Ironie bedeutet Distanz zu den anderen, zu den Dingen, zu sich selbst zu nehmen und sich und die anderen nicht zu wichtig zu nehmen. Das ist immer wieder überlebenswichtig, besonders wenn man ein sensibler Mensch ist. Eine Haltung zu haben und trotzdem ironisch zu bleiben, schliesst sich ja nicht aus. Aber wer nie über sich lachen kann, ist ein verbitterter Moralist. Wer ständig ironisch bleibt, ist ein Feigling.

Zurück zu den Swiss Music Awards: Was ist gute Musik, was muss sie beim Hörer auslösen?
Das gibt es nicht: Die gute Musik. Musik ist eine Laune, Musik ändert sich, ändert dich, Musik bleibt, Musik lässt kalt und plötzlich trifft sie dich unerwartet wieder. Und manchmal ist sie nur doof, aber bewegt hübsch deinen Po. Das ist auch okay.

Hat es bei den Awards jemand, der mit Musik berührt – ausser Ihnen?
Alle berühren. Auch DJ Antoine. Das ist nicht eine Frage des Geschmackes. Mich persönlich zum Beispiel berührt Adele. Seit ich vor ein paar Jahren ein Lied von ihr gehört habe, möchte ich einmal mit ihr nachts mit einem Taxi durch London fahren bis die Sonne aufgeht, und sie dann in einem Pub auf ein Champagner-Frühstück einladen.

Erstellt: 02.03.2012, 15:08 Uhr

Swiss Music Awards

Die Swiss Music Awards werden am 2. März auf SF 2 und Joiz übertragen. Kutti MC ist für sein neustes Album «Freischwimmer» nominiert.

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