Comeback eines Totschlägers

Der Rockstar Bernard Cantat steht wieder auf der Bühne – sieben Jahre nachdem er seine Freundin getötet hat.

Ist froh, dass er wieder auf der Bühne stehen kann: Der französische Rockstar Bernard Cantat hat seine Strafe verbüsst. Video: Youtube.com


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Es war schon weit nach Mitternacht, als das Publikum in Bègles bei Bordeaux einen verlorenen Sohn empfing. Laut, kreischend, hysterisch – als gelte es, die lange Abwesenheit von Bernard Cantat, 46, Gründer und Frontmann der französischen Rockband Noir Désir, wegzubrüllen. Um ihm mit einer Ovation alles zu vergeben. Gewissermassen. Wie eine Volksjury. Und Cantat lächelte zunächst unsicher, sang drei Lieder mit einer befreundeten Band, 20 Minuten insgesamt. Gefilmt von vielen Handys. Die verbotenen Mitschnitte stehen nun im Internet und werden millionenfach heruntergeladen.

Man sieht darauf, wie Cantat energisch am Mikrofonständer hantiert, sich rhythmisch auf die Oberschenkel schlägt, die Arme von sich streckt. Wie früher, fast wie früher. Der Reporter des «Parisien» berichtet: «Die Stimme ist klar, mächtig, das Charisma intakt. Unglaubliche Ovation.» Vor allem aber sieht man auf diesen verschwommenen Filmen einen berühmten Menschen, der gerade eine zweite Chance erhält – im karminroten Bühnenlicht. Unverhofft.

Mythen zerfielen

Cantat hat in einer Juli-Nacht 2003 seine Freundin, die Schauspielerin Marie Trintignant, zu Tode geschlagen. Zerfressen von Leidenschaft, von Eifersucht, von blinder Wut. In einem Hotelzimmer in Vilnius, Litauen. Marie, Tochter berühmter Eltern, drehte dort einen Film. Regie führte ihre Mutter. Cantat besuchte sie. Und das prominente Paar stritt, wie es das in seiner noch jungen «Amour fou» so oft tat, über Maries Beziehung zu den drei Männern, mit denen sie vier Kinder hatte. Der Streit artete aus. Cantat schlug zu, wahrscheinlich mehrmals, seine Gefährtin fiel ins Koma. Er zog sie aus, legte ein nasses Tuch auf ihre Stirn, telefonierte mit Freunden und wartete bis am Morgen, bevor er einen Arzt rief. Einige Tage später starb seine Liebe. Mit 41.

Der Fall erschütterte Frankreich. Gleich zwei Mythen zerfielen: hier die selbstbewusste Marie Trintignant, eine wandelnde Ikone der Emanzipation, die zum Opfer eines primitiv zuschlagenden Mannes wird. Dort der Rockstar der Linken, der in seinen Texten engagiert gegen Macht, Kapital und Unterdrückung ansang und sich plötzlich als machohafter Prügler entpuppt. Die französische Presse versuchte, die Szene im Hotel so zu rekonstruieren, dass sich die tödlichen Schläge in einen fatalen Unfall wandelten. Um Legenden zu retten.

«Grosser Künstler»

Die litauische Justiz verurteilte Cantat zu acht Jahren Haft. Er wurde bald nach Frankreich überführt, wo man ihn 2007 mit Auflagen wieder freiliess: Er durfte nicht über die Tat sprechen und nicht öffentlich auftreten.

Nun aber ist die Strafe verwirkt. Endgültig. Die Kontroverse aber, die flammt erst wieder auf in den Zeitungen und in den Blogs. Es gibt Franzosen, die finden, Cantat habe viel zu wenig Zeit in der Haft verbüsst; sein Auftritt sei ein Hohn auf das Opfer und deren Angehörige. Er sei ein Mörder, habe vor dem Gericht von seiner Prominenz profitiert. Und es gibt Franzosen, die der Meinung sind, Cantat habe sehr wohl gebüsst. Er sei ein grosser Künstler, ein genialer Musiker, das Private gehöre getrennt vom Öffentlichen. Ähnliche Voten hörte man kürzlich zur Verteidigung von Roman Polanski.

Es war gegen zwei Uhr früh, als Cantat die Bühne in der heimischen Gironde verliess. «Ah, das tut so gut», sagte er, «und erst noch zu Hause, in der Familie.» Bald will er wieder mit Noir Désir auftreten. Der alte Bandname war ein Omen: schwarzes Verlangen.

Erstellt: 06.10.2010, 06:21 Uhr

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