DJs auf der Flucht

Blade & Beard sind die Partypioniere des Iran. Vor zwei Jahren hatten sie einen Auftritt an der Street-Parade. Heute sind sie Flüchtlinge und warten in der Schweiz auf den Durchbruch.

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Stöhnend hievt Anoosh seinen DJ-Rollkoffer in den Zug und lässt sich auf den erstbesten Sitzplatz direkt neben der Tür fallen. Es ist Montag, 9.37 Uhr. Der Intercity Richtung Chur verlässt den Hauptbahnhof Zürich. Die Sonne blendet.

Der 26-Jährige blickt auf ein wildes Wochenende zurück. Zusammen mit seinem Kumpel Arash war er Teil einer fröhlichen Party, die in einem angesagten Zürcher Kellerclub ihren Höhepunkt fand. Dort unten hatten die beiden Flüchtlinge aufgelegt, während Stunden die coole Zürcher Szene in Bewegung gehalten. Es gab Applaus, kumpelhafte Umarmungen und Küsse für die beiden. Blade & Beard, so nennen sie sich bei ihren Auftritten, waren ein Wochenende lang das, was sie schon immer sein wollen: DJs. Wer es nicht gewusst hat, sah hinter der DJ-Kanzel nur zwei ganz normale Zürcher Hipster: Schlabber-T-Shirts mit tiefem Ausschnitt, Dreitagebart, Tattoos. Auch ihre Musik offenbarte keine Unterschiede. Das iranische Duo legt treibenden House auf, der sich ganz an dem orientiert, was in den europäischen Grossstädten zurzeit gespielt wird. Zürich, Berlin, Teheran: Im Club hat sich die Welt schon längst vereint.

«Musik ist kein Hobby. Sie ist unsere Passion, unsere Chance, unsere Zukunft», sagt Anoosh. Sie meinen es so ernst, dass sie dafür mit ihrer Heimat gebrochen haben, die Familie und Freunde in Teheran wohl für immer zurückliessen. Die Hauptstadt des Iran ist kein guter Ort für einen DJ. «Unter der harten Hand der Mullahs ist die Stadt verstummt. No Fun!», sagt Anoosh tonlos. Offiziell sei alles gedimmt, spassfrei, die Geschlechter getrennt und Ershad, die Religionspolizei, omnipräsent. ­Anoosh war den Sittenwächtern der islamisch geprägten Staatsgewalt zu laut. Es gab Prügel. Anoosh landete im Gefängnis. Ein Freund wurde an einer Party mit viel Alkohol erwischt. Dafür gabs 100 Peitschenhiebe. Ein Foto auf dem Handy zeigt, was das mit der Haut eines Menschen anstellt. Der DJ aber wollte nicht leiser werden. Er wollte auch nichts anderes machen. Darum ging er. «Hätte ich bleiben sollen und verstummen?»

Wenn am nächsten Wochenende zum 25. Mal die Street-Parade ganz Zürich in eine Party verwandelt, wird es ziemlich genau zwei Jahre her sein, dass Anoosh in Zürich an einer Gegenveranstaltung zur Street-Parade aufgelegt hat. Es war sein erster Auftritt im Ausland. Und sein erster legaler überhaupt. «Das war ein unglaublich befreiendes Erlebnis für mich. Es bestärkte mich in meinem Entschluss, alles auf die Karte Musik zu setzen.» Seine Mutter hatte ihm am Telefon noch gesagt: «Komm nicht mehr zurück. Geh raus und lebe dein Leben.»

Partymusik als Fluchtgrund?

So wurde aus dem iranischen Partypionier ein Mann auf der Flucht. Ohne Papiere, aber mit grossen Hoffnungen. Anoosh wurde registriert, offizialisiert und kategorisiert, eine von 67'321 Personen im Asylprozess. Sie alle wollen bleiben. Ob sie dürfen, hängt davon ab, ob sie einen Fluchtgrund glaubhaft machen können. Ob sie wegen ihrer Rasse, ihrer Religion, ihrer Nationalität, ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauung in ihrem Heimatland ernsthaften Nachteilen ausgesetzt waren oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden.

Gilt das auch für diesen jungen Mann, der wegen seiner Partymusik in einen Clinch mit einem islamisch geprägten Regime geraten ist? Anoosh, in der Geschichte des Schweizer Asylwesens wohl der erste House-DJ, wurde ein Jahr nach seiner Registrierung in Kreuzlingen 2015 nach Bern geladen. Eine Mitarbeiterin des Staatssekretariats für Migration (SEM) befragte ihn zu seinem Leben, zu seiner Einstellung, zu allem. Über zwei Tage erstreckte sich das Prozedere. Anoosh, der mittlerweile zusammen mit seinem Kumpel ins Churer Aufnahmezentrum umquartiert worden war, gab alle Antworten. «Alles verlief fair und okay», sagt ­Anoosh. «aber ich bin mir nicht sicher, ob die ältere Dame, die mich befragt hat, tatsächlich auch begriffen hatte, was ein DJ wirklich tut.»

Dann begann das Warten. Zuerst in Chur, elf Monate. Dann in Schluein, vier Monate. Hoch oben in den Bergen, im grünen Nirgendwo wurde das Warten auf den Asylentscheid aus Bern zur grossen Geduldsprüfung. Doch im Gegensatz zu ihren Zimmernachbarn aus Syrien, Somalia oder Afghanistan hatten die beiden DJs eine Aufgabe. Sie feilten im alpinen Asylzentrum weiter an ihrem Sound, mixten, produzierten am Computer ihre eigenen Tracks. Auf Youtube bildeten sie sich mit Tutorials bekannter DJs weiter. Welches Computerprogramm macht den Bass wirkungsvoller? Wie lässt sich das Mischpult noch effizienter steuern? Das Gigabyte an Daten, das den beiden iranischen Asylsuchenden pro Tag zustand, war jeweils schnell aufgebraucht. Aber immerhin: Sie hatten etwas zu tun, ein Ziel. «Ohne die Musik wären wir in dieser grünen Hölle verrückt geworden.»

Der Intercity rauscht durch Ziegelbrücke. Ab jetzt gibts nur noch Berge. Anoosh, aufgewachsen in der 9-Millionen-Metropole Teheran, Sohn eines in Sachen Religion pragmatisch denkenden Kunststoffhändlers und einer emanzipierten Buchhalterin, blickt durchs Zugfenster in die Dunkelheit des Tunnels: «Viele Wände hier in dieser Region.»

Berge, Berge

Er kann nur schwer verbergen, wie unwohl er sich in den Bündner Bergen fühlt. Wie sehr er sich wünscht, nach Zürich verlegt zu werden. Vor Wochen haben sie einen Antrag gestellt, den Kanton wechseln zu dürfen. Sie wollen dorthin, wo der See ist, die Weite und vor allem: wo die Clubs sind. Die Orte, die ihnen die Zukunft bedeuten. Laut Hochrechnungen setzt die Zürcher Partybranche pro Jahr bis zu 1 Milliarde um. Damit ist die grösste Schweizer Stadt auch im internationalen Vergleich ein Clubbing-Hotspot. Und der Iraner, mit seiner westlichen Tanzmusik, will ein Teil davon sein.

Irgendwann will Anoosh auch Berlin erobern, das globale Zentrum der Partyszene. Er will mitmischen in einem Geschäft, das zwischen der deutschen Hauptstadt, Ibiza und neuerdings Las Vegas zum Takt von House und Techno die Massen zum Tanzen bringt. In Teheran hatte er diese fröhliche Community nur aus der Ferne beobachten können. Im Internet, auf Handyfotos. Jetzt ist er nahe dran, manchmal sogar mittendrin. Zürich ist für ihn darum eine Verheissung, das Tor zum Paradies.

In Graubünden hingegen sieht er nichts. Nur Berge. Und Menschen, die ihm nicht so wohlgesinnt sind wie in der kosmopolitischen Grossstadt. «Chur isn’t good for me.» Sollte er nicht dankbarer sein? Seit diesem Frühling ist er anerkannter Flüchtling, Status B. Einer von derzeit 545 im Kanton Graubünden. Die Schweiz gewährt ihm Asyl, zahlt ihm über das Sozialamt Unterhalt. Bietet ihm ein Bett und Essen. Wir passieren Sargans. «Natürlich bin ich dankbar», sagt Anoosh, «mir ist auch bewusst, dass das ein heikles Thema ist. Niemand hat mich gerufen. Es war meine Entscheidung, Teheran zu verlassen.» Dann zeigt er auf die Narbe auf seiner Stirn. «Wenn ich aber darauf schaue, weiss ich, dass es die richtige Entscheidung war.»

Die Verletzung rührt vom Schlagstock eines iranischen Polizisten. Anoosh hatte sich schützend vor das DJ-Mischpult gestellt, als die Beamten eine von ihm organisierte Party stürmten. Sie wurden alle verhaftet, die Anlage konfisziert. Anoosh sah sich mit dem Vorwurf konfrontiert, eine Sexparty veranstaltet zu haben. Feiernde Frauen und Männer im gleichen Raum reichen in der Islamischen Republik dazu bereits aus. Dass bei einem Partygast danach ein Dutzend Kondome gefunden wurden, machte die Sache nicht einfacher. «Es hätte aber schlimmer kommen können,» sagt Anoosh, «wenn mehr Alkohol gefunden worden wäre.» Zum Glück war zu diesem Zeitpunkt aber die Hauptlieferung noch nicht eingetroffen. Ausmalen, was dann passiert wäre, mag er sich nicht.

Diese Razzia bedeutete den Schlusspunkt, die Party war vorbei, und die Paranoia wuchs. Männer standen vor seiner Wohnung. Spitzel? Geheimdienst? Wie tiefgreifend und verstörend das Misstrauen, die gedankliche Enge im Iran ist, zeigt der Dokumentarfilm der Zürcher Filmemacherin Susan Meures. Sie begleitete die beiden in einem sehenswerten Film auf ihrem gewaltlosen Kampf gegen das unmusikalische Regime (siehe Box).

Der Trailer zum Film «Raving Iran» mit Anoosh and Arash. Video: Christian Frei/Vimeo

Chur, 11.52. Der Zug trifft pünktlich ein. Anoosh lächelt, als er das blaue Ortsschild auf Gleis 9 sieht. «Very funny. Die erste grosse illegale Party des Iran feierten wir einst in der Wüste draussen bei einem Städtchen namens Khur. Acht Boxen, zwei Sub­woofer. Es war eine Revolution.»

Im schweizerischen Chur aber ist keine Partystimmung. Kumpel Arash meldet sich per Telefon. Die Leiterin der Asylunterkunft in Cazis, seit vier Monaten das Zuhause der beiden, habe schon mehrmals angerufen. Sie müssten endlich ihr Zimmer räumen. Doch wohin mit den Habseligkeiten? Anoosh hat darauf keine Antwort. Vielleicht tue sich nach dem Mittag was, meint er achselzuckend. Die Caritas, die im Auftrag der öffentlichen Hand die Asylsuchenden betreut, soll informiert sein. Darum steht er jetzt einfach mal nur da, auf Gleis 9, in Chur, dieser Alpenstadt, und wartet. Darin ist er mittlerweile geübt.

Das katholische Hilfswerk, das in Graubünden für die Unterbringung der anerkannten Flüchtlinge zuständig ist, meldet sich schnell. Pünktlich nach der Mittagspause steht der Termin zur Besichtigung einer Wohnung fest. Sie befindet sich nahe Chur, in Felsberg, einem Dorf zwischen dem bedrohlich bröckelnden Calanda und der dröhnenden A 13. Die beiden DJs sollen in eine Dreizimmerwohnung im ersten Stock eines baufälligen Hauses einquartiert werden. Im Parterre lebt bereits eine vielköpfige somalische Familie.

Anoosh nimmt den Niederflurbus Nummer 1, Arash steigt dazu. Die Begrüssung fällt kühl aus, sie setzen sich nicht nebeneinander. Vielleicht kennen sich die beiden einfach schon zu lange, vielleicht ist ihrer Freundschaft zu viel Zweck beigemengt worden. Anoosh wird später sagen, dass sein DJ-Partner oft mit der ungeklärten Zukunft hadert. Sie hätten in der Enge der Asylunterkünfte viele Dispute ausgetragen. Von der Leichtigkeit aus Jugendtagen ist nicht mehr viel übrig geblieben. Eine junge Caritas-Mitarbeiterin holt die zwei an der Busstation in Felsberg ab. Es wird klar, dass sie viele Hebel in Gang gesetzt hat, um den beiden Flüchtlingen in so kurzer Zeit eine Unterkunft zu organisieren. Doch Anoosh und Arash zeigen sich von der Wohnung wenig angetan. Ein schwieriger Moment, die Stimmung ist angespannt. Wäre da nicht etwas Dankbarkeit angebracht?, steht ins Gesicht der jungen Frau geschrieben. Sie wedelt mit dem Mietvertrag in der Hand.

Die Zeit drängt. In der Asylunterkunft Rheinkrone bei Cazis sollen die persönlichen Sachen der beiden schon auf der Strasse stehen. Die Nachfolger, eine junge tibetische Familie, könne nicht länger auf den Einzug warten. Also unterschreiben ­Anoosh und Arash schliesslich.

Am Bahnhof von Felsberg nehmen Anoosh und Arash die S 2, steigen nach 22 Minuten in Rothenbrunnen wieder aus. Halt auf Verlangen. Zur Asylunterkunft Rheinkrone, die sich in einem ehemaligen Hotel an der Hauptstrasse nach Cazis befindet, müssen die beiden über einen langen, geraden Feldweg marschieren. 20 Minuten dauert das. Auf halber Strecke treffen sie auf eine Gruppe Afghanen. Sie wohnt einen Stock weiter unten. Welten treffen zwischen Bündner Kuhwiesen aufeinander. Man grüsst sich unverbindlich.

«Zu spät!»

Die Begrüssung in der Asylunterkunft hingegen fällt gänzlich weg. Stattdessen heisst es: «Ihr seid zu spät!» Die Leiterin des Transitzentrums Rheinkrone ist sauer. Eigenhändig musste sie mit der Hilfe der Bewohner das Zimmer der beiden jungen Iraner ausräumen, um Platz für die tibetische Familie zu schaffen. 50 Franken wird sie für diese Extraarbeit einziehen.

Drei prall gefüllte grosse Plastiksäcke, zwei Rucksäcke, zwei Kartonkisten stehen in der ausrangierten Kegelbahn des ehemaligen Hotels Rheinkrone. Anoosh und Arash rätseln, wie sie ihre Habseligkeiten in ihre Wohnung nach Felsberg schaffen sollen. Sie werden einen Freund aus Chur anrufen. Er ist ebenfalls Iraner, arbeitet in einer Bäckerei. Und er hat ein Auto. Unklar ist aber, ob er kommen kann. Anoosh und Arash werden warten.

Epilog: Jüngst kam ein Schreiben aus Zürich: ­Anoosh und Arash können den Kanton wechseln. Sie dürfen nun offiziell und gegen Honorar in Zürcher Clubs auflegen. Da sie vorher in Graubünden gemeldet waren, war dies nicht möglich. Jetzt wollen sie so viele Auftritte wie möglich absolvieren. Sie können dabei auf die Unterstützung zweier lokaler DJ-Grössen zählen. Zürich soll nun erobert werden. Und danach kommt Berlin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.08.2016, 23:30 Uhr

Raving Iran

Der Dokumentarfilm

Es ist ein gefährlicher Tanz, den die beiden vollführen. Unter der harten Hand der Mullahs werden keine Partys geduldet. Den Konflikt der beiden Teheraner DJs
Blade & Beard mit dem Regime, ihr Hadern mit der Heimat und ihr Hoffen auf die Zukunft zeigt die Zürcher Filmemacherin Susan Regina Meures. Der von der ZHDK und Christian Frei produzierte Film sorgte an diversen
Festivals für Furore. In Nyon gabs stürmischen Applaus und den Jury-Preis. «Raving Iran» hat seinen offiziellen Kinostart am 20. Oktober im Zürcher Riffraff. Es gibt
aber zwei Möglichkeiten, den Film vorher zu sehen: morgen Sonntag, 7. August, am Filmfestival in Locarno und am Street-Parade-Wochenende, 13. August, im Open-Air-Kino Bloom an der Zürcher Geroldstrasse. (cix)

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